Kunstpreis für Wiebke Siem Der Teppichklopfer als Fetisch

Riesige Arme mit Micky-Maus-Händen, die aus der Wand ragen, oder seltsame Maskenkostüme: Für ihre befremdlichen, innovativen Skulpturen wird die Bildhauerin Wiebke Siem überraschend mit dem Kaiserring geehrt.


Es ist nur ein kleiner goldener Ring, in den das Abbild des Deutschen Kaisers Heinrich IV. eingraviert ist - und es ist zugleich einer der wichtigsten deutschen, wenn nicht sogar internationalen Kunstpreise: der Goslarer Kaiserring. Ein Worpsweder Goldschmiedemeister fertigt ihn jährlich passend für jeden neuen Preisträger an - und ab dieser Woche wird ihn die Künstlerin Wiebke Siem tragen.

Siem, 1954 in Kiel geborene Wahlberlinerin, wurde von einer internationalen Jury ausgewählt und gehört nun als Kaiserringträgerin in die illustre Reihe der seit 1975 ernannten Preisträger wie Henry Moore und Max Ernst, Nam June Paik und Cy Twombly, Gerhard Richter und Sigmar Polke oder Cindy Sherman, Jenny Holzer und Rosemarie Trockel.

Geld gibt es nicht, nur Ruhm und Ehre. Die Bundeskanzlerin grüßt den Ausgezeichneten stets mit einer persönlichen Botschaft, und Honoratioren und Minister nehmen am Abend vor der Preisverleihung am legendären "Kaisermahl" in der historischen Kaiserpfalz teil.

Echter Überraschungscoup

"Zwei Tage liegt eine kleine, aber historisch bedeutende, schmucke Stadt einem Künstler zu Füßen, der sich in das ewige Goldene Buch der Stadt eintragen darf" - so beschreibt der Juror Wulf Herzogenrath die Kaiserringzeremonie, die daran erinnert, dass Goslar vor rund tausend Jahren eine zentrale Kaiserpfalz des Heiligen Römischen Reiches war. Heute ist die Altstadt Weltkulturerbe - und Ziel vieler Touristenbusse.

Am kommenden Wochenende ist Goslar auch Ziel der Kunstszene. Und die staunt, denn mit der Wahl der Preisträgerin Siem ist der Jury eine echter Überraschungscoup gelungen. Auch Siem selbst war überrascht. "Ich habe geweint, ganz klassisch", beschreibt sie dem Kunstmagazin "Monopol" ihre erste Reaktion. Denn sie gehöre "ja nicht zu den Künstlern, die im Fokus der Öffentlichkeit stehen". Sie mache ihre Arbeit "mehr oder weniger im Stillen", und nur einige wenige Kuratoren hätten sich dafür interessiert.

Für die Jury, darunter zum Beispiel die Direktorin der Tate Britain Penelope Curtis, trifft das nicht zu. Zwar habe die Künstlerin in der Riege der bisherigen Preisträger noch deutlichen Aufholbedarf in Sachen internationaler Prominenz, aber ihr Werk sei nicht zu unterschätzen, sagt Curtis. Und Siem sei "eine der innovativsten und originellsten Künstlerinnen, die in ihrer Kunst nie Kompromisse eingegangen ist und deren Skulpturen eine enorme Aura und Präsenz haben, weil sie das Vertraute und das Unvertraute, das Bekannte und das Unbekannte mischen", begründete die Jury ihre Wahl.

Das zeigt auch die parallel zum Preis eröffnete Ausstellung im historischen Mönchehaus mit zwei Rauminstallationen, rund 15 Skulpturen und zahlreichen Zeichnungen aus den Jahren 2006 bis 2010.

Grotesk, unheimlich und aus weiblicher Sicht

Dort wird der Besucher gleich von einem bedrohlichen 4,20 Meter hohen, maßstabsgetreuen schwarzen Teppichklopfer empfangen, eine eigens für den Ort geschaffene Arbeit. Das Vorbild dafür fand Siem auf einem inszenierten Foto von Hans Bellmer aus den Dreißigerjahren, auf dem fotogrammartig der Schatten eines Teppichklopfers im Bild zu sehen ist. Der wurde in jener Zeit gerne als Instrument deutscher Kindererziehung verwendet und ist bis heute als sexueller Fetisch sehr beliebt. Allein sein Schatten erzeugt bereits das erwünschte Resultat: Kontrolle durch das Stimulieren von Angst.

Viele der Arbeiten von Siem scheinen aus einer Art kindlich-furchtsamer Perspektive entstanden zu sein: "Das Motiv des Unheimlichen oder der latenten Gewalt und Bedrohung in meinen Arbeiten ist nicht persönlicher Natur", sagt Siem. Man könne ihre Arbeiten der letzten Jahre als Versuch verstehen, "gesellschaftliche Strukturen und Machtverhältnisse zu versinnbildlichen, die bis heute existieren", dabei sei das "Element des Grotesken oder der Komik ein zusätzliches Mittel."

Und sie denke auch daran, dass der Umgang mit der Kunst der Moderne und den davorliegenden Epochen fast ausschließlich aus einer männlichen Sicht auf die Welt entstanden sei. So setzt ihre Arbeit oftmals da an, wo es um weiblich besetzte Themen wie Textilien und Mode, Dekoration, Alltag und Haushalt geht. So verweist ihre Arbeit "Die böse Farbe", auf ein Lied von Franz Schubert aus dem Zyklus "Die schöne Müllerin" von 1823, das als Schlüsselwerk des deutschen Bildungsbürgertums gilt. Unheilvoll zerstört der umgekippte Stuhl die bestehende Ordnung und lässt vermuten, dass hier ein geheimes Drama stattfand.

Außerdem nimmt Siem mit zwei Maskenkostümen Bezug auf den Umgang der Moderne mit außereuropäischer Kunst. Viele Künstler beziehen bis heute ihre Inspiration aus der außereuropäischen Kunst Afrikas, Asiens, Neuguineas. "Besonders der sexuelle Charakter mancher Kunstwerke wurde gerne aufgenommen, kopiert und zu Hilfe genommen, um als Ausdrucksmittel der sexuellen Befreiung aus der Enge und Verklemmtheit der Jahrhundertwendenzeit herzuhalten. Der imperialistische Blick auf den sexuell zügellosen Eingeborenen wird übertragen auf die sexuell zügellose Frau", so Siem.

Und aus dem Reich der Kinderalbträume kommt die Arbeit "Ohne Titel", in der zwei über vier Meter lange schwarze Arme aus der Wand heraus auf den Betrachter zugreifen. Sie sind mit schwarzen Nadelstreifenstoff überzogen, könnten einem 3D-Comic entsprungen sein und haben zugleich etwas Schattenhaft-Bedrohliches.


Ausstellung: Wiebke Siem, Kaiserringträgerin 2014, Mönchehaus Goslar, 11.10.2014-18.1.2015, www.moenchehaus.de



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