Gorbatschow zu Angriffen auf Presse "Die Täter gehen straflos aus"

Die "Nowaja Gaseta" ist ein gefährlicher Arbeitsplatz für Journalisten: Vier Reporter der Moskauer Zeitung wurden schon ermordet. Unterstützt wird das Blatt von Michail Gorbatschow. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht er über die mühsame Verteidigung der Pressefreiheit in Russland.


SPIEGEL ONLINE: Herr Gorbatschow, warum unterstützen Sie die "Nowaja Gaseta?"

Gorbatschow: Ich bin der Zeitung länger verbunden als die meisten wissen. Anfang der neunziger Jahre habe ich der Redaktion 300.000 Dollar von dem Honorar gegeben, das ich für meine Memoiren bekommen hatte. Damit hat die "Nowaja Gaseta" 22 Computer gekauft. Und was haben diese Computer nicht schon alles erlebt! Einige hat man gestohlen und zerstört, um die brisanten Informationen, die sich auf den Festplatten befanden, aus der Welt zu schaffen.

SPIEGEL ONLINE: Die "Nowaja Gaseta" ist weltweit zu trauriger Berühmtheit gelangt, weil in den vergangenen Jahren vier ihrer Reporter ermordet wurden, unter anderem die bekannte Enthüllungsjournalistin Anna Politkowskaja. Haben Sie noch Hoffnung, dass diese Verbrechen aufgeklärt werden?

Gorbatschow: Es entspricht meiner Natur, den Optimismus nicht zu verlieren. Ich muss allerdings feststellen, dass ich mit dem Ergebnis der Ermittlungen nicht zufrieden bin. Im Ergebnis gehen die Täter straflos aus.

SPIEGEL ONLINE: Die "Nowaja Gaseta" kritisiert die Regierung wie kaum ein anderes Medium in Russland und ist bei vielen russischen Spitzenpolitikern verhasst. Warum hat Präsident Dmitrij Medwedew der Zeitung kürzlich ein Interview gegeben?

Gorbatschow: Es ging ihm nicht um ein taktisches Manöver oder um Populismus, sondern um Prinzipielles. Ich denke, dass er seine Position in einer wichtigen Frage deutlich machen wollte, in einer für unser Land lebenswichtigen Frage.

SPIEGEL ONLINE: Sie meinen die Pressefreiheit. Wollte Medwedew mit seinem Interview eine Warnung aussprechen, die Zeitung künftig in Frieden zu lassen?

Gorbatschow: Zweifelsohne. Es war ein Signal, dass die Regierung Journalisten unterstützt, die gegen Korruption ankämpfen.

SPIEGEL ONLINE: Ihnen und dem Finanzmagnaten Alexander Lebedew gehören seit drei Jahren 49 Prozent der Zeitung. Einige in Moskau meinen, dass Sie nur eine Rolle in einem großen Marionettenspiel des Kreml spielen, dass dafür sorgen soll, dass sich die Opposition sich nicht radikalisiert und die liberalen Intellektuellen stillhalten ...

Gorbatschow: ... und wir also nach den Noten spielen, die uns die Regierung aufschreibt? So ein Quatsch! Bei der "Nowaja Gaseta" arbeiten Journalisten mit eigener Meinung und eigenem Kopf.

SPIEGEL ONLINE: Bei welcher Gelegenheit machen Sie Ihren Einfluss als Aktionär geltend?

Gorbatschow: Gar nicht. Ich lese jede Ausgabe der Zeitung, allerdings erst hinterher. So ist das auch bei Alexander Lebedew. Er hat mehr Kontakt zur Redaktion. Wir beide aber mischen uns in redaktionelle Belange nicht ein. Ich habe volles Vertrauen in die Redaktion. Es ist unseren jungen Freunden, den leitenden Redakteuren und den Journalisten, eine Verpflichtung, dass das, was Sie schreiben, der Wahrheit entspricht.

SPIEGEL ONLINE: Rufen Sie nach brisanten Veröffentlichungen manchmal bei Chefredakteur Dmitrij Muratow an?

Gorbatschow: Äußerst selten. Mitunter bin ich regelrecht geschockt, von dem, was ich lese. Dann frage ich vielleicht nach, ob sorgfältig recherchiert wurde und man keinen Gerüchten aufgesessen ist. Mir ist wichtig, dass die Fakten vor der Veröffentlichung gecheckt wurden. Wegen der Qualität ihrer Arbeit hat die Redaktion auch so gut wie alle Prozesse gewonnen, die gegen sie angestrengt worden sind. Es waren Dutzende.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben jüngst die deutsche Presse wegen ihrer angeblich einseitigen Russland-Berichterstattung kritisiert. Wir finden aber, dass es in Deutschland von den Talkshows im Fernsehen über die Zeitungen und Zeitschriften bis hin zum Internet ein breites Meinungsspektrum zu Ihrem Land gibt.

Gorbatschow: Schauen Sie sich die ablehnende Reaktion der Medien auf den Auftritt des damaligen Präsidenten Putin bei der Münchner Sicherheitskonferenz 2007 an ...

SPIEGEL ONLINE: ... wo Putin die Europäer mit rhetorischem Muskelspiel und unverblümten Großmachtansprüchen brüskierte ...

Gorbatschow: Er hat dort nichts gesagt, was er nicht vorher schon gesagt hatte. Die Reaktion der deutschen Medien war dennoch sehr ablehnend, Umfragen zeigten wiederum, dass die Mehrheit der Deutschen Putins Haltung teilte. Ich mache bei den deutschen Medien viel Arroganz aus und möchte an den verstorbenen Journalisten Peter Boenisch erinnern, der einmal gesagt hat: Hört auf, die Russen ständig belehren zu wollen.

SPIEGEL ONLINE: Sie können aber nicht leugnen, dass es um die Pressefreiheit in Russland nicht zum Besten bestellt ist.

Gorbatschow: Das ist es nicht. Wir bewegen uns aber in die richtige Richtung, wenn auch unter Schwierigkeiten und langsam. Russland hat viel durchgemacht und man sollte die Entwicklung hier nicht nur durch die eigene Brille beurteilen.

Das Interview führte Matthias Schepp



insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
Schnurz321 07.06.2009
1. Ganz vernünftig
Scheint ja ein ganz vernünftiger Mann zu sein. Was die Medien angeht, hat er zum Teil recht. Im ersten Moment neigen diese zu Schnellschüssen und der Tenor ist in der Regel gegen Russland gerichtet. Im Nachhinein wird dann allerdings auch mal noch versucht, das zu korrigieren. Wobei das bei dem Georgien-Konflikt eher nicht der Fall war. Kaum waren die Informationen wirklich sicher, wurde auch schon nicht mehr (ausführlich) berichtet. Mal am Rande hört man nun auch Dinge, wie Demonstrationen gegen den georgischen Präsidenten, dem von seinem eigenen Volk eine Schuld an den Konflikt gegeben wird. Aber das ist bei weitem nicht ausreichend, das verzerrte Bild des Konfliktes wieder korrekt darzustellen.
G2c 07.06.2009
2. naiv
Zitat von sysopDie "Nowaja Gaseta" ist ein gefährlicher Arbeitsplatz für Journalisten: Vier Reporter der Moskauer Zeitung wurden schon ermordet. Unterstützt wird das Blatt von Michail Gorbatschow. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht er über die mühsame Verteidigung der Pressefreiheit in Russland. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,628999,00.html
Lieber Herr Gorbatschow, sind Sie bei allem Respekt tatsächlich der Meinung, dass in Russland irgendetwas ohne das Wissen, die stillschweigende Duldung oder die Anordnung eines Herrn Putin geschehen kann, was auch nur im geringsten öffentlichkeitsrelevat ist ?? Trotzdem weiterhin von ganzem Herzen viel Erfolg.
MarkH, 07.06.2009
3.
Zitat von sysopDie "Nowaja Gaseta" ist ein gefährlicher Arbeitsplatz für Journalisten: Vier Reporter der Moskauer Zeitung wurden schon ermordet. Unterstützt wird das Blatt von Michail Gorbatschow. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht er über die mühsame Verteidigung der Pressefreiheit in Russland. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,628999,00.html
Gorbi tut mir irgendwie leid Ein Gutmensch eben
Schnurz321 07.06.2009
4.
Zitat von G2cLieber Herr Gorbatschow, sind Sie bei allem Respekt tatsächlich der Meinung, dass in Russland irgendetwas ohne das Wissen, die stillschweigende Duldung oder die Anordnung eines Herrn Putin geschehen kann, was auch nur im geringsten öffentlichkeitsrelevat ist ?? Trotzdem weiterhin von ganzem Herzen viel Erfolg.
Das behauptet er doch gar nicht. Und Putin mag zwar enormen Einfluss haben, aber vielleicht überschätzen Sie seine Macht ein wenig. Man muss ja auch sehen, dass das heutige Russland sicherlich nicht das ist, das er in den 80er Jahren bei seinen Reformen Glasnost und Perestroika vor Augen hatte.
Schwencky, 07.06.2009
5. gute publicity erfordert gutes Tun
Zitat von Schnurz321Das behauptet er doch gar nicht. Und Putin mag zwar enormen Einfluss haben, aber vielleicht überschätzen Sie seine Macht ein wenig. Man muss ja auch sehen, dass das heutige Russland sicherlich nicht das ist, das er in den 80er Jahren bei seinen Reformen Glasnost und Perestroika vor Augen hatte.
das tut der Forist mit Sicherheit nicht. Man muss ja auch sehen, dass das heutige Russland sicherlich nicht das ist, das er in den 80er Jahren bei seinen Reformen Glasnost und Perestroika vor Augen hatte.[/QUOTE] Es ist aber auf dem besten Wege wieder dazu zu werden. Glasnost ist mittlerweile doch wieder komplett nicht mehr existent und Perestroika ist doch heute nicht mehr als ein Fabelwort. Die Verteilung des Reichtums findet immernoch ausschließlich nur mit Hilfe des Kremels statt. Jegliche Vergabeverfahren sind nur Show (soweit sie überhaut stattfinden), da sie ausschließlich mit Putins Gnaden erfolgen. Herr Gorbatschow war meiner Ansicht nach der beste Präsident, den Russland je hatte. Wenn er sich aber über die einseitige Berichterstattung beschwert über Russland, dann empfinde ich das als absurd und das Geweine einer beleidigten Leberwurst...(...mit Großmachtsfantasien). Schlimm genug, dass wir Politiker haben, die Missstände in Russland mittlerweile als gottgegeben hinnehmen, aber ich denke jeder hat begriffen, wie es dazu kam z.B. bei Herrn Schröder. Ja, ja....ich weiß....Putin ist ein lupenreiner Demokrat.
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