"Gob Squad"-Premiere Verstehen Sie Revolution?

Die Freiheit langweilt das Volk: Das Theaterkollektiv Gob Squad forderte in der Berliner Volksbühne zur "Revolution Now!" auf. Doch statt das linksintellektuelle Stammpublikum etwas aufzumischen, geriet die Premiere zum Marsch durch offene Türen.

Die Gob Squad probt an der Berliner Volksbühne die "Revolution Now!"
Thomas Aurin

Die Gob Squad probt an der Berliner Volksbühne die "Revolution Now!"

Von Christine Wahl


Der Abend ist etwa eine halbe Stunde alt, als die Performerin Berit Stumpf von einem Kollegen nach der "revolutionärsten Tat ihres Lebens" gefragt wird. Sie braucht ein paar Sekunden Bedenkzeit. Aber dann bricht es triumphierend aus ihr heraus: Neulich auf der Autobahn habe sie einem drängelnden Porschefahrer den Stinkefinger gezeigt!

Mit dieser spektakulären revolutionären Bilanz ist die Enddreißigerin nicht allein an diesem Donnerstagabend in der Berliner Volksbühne. Stumpfs Kollegin Johanna Freiburg zum Beispiel hat als Achtjährige Diktatoren auf Schmetterlingsbriefpapier gebeten, politische Häftlinge freizulassen, und kauft jetzt ausschließlich in Bioläden ein.

Auch der Großteil des Publikums, das im entstuhlten Zuschauerraum auf Seesäcken lümmelt, dürfte über ähnlich gelagerte Aufmüpfigkeitsbiografien verfügen. Die riesigen Sitzkissen, die von Frank Castorfs Inszenierung "Ozean" über gescheiterte Revolutionäre übrig geblieben sind, eignen sich passenderweise eher für spannungsarme Liegepositionen.

Schon klar: Zwar heißt die Veranstaltung, zu der das deutsch-britische Performance-Kollektiv Gob Squad in die einstige Berliner Kultbühne geladen hat, "Revolution Now!". Aber weil das linksromantische Kulturvolk sich im Zweifelsfall bereits über der korrekten Definition einer "revolutionären Situation" zerstreitet und über Umwälzungen sowieso lieber endlos debattiert, als welche herbeizuführen, geht es in Wahrheit um die ironische Entlarvung von Revoluzzer-Posen. Eine reichliche Stunde lang fährt Gob Squad so ziemlich alles auf, was zu diesem Thema aus Kunst, Popkultur und halbverdauten Philosophie-Seminaren im kollektiven Bewusstsein herumgeistert.

Revolutionsyoga zum Mitmachen

Berit Stumpf reißt sich streberhaft das T-Shirt von der Schulter und legt die rechte Brust frei, um als Revolutionsikone Liberté aus Eugène Delacroix' Gemälde "Die Freiheit führt das Volk" zu posieren. Die Kollegen sind begeistert und schießen schnell ein Foto von der "ultimativen Revolutionstitte". Blöd nur, dass nach einem derart spektakulären Körpereinsatz auch jeder irgendwie ein verbales Statement erwartet! Stumpf fällt aber beim besten Willen nichts anderes ein, als stumm die Fahne zu schwenken.

Ihren Mitstreitern geht es nicht anders: Simon Will rockt sich mit eindrucksvoller Lust an der Peinlichkeit durch die revolutionäre Musikgeschichte. Johanna Freiburg arrangiert ihre Kollegen immer wieder zu Revolutionstableaus für künftige Geschichtsbücher. Und Sharon Smith animiert das Publikum wiederholt zu einer Art Revolutionsyoga: Die Zuschauer erheben sich auf Befehl solidarisch von ihren Sitzsäcken, schütteln sich ein bisschen im Takt und berühren anschließend ganz umstürzlerisch ihren jeweiligen Nebenmann. Alles kein Problem, schließlich ist man hier unter sich: Die als "Wunderkind der Bohème" gefeierte Helene Hegemann, die sich in ihrem literarischen Debüt "Axolotl Roadkill" gerade über genau jene "linksresignative" Kulturszene ausgelassen hat, die hier die Sitzsäcke bevölkert, schüttelt und berührt in der dritten Zuschauerreihe ordentlich mit. Und zwar ihren Vater, den ehemaligen Volksbühnen-Chefdramaturgen Carl Hegemann.

Gob Squad hat sich in den neunziger Jahren beim Studium der "Angewandten Theaterwissenschaften" in Gießen zusammengefunden und bildet seither eine Art Gegenentwurf zum hochkulturellen Establishment. Die Spezialität der Truppe ist die Einbeziehung des Publikums: In einer sehr eigenen Mischung aus Kindergeburtstagsromantik und smarter Ironie hat sie in den letzten Jahren U-Bahnhöfe bespielt, ihre Zuschauer in King-Kong-Kostüme gesteckt und Szenen aus dem Filmklassiker nachstellen lassen oder in ein Remake von Andy Warhols "Kitchen" verwickelt.

An diesem Revolutionsabend gibt es auch witzige Momente und charmante Ideen. Die reichen allerdings nicht, um darüber hinwegzutäuschen, dass hier sperrangelweit geöffnete Türen eingerannt werden. Denn man kann der Kulturschickeria ja einiges vorwerfen. Aber darüber, dass sie lieber einen fremden als den eigenen Volvo für den revolutionären Kampf opfern würde und im übrigen keine Ahnung hat, für welche revolutionäre Idee sie dann eigentlich im Volvo streiten sollte, muss man sie sicher nicht 60 Minuten lang aufklären!

Konkretion, bitte!

Ironischerweise ist es das "echte Volk", das den Abend rettet. Vor der Volksbühne hat Gob Squad einen Monitor aufgebaut, der das Bühnengeschehen nach draußen überträgt. Auf einer Leinwand im Theater wiederum kann man verfolgen, wie Zufallspassanten davor stehenbleiben und gelegentlich mit den Performern ergebnislos in Kontakt zu treten versuchen.

In der letzten halben Stunde mischt sich Berit Stumpf endlich selbst mit dem Mikro unters Volk auf dem Rosa-Luxemburg-Platz und fragt die Passanten nach ihrer Revolutionsbereitschaft. Die erteilen ihr eine ziemlich klare Lektion: Mit überraschender Schlagfertigkeit kontert da jeder auf seine Art Stumpfs konfuse Revoluzzer-Sprüche. Ein bärtiger Endfünfziger bittet höflich um "Konkretion" und referiert aus dem Stegreif, warum zurzeit sämtliche Bedingungen für eine "revolutionäre Situation" fehlen. Ein Anfangsdreißiger pariert im Vorbeigehen Stumpfs schüchternes "Wir müssen doch was verändern!" mit der rhetorischen Gegenfrage "Gibt's nicht jeden Tag Veränderungen?".

Die Performerin sieht dabei ziemlich ratlos aus und rennt immer gleich zum nächsten Passanten weiter, statt sich auf solche Steilvorlagen einzulassen. Ob sie das aus schlichter Überforderung nicht kann oder aus konzeptionellen Gründen nicht will, wird nicht ganz klar. Am ehesten sieht es nach einer unentschiedenen Mischung aus beidem aus.

Und so lautet die revolutionärste Erkenntnis dieser Unterhaltungsshow mit deutlichen "Verstehen-Sie-Spaß"-Anleihen, dass man sich lieber an x-beliebige Berliner Fußgänger halten sollte als an professionelle Theatergruppen - falls man mal mit der Planung einer Revolution beauftragt wird.


Nächste Aufführungen: 6. und 10.2., Volksbühne Berlin



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Ben Major 05.02.2010
1. Links ist doof
Zitat von sysopDie Freiheit langweilt das Volk: Das Theaterkollektiv Gob Squad forderte in der Berliner Volksbühne zur "Revolution Now!" auf. Doch statt das linksintellektuelle Stammpublikum etwas aufzumischen, geriet die Premiere zum Marsch durch offene Türen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,676101,00.html
Die linke Kulturschickeria in Berlin hat halt von der linken Politschickeria in Berlin so viele Subventionen erhalten, das sie in der Birne total weich geworden ist. Wenn es heute eine Revolution geben muß, dann gegen links, links ist heute arriviert, saturiert, langweilig, doof und konservativ. Links ist heute alles was blöd und mittelmäßig ist, links hat den Marsch durch die Institutionen geschafft und ist heute die Institution. Ich fordere Freiheit statt links, Kultur statt links und selber denken, statt linke Gemütlichkeit zu pflegen. Werden Sie Partyschreck! Rechtfertigen Sie den Krieg in Afghanistan, Atomkraftwerke oder den Walfang (nur so zum Spaß), dann können Sie mal sehen wie homogen die Gesellschaft heute ist, da werden Sie nämlich rausgeschmissen. Viva la Revolucion!
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