"Gothic Nightmares"-Schau Wenn die Vampire kommen

Was hat ein Schweizer mit Dracula und Batman zu tun? Im Falle von Heinrich Füssli jede Menge: Der Maler schuf mit seinen Alptraumszenarien die Stilvorlage für den modernen Mix aus Schrecken und Unterhaltung. In einer Londoner Schau ist sein Werk jetzt wieder zu entdecken.
Von Alexander Bühler

Ob an der Bushaltestelle oder in der U-Bahn, überall in London sieht man sie: Eine junge Frau, ausgestreckt auf dem Bett, sie scheint zu schlafen. Durch den Vorhang, der ihre Schlafstätte umgibt, blickt ein Pferd mit milchig-blinden Augen, während ein Gnom auf ihrem Körper hockt. Ein Alptraum? Ja, ein gemalter, der seit über 200 Jahren den Betrachter fasziniert.



"The Nightmare" des Schweizers Heinrich Füssli ist das Herzstück der Ausstellung "Gothic Nightmares" in der Londoner Tate Gallery. Ursprünglich bezog sich der Begriff "Gothic" auf die gotische Kunst des Mittelalters; Ende des 18. Jahrhunderts bezeichnete er dann eine Literaturgattung, später einen Kunststil, der um ein neues Publikumsinteresse kreiste: das Übernatürliche, Phantastische, Düstere. Themen, die auch heute wieder Hochkonjunktur haben: Harry Potter begeistert Lesermassen, der "Herr der Ringe" und moderne Horrorfilme füllen Kinosäle.

Das 18. Jahrhundert war - wie die Gegenwart - eine Zeit der Umbrüche: Die Französische Revolution erschütterte Europa, die Vorboten der Industrialisierung stellten das traditionelle Sozialgefüge in Frage. Dazu passend las man "Gothic Novels": Romane, in denen sich die Schrecken der Zeit romantisch maskieren ließen und in historisierendem Gewand für wohligen Grusel sorgten.

Schöner schauern

Füsslis Alptraum gilt als Ikone des Genres, erstmals war es 1782 auf der Sommerausstellung in der Royal Academy in London zu sehen. Wie damals üblich, hingen die Bilder dicht gedrängt, Rahmen an Rahmen. Zwischen den lieblichen Landschaften und gediegenen Porträts stach "The Nightmare" scharf heraus - und entwickelte sich sofort zum Publikumsmagneten.

Füsslis Zeitgenossen erkannten das Potenzial des Bildes - und setzten es in klingende Münze um: Während der Maler für eine Druckvorlage seines Gemäldes gerade einmal ein paar Pfund bekam, machte es den Käufer, einen Verleger, reich: Er verkaufte hunderte Kupferstiche von "The Nightmare", und das Bild wurde über Nacht berühmt. Auch Karikaturisten griffen die Darstellung auf und benutzten sie als Vorlage. Einige dieser Zeichnungen sind in der "Gothic Nightmares"-Ausstellung zu sehen: Beim Zeichner James Gillray beispielsweise liegt statt einer schlafenden Schönen der spätere König Georg IV. verschwitzt und aufgedunsen im Bett, neben ihm türmen sich leere und ausgekippte Weinflaschen.

Füssli, der einstige Bodmer-Schüler, stieg mit seinem Werk zum Popstar der englischen Adelsgesellschaft auf und schaffte es als Henry Fuseli sogar zum Mitglied der Royal Academy. Und weil Popularität und Mythenbildung nicht erst in der nachmodernen Mediengesellschaft Hand in Hand gehen, rankten sich um den "Alptraum" bald traumhafte Entstehungsgeschichten. So hieß es, Füssli habe in dem Bild eine unglückliche Liebesgeschichte verarbeitet.

Tatsächlich hatte sich der Künstler bei seinem letzten Schweizer Aufenthalt in die Landsmännin Anna Landolt verliebt, die ihn jedoch abwies. Aus Verzweiflung habe er sich, so eine kunsthistorische Anekdote, im Bild als Troll auf ihrer Brust verewigt. "Vielleicht hat Füssli bei seinem Gemälde aber auch lediglich einen alten Volksglauben aufgegriffen und mit dem eigenen sexuellen Verlangen verknüpft", sagt Martin Myrone, der Kurator der Ausstellung. "Damals erklärten nämlich unschuldige Mädchen vom Lande ihre Schwangerschaften öfters mit nächtlichen 'Besuchen' eines Trolls."

Monströser Motiv-Mix

Elfen, Gnome, Hexen - immer wieder tauchen in den Werken Füsslis und seiner Künstlerfreunde William Blake und James Gillray Bezüge zum Volksglauben auf. Zudem bediente sich der Maler ausgiebig aus dem damaligen Bildungskanon. Dazu gehörten Motive der antiken Mythologie ebenso wie Stoffe von Shakespeare und Milton. "Füssli hat die Kategorien der E- und U-Kultur schon damals vermischt - um sich besser zu vermarkten", erklärt Myrone. Die E-Kultur, das waren die elisabethanischen Klassiker, die U-Kultur bildeten die verpönten, aber dafür um so populäreren "Gothic Novels". Aus ihnen übernahm der Maler seine Ästhetik des Schauerns - und setzte sie gezielt in seinen Bildern ein.

Um die zu ihrer Zeit verstörende Wirkung der Bilder deutlicher zu machen, greift die "Gothic Nightmares"-Ausstellung das alte Konzept des "Phantasmagoriums" wieder auf: Im 18. Jahrhundert führten fahrende Schausteller mit primitiven Projektoren Bilder von Geistern, Hexen und anderen Schreckfiguren vor. Die Londoner Schau greift diese Inszenierung auf und lenkt die Besucher durch einen licht- und schallschluckenden Gang in einen abgedunkelten Raum. Hier gleiten zu dräuender Musik Ausschnitte der Gemälde über die Leinwand: grinsende Skelette, geflügelte Teufel, drohende Fratzen.

Der Schock als Unterhaltung - dieses Stilprinzip ist heute gültiger denn je. Wenn die Kinoleinwände von Werwölfen und Vampiren bevölkert werden und Stephen King ein hymnisches Vorwort zu Matthew Lewis' Grusel-Klassiker "Der Mönch" verfasst, dann ist das auch der Gothic Novel zu verdanken, die so souverän mit der Lust am Schrecken operierte. Nicht nur Edgar Allen Poes literarische Verliese, nicht nur Bram Stokers Blutsauger-Romantik, auch Buffy, die Dämonenjägerin, und Batman sind Erben von Füsslis Alptraum. Kein Wunder dass die Ausstellung vielfach von schwarzgewandeten und bleich geschminkten Gruftis heimgesucht wird.

Myrone, der kunststinnige Missionar des populären Schreckens, freut sich: "Demnächst kommt eine Gruppe, die sich 'Die Vampire' nennt, um sich die Ausstellung anzugucken."