Goethes "Faust" Der harte Brocken boomt

Heulen und Zähneknirschen, Interpretationen und Deutungen - Goethes "Faust" führte bereits Generationen von Theater-Regisseuren in Versuchung.


Prägend: "Mephisto"-Darsteller Gustaf Gründgens und "Faust" Will Quadflieg (r.) 1957 im Hamburger Schauspielhaus
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Prägend: "Mephisto"-Darsteller Gustaf Gründgens und "Faust" Will Quadflieg (r.) 1957 im Hamburger Schauspielhaus

Berlin - "Und keinem Sterblichen wird es gelingen, das vieldeutsame Werk zum Schluss zu singen." Die Mahnung Ludwig Tiecks im Hinterkopf, haben sich dennoch Generationen von Theaterregisseuren an Goethes "Faust", dem "Lieblingshelden der Deutschen" früherer Zeiten, versucht, die Zähne ausgebissen oder triumphiert - die einen erst im nahenden "Rentenalter" wie jetzt Peter Stein, die anderen als "junge Wilde" schon in frühen Jahren. Seit einigen Jahren erlebt Goethes Tragödie wieder einmal einen regelrechten Boom auf den deutschsprachigen Bühnen.

Der 250. Geburtstag des "deutschen Nationaldichters" im vergangenen Jahr tat sein übriges, um diesen Boom noch zu verstärken. "Faust" gab es von Salzburg bis Oslo, in Weimar gleich im Dutzend verschiedener Gastspiele und selbst in Teheran war ein "Faust" zu Gast. In Leipzig verband Regisseur Wolfgang Engel die siebenstündige Aufführung mit einem Essen in der Pause am "Tatort", in Auerbachs Keller, in dem der junge Goethe als Student gerne zechte und den er in seinem Stück ein Denkmal setzte. Die Grablegung Fausts spielte auf dem Johannisfriedhof.

Dass der "Faust" nicht als unaufführbare Dichtung gilt, sondern als das gewaltigste deutsche Bühnenstück, ist für das 20. Jahrhundert das Verdienst von Gustaf Gründgens, vor allem mit seiner legendären Hamburger Inszenierung des ersten Teils im Jahre 1957 mit Will Quadflieg, wie Georg Hensel in seinem Spielplanführer anmerkt. Aber schon während des Zweiten Weltkrieges hatte Gründgens (als Preußischer Staatstheater- Intendant) die Tragödie mit Paul Hartmann an seinem Schauspielhaus am Berliner Gendarmenmarkt herausgebracht.

Die Theatermacher wollen den "Grundströmungen des deutschen Geistes" auf den Grund gehen. Der "Geist der stets verneint", der "zerrissene Intellektuelle und Grübler Prof. Dr. H. Faust", der wissen will, "was die Welt im Innersten zusammenhält" und doch den "natürlichen Reizen des Lebens" so schnell verfällt, ist in Mode. Und nicht alle spielen die doppelte Tragödie - die Gretchens und die des Faust.

Vor allem aber beherzigen nicht alle dabei Goethes Aufforderung, entgegen der Vorliebe der Deutschen sich auf dem Theater den Eindrücken hinzugeben und sich zu ergötzen. "Da kommen sie und fragen: welche Idee ich in meinen 'Faust' zu verkörpern gesucht? - Als ob ich das selber wüsste und aussprechen könnte! Vom Himmel durch die Welt zur Hölle, das wäre zur Not etwas; aber das ist keine Idee, sondern Gang der Handlung."

Für viele Regisseure ist jedoch eine "Faust"-Inszenierung die Krönung ihrer Karriere, für manche ist es auch mit einer niederschmetternden Niederlage verbunden. Boy Gobert zum Beispiel beendete mit großer Geste und faustischer, neunstündiger Kraftanstrengung seine zehnjährige Theaterarbeit am Hamburger Thalia-Theater. Alle aber folgen dem Leitspruch "Wer immer strebend sich bemüht", wenn sie auch oft dabei ein anderes Motto schmerzhaft am eigenen Leib erfahren: "Was ihr nicht fühlt, ihr werdet's nie erjagen."

So wartet denn Claus Peymann, der 1978 in Stuttgart "die Reise eines Intellektuellen durch die Zeiten, an deren Ende die bürgerliche Weltherrschaft steht", einfalls- und bilderreich inszenierte, am Berliner Ensemble noch ab, wo er seit Jahresbeginn seine etwas in die Jahre gekommenen theatralischen Muskeln spielen lässt. "Das muss reifen", heißt es im Theater dazu. Das sah Peymanns früherer Mitarbeiter am Wiener Burgtheater, Alfred Kirchner, nicht ganz so, als er 1990 die Leitung des Berliner Schiller-Theaters übernahm und gleich zum Auftakt eine "Faust"- Inszenierung auf die Bühne stemmte, mit Christian Grashof und Hilmar Thate - und sich prompt verhob.

Der Deutungen gab es schon viele, nur wenige aber verfielen bisher so radikal wie Klaus Michael Grüber in seiner berühmten Inszenierung 1982 an der Freien Volksbühne in Berlin darauf, die Gestalt des Faust zum Inbegriff von Goethes Eros zu machen, der in des Dichters Altersjahren noch ebenso lebendig war wie in seiner Jugend. Bernhard Minetti stand im Mittelpunkt der heftig umstrittenen Inszenierung, die das Stück auf drei Personen reduzierte.

Wilfried Mommert



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