Goosens finale Kolumne Beamer-Wahn und Ballacks Wade

An Finaltagen herrscht Murphy's Law: Was schiefgehen kann, geht auch schief. Oder die Technik streikt und das an die Wand gebeamte Fernsehbild steht schief - eine Stunde vor Anpfiff! EM-Kolumnist Frank Goosen über den ungeheuerlichen letzten Tag der EURO 2008.


Finaltage finden prinzipiell im Ausnahmezustand statt. Fast fällt es schwer, sich am Vormittag noch auf das Buch zu konzentrieren, das man gerade liest und welches nichts mit Fußball zu tun hat (Stefan Wimmer: "Die 120 Tage von Tulúm"). Die Kinder versuchen erst gar nicht, sich mit etwas anderem zu beschäftigen. Zum tausendundelften Mal gehen sie ihr Sammelalbum zur EURO durch. Diesmal vergleichen sie die Körpergrößen der einzelnen Spieler. "Papa, stell dir vor, der Bastürk ist nur einen Meter sechzig groß!" – "Deshalb hat ihn der Trainer auch nicht mitgenommen! Nee, war nur Spaß!"

DFB-Kapitän Ballack: Die Wade hat wieder aufgemacht
DDP

DFB-Kapitän Ballack: Die Wade hat wieder aufgemacht

Kurz vor dem Mittagessen trete ich an diesem Sonntag in die heiße Phase der Vorbereitung ein. Während ich den Schal mit der Aufschrift "Wir stehen an eurer Seite" über dem Durchgang zwischen Wohn- und Esszimmer, in dem später die Leinwand stehen wird, installiere, examiniert der Thronfolger den Zweitgeborenen und fordert ihn auf, zu jeder Mannschaft den ersten und zweiten Torhüter zu nennen. "Rumänien brauchst du nicht!", lässt der Ältere seinen kleinen Bruder gönnerhaft wissen. Der Kurze kontert: "Weil du den auch nicht weißt!" Erst fünf Jahre alt und schon schlagfertig wie seine Mutter.

An die Heizkörperverkleidung wird ein Poster der Nationalmannschaft gepappt, die Gemälde des Urgroßvaters meiner Frau, welche unser Wohnzimmer zu einer Galerie der Tier- und Landschaftsmalerei machen, drapiere ich mit Fanschals. Dann hole ich die Frikadellen und Schnitzelchen ab, die Omma gestern für uns gebraten hat. Meine Frau zaubert den Kartoffelsalat nach Rezept ihrer Mutter.

Der lange Tisch im Esszimmer kriegt eine Papiertischdecke mit Fußballfeldmotiv verpasst. Die Terrasse wird gefegt. Ich dokumentiere alles per Kamera. Irgendwann erwische ich meine Frau, wie sie in einen Rohkostsalat starrt und murmelt: "Wird Ballacks Wade halten?" Der Einsatz des Capitano ist fraglich. Die Wade hat "zugemacht".

Gegen 18 Uhr installiere ich den Beamer. Ja, ich habe ihn wirklich gekauft. Wenn eine Frau ihren Mann geradezu auffordert, ein technisches Gerät zu erwerben, ist der Mann meistens schon im Elektronikgroßmarkt, bevor sie den Satz zu Ende gesprochen hat. Das ist ein Klischee. Aber diese Klischees müssen ja irgendwo herkommen. Und ich habe es nicht nötig, mich künstlich interessant zu machen, indem ich darauf poche, originell zu sein.

Am Donnerstag, beim zweiten Halbfinale zwischen Spanien und Russland hat alles prima hingehauen. DVB-T-Empfang über Computer, Sound über die Stereoanlage, gutes Bild, wenn auch in der Totalen die Kanten leicht unscharf waren. Es ist jedoch ein Gesetz, dass Dinge, die mir gerade noch gelungen sind, in die Hose gehen, obwohl ich genauso vorgehe wie beim ersten Mal.

Das Bild ist schief.

Die obere Bildbegrenzung verläuft fast diagonal über die Leinwand. Irgendwer hat mal was von "Trapezkorrektur" gemurmelt, also versuche ich da dran zu kommen, brauche aber fast eine halbe Stunde, bis mir klar wird, dass ich in das Untermenü "Anzeige" nur hereinkomme, wenn eine Signalquelle angeschlossen ist. Das Herumfummeln an der Trapezkorrektur bringt allerdings nichts. Außer, dass ich zum ersten Mal seit 20 Jahren wieder fast eine ganze Folge "Lindenstraße" sehe, wenn auch ohne Ton. Ich klappe Mutter Beimer nach hinten und nach unten, verschiebe sie vertikal und horizontal, ja ich kann sogar alle auf dem Kopf stehen oder spiegelverkehrt am Tisch sitzen lassen.

Die obere Bildbegrenzung bleibt diagonal.

Ich gehe nach draußen und bin versucht, den Riesenrhododendron vor dem Haus zu entwurzeln und ihn mit bloßen Händen klein zu häckseln. Ja, ich habe Probleme mit der Selbstbeherrschung, Euer Ehren. Jedenfalls wenn ich 15 Gäste plus Kinder zum Finale erwarte und die Technik mir in den Kartoffelsalat spuckt. Ich beruhige mich so weit, dass ich den Kaiser der Fußballkultur Ben Redelings, der bei seinen Auftritten ständig mit Beamer arbeitet, anrufen kann. Der sitzt schon im "Freibeuter", glüht vor und erzählt mir was von seinem Melatonin-Problem. Redelings kann nicht schlafen, wenn er blau ist, weil seine Zirbeldrüse dann angeblich zu wenig von diesem Hormon produziert. Ich heuchle Interesse, lasse "Trapezkorrektur" über mich ergehen und werde weitergeleitet an "den Brand", der als Videokünstler von diesen Dingen mehr versteht.

Der Anstoß rückt näher.

Es dauert weitere 20 Minuten. Dann finden wir heraus, dass der Tisch schief steht. Ich hatte den Beamer zur Tischkante ausgerichtet, aber seit Donnerstag muss jemand gegen den Tisch gestoßen sein und ihn verschoben haben. Das alles hat im weitesten Sinne mit Mathe zu tun, und dafür habe ich kein Gen.

Die Diagonale ist weg. Die Gäste treffen ein. Ich bin blass und schweißgebadet.

Interessanterweise wird der Rohkostsalat komplett vertilgt, während von dem überaus leckeren Kartoffelsalat jede Menge übrig bleibt. Habe ich die falschen Freunde?

Bärbel hat meiner Frau schwarz-rot-goldene Wimpern mitgebracht! Was noch? Kondome mit spanischer Flagge?

Beim Anpfiff ist klar: Die Wade der Nation hat wieder geöffnet. In den ersten zehn Minuten keimt Hoffnung auf. Zehn Mann und eine Wade wirken sehr konzentriert. Dann zwei, drei Fehlpässe, und der ganze Zauber ist vorbei. Das Gegentor wird nach nur flüchtiger Überprüfung Metzelder in die Schuhe geschoben, der auch in dieser Runde keine Fans hat. Bei näherer Betrachtung stellt sich heraus, dass Lahm dafür verantwortlich war. Die Welt ist aus den Fugen!

Als Ballack eine Platzwunde am Auge erleidet, brummt Roger: "So'n kleiner Cut! Zwei Stiche und gut ist! Stell dich nicht so an!" Roger ist unter anderem Ringarzt beim Kickboxen.

Im Laufe der zweiten Halbzeit kehrt fast so etwas wie Ruhe ein. Die Chipsvorräte gehen zu Neige. Scottys Sohn meint: "Wenn die jetzt noch ein Tor machen, dann muss man sich ja richtig schämen!" Und er meint die deutsche Mannschaft. Schon zehn Minuten vor Schluss arrangieren sich die meisten mit der Niederlage. Das ist nicht gerade gelebtes Ultra-Fantum, aber wenn man so derartig unterlegen ist, muss man es einfach anerkennen. Gefühlt ist das ein 0:3. Wir haben uns aber nicht wie Portugal vor vier Jahren gegen Griechenland blamiert, sondern einfach nur gegen die beste Mannschaft des Turniers verloren.

Die Gäste, die mit Kindern gekommen waren, machen sich ziemlich schnell aus dem Staub. "Gut, dass es keine Verlängerung gegeben hat", meint Betty, "sonst hätten die Blagen irgendwann am Rad gedreht und die Bude auseinander genommen!"

Der eine oder die andere erbeutet noch ein wenig Kartoffelsalat und ein paar Frikadellen für das morgige Mittagessen. Nur eine Stunde nach dem Finale der EM drehen sich die letzten Gespräche des Abends schon wieder um den Trainingsauftakt des heimischen Fußballclubs. Der neue Torwart soll bessere Fitnesswerte haben als die meisten Feldspieler.

Die Kinder sind gar nicht geknickt, sondern haben sich einfach gefreut, dass sie wieder so lange aufbleiben durften.

Am nächsten Morgen statte ich dem EM-Studio in der Garage von Alex M. einen Abschiedsbesuch ab. Alex musste gestern, wie schon beim Halbfinale, noch einen zweiten Fernseher in der Auffahrt aufstellen, weil der Andrang so groß war. Außerdem wurde auf dem Gehweg gekocht und gegrillt. Als er nicht hinsieht, schneide ich ein Stück aus dem Kunstrasen heraus, mit dem die Garage ausgelegt ist. Dann frage ich Alex, wieso bei ihm das Bild so viel besser war, und er rät mir zur Anschaffung eines DVB-C-Receivers mit Upscaling-Funktion, der die Kanten glättet. Ich sage, ich werde gehorchen.

Und irgendwie ist jetzt auch gut. Drei Wochen sind genug. Drei Wochen mit überwiegend großartigem Fußball und unterschiedlichsten Orten, an denen man die Spiele verfolgt hat. Wir sind Papst, aber nicht Europameister.

Und heute Abend gucken wir mal wieder einen Krimi.

insgesamt 6 Beiträge
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Levio 30.06.2008
1. Lesenswert
Nachdem ich jetzt schon seit ein paar Monaten in London wohne, fuehlte ich mich beim Lesen wie in mein Heimatdorf versetzt. Dieser Artikel eine ordentliche Portion deutsches Lebensgefuehl in sich.
Realo, 30.06.2008
2. Gut gemacht Herr Goosen !
Ihre Artikel haben mir alle gut gefallen. Konnte mir als Hamburger der auch in Bochum wohnt und arbeitet das Grinsen nicht verkneifen.
kartackel, 04.07.2008
3. Dr.
Habe Ihre EM-Kolumne verfolgt und dabei viel gelacht aber noch mehr kam dieses Ruhrpott-Gefühl auf! Und das war super. Habe vier Jahre in Essen studiert und dabei den Pott verstehen gelernt. Wohne jetzt wieder im Bayrisch-Baden-Würtrembergischen Grenzland im Süden der Republik -in der Lamgeweile (zumindest solange die Biergärten nich auf haben)! Freu mich wegen Ihnen jetzt noch mehr auf meinen Sommerbesuch im Pott und bei Schwiegermama in Velbert, ja ich hab mir was mit in Süden genommen! (-meine Freundin) In diesen Sinne bis zur WM Hr. Goosen...
kartackel, 04.07.2008
4. Dr.
Habe Ihre EM-Kolumne verfolgt und dabei viel gelacht aber noch mehr kam dieses Ruhrpott-Gefühl auf! Und das war super. Habe vier Jahre in Essen studiert und dabei den Pott verstehen gelernt. Wohne jetzt wieder im Bayrisch-Baden-Würtrembergischen Grenzland im Süden der Republik -in der Lamgeweile (zumindest solange die Biergärten nich auf haben)! Freu mich wegen Ihnen jetzt noch mehr auf meinen Sommerbesuch im Pott und bei Schwiegermama in Velbert, ja ich hab mir was mit in Süden genommen! (-meine Freundin) In diesen Sinne bis zur WM Hr. Goosen...
Bernd3XL, 05.07.2008
5. Sie verwechseln Frank Goosen
Zitat von kartackelHabe Ihre EM-Kolumne verfolgt und dabei viel gelacht aber noch mehr kam dieses Ruhrpott-Gefühl auf! Und das war super. Habe vier Jahre in Essen studiert und dabei den Pott verstehen gelernt. Wohne jetzt wieder im Bayrisch-Baden-Würtrembergischen Grenzland im Süden der Republik -in der Lamgeweile (zumindest solange die Biergärten nich auf haben)! Freu mich wegen Ihnen jetzt noch mehr auf meinen Sommerbesuch im Pott und bei Schwiegermama in Velbert, ja ich hab mir was mit in Süden genommen! (-meine Freundin) In diesen Sinne bis zur WM Hr. Goosen...
mit Dr. Ludger Stratmann. Es ist zwar "Mode" Ruhrpott zu sagen, es ist aber ein künstliches Produkt. Es ist wie Propaganda, je öfter es wiederholt wird, desto fester setzt es sich fest. Frank Goosen ist Bochumer und somit aus dem Kohlenpott. Pardon. SPON sollte ihm hier eine feste Kolumne für die Liga einrichten!
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