Goldene Kamera Gala der großen Gerüchte

Internationale Stars, roter Teppich, glitzernde Trophäen - die Verleihung des Film- und Fernsehpreises "Goldene Kamera" weckte große Gefühle. Zum Beispiel dieses: dass mancher Künstler besser nichts gesagt hätte. Mehr Spaß hatte die Filmbranche an der Frage: Wer moderiert "Wetten, dass"?

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Man kann nicht behaupten, dass die Fernsehzeitschrift "Hörzu" gelogen hätte, als sie ihre 47. Verleihung der Goldenen Kamera auf der Titelseite vorab schon mal als "Gala der großen Gefühle" gepriesen hatte. Schließlich ist es auch eine Art von Gefühlsregung, wenn einen als Zuschauer etwas peinlich berührt. Oder man gar den Wunsch verspürt, den einen oder anderen Künstler vor der einen oder anderen Darbietung zu bewahren.

Den Komiker Ralf Schmitz etwa, der sich durch die Anwesenheit des US-Schauspielers Denzel Washington zu dem Witz hinreißen ließ, in Deutschland kenne man diesen ja aus dem Märchen "Denzel und Gretel". Oder den Imitator Matze Knop, der es fertig brachte, komplett pointenlos nacheinander Franz Beckenbauer, Niki Lauda und Jürgen Klopp zu parodieren.

Gern hätte man auch die beiden großen reifen Damen des deutschen Films gestoppt, Iris Berben und Hannelore Elsner, die in ihrer Laudatio den fürs Lebenswerk zu ehrenden Mario Adorf wie zwei verliebte Teenager anhimmelten, so dass dieser aus dem Stirnrunzeln nicht mehr herausfand.

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Goldene Kamera in Berlin: Glitzernde Trophäen, große Gefühle
"Das ist mir jetzt ein bisschen peinlich", sagte irgendwann auch Hape Kerkeling. Womit er aber nicht darauf anspielte, dass der Abend in der Berliner Ullsteinhalle durchweg überraschungsfrei und ohne einen Anflug von Esprit verlief. Sondern auf den tatsächlich kuriosen Umstand, dass er selbst, der die Festveranstaltung ja moderierte, zugleich als bester Comedian ausgezeichnet wurde.

Dass Kerkeling nun mit Horst-Schlämmer-Grunzstimme den amerikanischen Schauspieler Morgan Freeman synchronisierte, war zwar sehr komisch. Ebenso sein auf Deutsch und Niederländisch geführtes Interview mit dem Produzenten John de Mol. So überwältigend, dass es einem noch einmal die Tränen in die Augen getrieben hätte ob seiner Absage für "Wetten, dass..?", war Kerkeling in der Rolle des Gastgebers diesmal dann aber doch nicht.

Ja, die W-Frage. Nachdem zuletzt auch Jörg Pilawa dem designierten ZDF-Intendanten Thomas Bellut einen Korb gegeben hat, gilt bekanntlich der Talker Markus Lanz als dessen neuer Wunschkandidat für "Wetten, dass..?". Als weitere Variante geistern durch die Mainzer Anstalt nach wie vor die Namen der Nachwuchskräfte Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf, deren anarchischer Humor den angegrauten ZDF-Stammsehern jedoch schwer vermittelbar sein dürfte.

"Wetten, dass..."-Spekulation als Smalltalk-Thema

Sowohl Lanz als auch die beiden Jungmoderatoren waren bei der Goldenen Kamera als Laudatoren eingebunden. Schon ging das Deuten los. War es ein versteckter Hinweis auf höhere Weihen, dass Kerkeling den Kollegen Lanz als "das neue große Gesicht des ZDF" anmoderierte? Wie muss man es interpretieren, dass das Herrenduo Joko und Klaas sich mit Frack und Zylinder schon mal samstagabendfein gemacht hatten, umringt von einer Art Fernsehballett?

Bei der Verleihung wurde die glücklose Suche nach Germany's next Thomas Gottschalk mit keiner Silbe erwähnt. Beim ZDF, das die Gala übertrug, dürften das Interesse gering sein, sich vor einem Millionenpublikum in der eigenen Wunde herumbohren zu lassen. Bei der Party nach der Show war das Thema um so beliebter, wohl auch mangels großer Momente bei der Verleihung, über die man sich hätte austauschen können.

Joko und Klaas beantworteten mit gespielter Genervtheit wie am Fließband "Und, macht ihr's?"-Nachfragen. Meist sagten sie, dass sie die ganze Diskussion absurd fänden. Und dass sie ohne eigenes Zutun in diesen Strudel der Spekulationen hineingeraten seien.

Winterscheidt erzählte, er habe kurz darüber nachgedacht, auf der Bühne etwas zu "Wetten, das..?" zu sagen. Zum Beispiel den im Saal sitzenden Thomas Bellut aufzufordern, endlich mal Farbe zu bekennen, wer denn nun die Show übernehmen werde. Nur so als Gag. Wäre beim ZDF sicherlich nicht gut angekommen. Beim Zuschauer womöglich schon. Schadenfreude kann nämlich auch ein großes Gefühl sein. Sogar ein sehr schönes.



insgesamt 22 Beiträge
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semper-idem 05.02.2012
1. Crazy Germans
Da will der Axel-Springer-Verlag die Gala des Jahres veranstalten und senkt das Ganze ab auf Kegelclub Niveau, indem er solche Knalltüten wie Ralf Schmitz und Matze Knop anheuert. So, wie Marcel Reich-Ranicki, der seinerzeit diesen bescheuerten lockenköpfigen Hampelmann (Name fällt mir nicht ein) vorgesetzt bekam, hätte gestern die komplette Hollywood Truppe sich hinstellen müssen und sagen "We can't accept this prize, we don't belong in this environment." Heute sitzen sie im Flieger und bestätigen sich gegenseitig "They really are crazy, these Germans."
bomdia 05.02.2012
2. Wetten, dass
würde bei einer Neuauflage vermutlich ebenso dahin dümpeln wie die von Ihnen so bildlich beschriebene Verleihung der Goldenen Kamera. Ersparen wir uns das lieber. Bei der Gelegenheit: Mir gehen die propperen Leute auf roten Teppichen und geschwungenen Sitzgelegeheiten schon lange auf den Wecker.
hatem1 05.02.2012
3. Auf hohem Niveau
Zitat von sysopInternationale Stars, roter Teppich, glitzernde Trophäen*- die Verleihung des Film- und Fernsehpreises "Goldene Kamera" weckte große Gefühle. Zum Beispiel dieses: dass der mancher Künstler besser nichts gesagt hätte.*Mehr Spaß hatte die Filmbranche an der Frage: Wer moderiert "Wetten, dass"? http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,813420,00.html
Das war Fremdschämen auf hohem Niveau. Der jungen Dame mit dem peinlichen Lolilta-Dekolletee, die den Nachwuchspreis bekam, kann man ob ihres Alters das Rumgeschwafel ja noch verzeihen. Aber was z.B. Ralf Schmitz abzog, war eine Bewerbung für Kaffeefahrt-Entertainment.
laluna3 05.02.2012
4. Goldene Kamera
Zitat von sysopInternationale Stars, roter Teppich, glitzernde Trophäen*- die Verleihung des Film- und Fernsehpreises "Goldene Kamera" weckte große Gefühle. Zum Beispiel dieses: dass der mancher Künstler besser nichts gesagt hätte.*Mehr Spaß hatte die Filmbranche an der Frage: Wer moderiert "Wetten, dass"? http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,813420,00.html
Markus Lanz als Wetten, dass Moderator? Er kommt ja eher Gottschalk nach. Nie ausreden lassen, oder "ich uebersetze nochmal..." Als wenn der Zuschauer nicht versteht, was seine geladenen Gaeste sagen. Ansonsten war diese Sendung nur peinlich.
insider finance 05.02.2012
5. ... diese Jahre um die Jahrtausendwende
Zitat von sysopInternationale Stars, roter Teppich, glitzernde Trophäen*- die Verleihung des Film- und Fernsehpreises "Goldene Kamera" weckte große Gefühle. Zum Beispiel dieses: dass der mancher Künstler besser nichts gesagt hätte.*Mehr Spaß hatte die Filmbranche an der Frage: Wer moderiert "Wetten, dass"? http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,813420,00.html
werden unsere Enkel in 30 Jahren als die Aera der Mittelmäßigkeit kennzeichnen. Das gilt für die Unterhaltung, ebenso wie für die Politik. Nirgends Persönlichkeiten von Ausstrahlung und Format, überall Handwerker (mal ganz ordentlich, mal Blender, mal Versager) und das reicht ja auch, für das Wirtschaften auf dem Rücken von sechs Milliarden Pechvögeln, die nicht in Europa oder Nordamerika geboren worden sind.
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