Götz George in "Zivilcourage" Opa greift zur Wumme

Mit Gedichten gegen Gewalt: In dem ARD-Drama "Zivilcourage" will Götz George als Alt-68er den Problemkiez Kreuzberg erst mit schöner Literatur missionieren - und greift am Ende zum Revolver. Das ist grandios gespielt, aber auch grandios polemisch. Denn die Waffe siegt über den Rechtsstaat.
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ARD-Drama "Zivilcourage": Kein Land für Maulhelden

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Die 68er? Alles Maulhelden! Beweinen ihren Benno Ohnesorg, jubeln die Studentenpartys von einst als Politereignisse hoch und feiern ihre Planschereien vor dem Wasserwerfer als Widerstand. Aber wenn es darum geht, wirklich für ihre Ideale einzustehen, kneifen sie. So sieht es jedenfalls der Kreuzberger Antiquar Peter Jordan (Götz George), einst selbst beim SDS aktiv. "Was haben wir denn riskiert?", fragt er seine alten Gesinnungsgenossen beim obligatorischen Rotwein. "Unsere Familien? Unser Leben? Einen Schnupfen haben wir riskiert!"

Aber mit dem Selbstbetrug ist es für den Alt-68er nun vorbei. Denn genau jetzt und genau vor seiner Haustür sieht er einen Bürgerkrieg toben, und er selbst wird davor nicht die Augen verschließen oder die Rollläden seines Antiquariats herunterziehen. Jordans Tochter ist schon samt Enkelin vom Kiez am Kottbusser Tor an den sicheren Stadtrand gezogen, er selbst aber verteidigt den heimatlichen Straßenzug, Haus für Haus, Nachbarskind für Nachbarskind. Migrantenbanden haben die Macht übernommen, und die deutschen Behörden schauen hilflos zu. Doch Jordan sieht der Gefahr in Gestalt bosnischer Flüchtlinge in die Augen und sagt: "Ihr denkt, wir wehren uns nicht?"

58 Straftaten, keine Verurteilung

Des Buchhändlers Widerstand kommt vorerst allerdings gewaltlos daher: Dem Kleingangster-Kauderwelsch seiner Nachbarn setzt er das schöne Wort entgegen. An der aufsässigen Jessica (Carolyn Genzkow) exemplifiziert er die Macht der Dichter und Denker; kommt sie ihm mit Bushido, kontert er mit Büchner. Später schenkt er ihr eine alte Ausgabe von "Romeo und Julia", und weil die Hartz-IV-Göre Probleme mit dem Lesen hat, rappt er ihr eine Szene aus Shakespeares klassischem Bandendrama vor.

Das ganz gegenwärtige Bandendrama auf seinem Kiez nimmt trotzdem seinen Lauf: Eines nachts wird Jordan Zeuge, wie Jessicas bosnischer Freund Afrim Lima (Arnel Taci) einen Obdachlosen ins Koma prügelt. Der Alte geht dazwischen, und weil er den Nachbarn erkannt hat, zeigt er ihn bei der Polizei an. Doch der junge Delinquent wird nicht nur umgehend wieder auf freien Fuß gesetzt - sein großer Bruder (Marko Mancic) will Jordan auch noch unter Gewaltandrohung zwingen, die Anzeige fallenzulassen. Zum Aufwärmen bricht ihm der Bosnier, der im Kosovokrieg seine Eltern hat sterben sehen, schon mal zwei Finger.

Der Buchhändler lässt es über sich ergehen, die Polizei wird sich schon um alles kümmern. Aber der Beamte im Revier um die Ecke blickt nur entschuldigend und verweist auf die unbearbeiteten Akten auf dem Tisch vor ihm: Die eine gehört zum Beispiel zu einem 16-Jährigen, der 58 Straftaten auf dem Kerbholz hat, aber noch nicht eine einzige Verurteilung erlebt hat. Jordan ist alleine. Die eingeschüchterten 68er-Freunde verdrücken sich, die Tochter wendet sich aus Angst von ihm ab, in seiner Stammkneipe erhält er Hausverbot. Der Buchhändler aber kauft sich einen Revolver.

Wumme statt Wort

Zivilcourage oder Opfergang? Die Grenzen dazwischen sind in dem kecken Debattenschocker, mit dem der WDR relativ schnell auf die letzten jugendlichen Gewalttaten in Berlin und natürlich München reagiert, gefährlich fließend. Einmal hat der Held in diesem Film in den Gewaltkreislauf auf seinem Kiez eingegriffen - da ist er schon selbst Teil davon geworden. Einschüchtern lassen oder selbst einschüchtern, sein oder nicht sein? Das ist für den kultivierten Shakespeare-Fan Jordan die Frage.

Nach dem Gewaltdrama "Wut", das vor vier Jahren hohe Wellen schlug, liefert der WDR nun einen weiteren Aufreger über die entfesselte Zivilgesellschaft. Wie sein Vorgänger ist auch "Zivilcourage" grandios gespielt, wie sein Vorgänger ist "Zivilcourage" aber auch grandios polemisch: Wenn schon ein Geistesmensch wie der Filmheld die Wumme mit dem Wort vertauscht, dann muss in Kreuzberg wirklich ein Bürgerkrieg herrschen. Der Waffengang scheint unvermeidlich.

Die brisante Situation, die in "Zivilcourage" (Buch: Jürgen Werner, Regie: Dror Zahavi) ins Existentielle gesteigert wird, ist bekannt: Die Judikative ist zu langsam, die Exekutive überfordert. In Berlin wird deshalb völlig zu Recht ja schon seit Jahren zur schnelleren Sanktionierung von jugendlichen Gewalttaten eine engere Verzahnung der beiden Instanzen gefordert - wobei das Prinzip der Gewaltentrennung eben eine allzu enge Verquickung von Richtern und Polizei verhindert.

Wer den Rechtsstaat nicht abschaffen möchte, muss das leider erdulden. Solche Feinheiten aber haben in dem Berlin, so wie es der Kölner WDR sieht, keinen Platz. Der Buchhändler jedenfalls hält am Ende die Bosnier mit einem Revolver in Schach, um sie der gerechten Strafe zuzuführen, und der überforderte Polizist vom örtlichen Revier nickt anerkennend für die Kooperation. Ach, gingen doch alle Kreuzberger so besonnen mit der Schusswaffe um!

Da läuft einem schon ein Schauer über den Rücken: Die Zivilcourage steht in diesem gefährlich gut gemachten Fernsehfilm für die Pflicht des Bürgers, die Schwächen des Rechtsstaates auf eigene Faust auszugleichen.


"Zivilcourage", 20.15 Uhr, ARD

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