Gottschalks Bibel-Test Die Lerchenbergpredigt des unseligen Thomas

Ein Hallelujah für die Quote: Mit der Live-Show "Gottschalks großer Bibel-Test" versuchte sich das ZDF an einem publikumswirksamen Religionsquiz. In Ermangelung göttlicher Geistesblitze geriet das langatmige Fleißkartensammeln jedoch zum qualvollen TV-Martyrium für die Zuschauer.


"Luthersöhnchen" Gottschalk: Spagat zwischen Bildungsauftrag und humorfreien Sketchen
DDP

"Luthersöhnchen" Gottschalk: Spagat zwischen Bildungsauftrag und humorfreien Sketchen

Deutschlands Fernsehsender prüfen gewohnheitsgemäß gerne die Geduld ihres Publikums - in letzter Zeit vermehrt durch groß angelegte Volksexamen im Showformat. Nachdem die private Konkurrenz mit Intelligenz- und Führerscheintests reüssieren konnte, konterte das ZDF gestern zur besten Sendezeit mit einem über zweistündigen Religionsquiz.

Die als "Gottschalks großer Bibel-Test" annoncierte Live-Sendung aus Köln begann um 20.15 Uhr mit dem programmatischen Popsong "Sing Hallelujah", zu dem eine leidlich witzige Cartoon-Version des Moderators über die Titel turnte. Der unvermeidliche Gospel-Chor in der Mehrzweckhalle griff das Thema auf und bereitete schmissig den Auftritt des ZDF-Allrounders Thomas Gottschalk vor.

Selbiger trat dann vor Saalpublikum und versammelte TV-Gemeinde, um sogleich Sinn und Zweck der religiösen Wissensabfrage zu erörtern. Bei den anderen werde "über jeden Scheiß 'ne Fernsehshow gemacht", so Gottschalk. Die Mainzer setzen stattdessen auf die Heilige Schrift, und um die Notwendigkeit eines landesweiten Konfirmations- bzw. Kommunions-Updates zu unterstreichen, illustrierte prompt ein launiger Zusammenschnitt aus Straßenbefragungen die Ahnungslosigkeit des Abendlandes. Da behaupten Passanten, Gott habe "Eva aus Adams Teil" geschaffen. Und zuletzt meinen zwei weibliche Teenager, sich an das Gebot "Jungfrau bleiben" erinnern zu können.

In der öffentlich-rechtlichen Gebetsmühle

Nachdem so die mangelnde Bibelfestigkeit bewiesen wurde, erklärte der sichtlich strapazierte Gottschalk den weiteren Ablauf: Im Saal nahmen vier Testgruppen am Quiz teil, nämlich "Brautpaare", "Politiker" - darunter TV-Tausendsassa Norbert Blüm und Grünen-Bonvivant Rezzo Schlauch -, die als vermeintlich verruchtes Element eingeführte Fraktion "Nachtleben" und das ökumenische Team "Kirchendiener".

Gottschalk alias Pater Anselm: Witz mit Bart
ZDF

Gottschalk alias Pater Anselm: Witz mit Bart

Mit je 30 Personen boten die demografisch kurios zusammengestellten Mannschaften eigentlich genug interessante Interviewmöglichkeiten, doch um das zähe Präludium noch ein wenig umständlicher zu gestalten, galt es obendrein, fünf mäßig prominente Einzelkandidaten vorzustellen. Neben dem gewohnt wortkargen Box-Frühpensionär Dariusz Michalczewski traten die seit dem Dschungelcamp prüfungsresistente Selbstdarstellerin Désirée Nick, der ostentativ lebensbejahende Theologe und ZDF-Mann Peter Hahne, die berüchtigte "Schnacksel"-Fürstin Gloria von Thurn und Taxis sowie Ex-Klosterschüler Markus Lanz gegeneinander an.

Minute um Minute mahlte die öffentlich-rechtliche Gebetsmühle vor sich hin, denn auch der Mitspielmodus für das Fernsehpublikum wollte noch erläutert werden. Schließlich gab es drei Bibelreisen nach China zu gewinnen, wo auf den Spuren der ersten christlichen Missionare gewandert werden darf. Erst als Gottschalk mit Hilfe seines Statistik-Sidekicks Christian Sievers die ohnehin kaum vorhandene Spannung souverän runtergefahren hatte, läutete er die erste von vier Raterunden ein. Sieben Fragen aus der Kategorie das "Buch der Bücher", die sofort deutlich machten, worum es geht: Fleißkärtchensammeln. Welches "Hobby" hat Gott im Buch Genesis? Angeln? Nein, Gärtnern! Was gibt es im Alten Testament? Das "Buch der Anwälte"? Nein! Das Buch der Richter!

Katechismus im Kolportagestil

Gottschalks kolportagenhafter Katechismus bleibt auch für den restlichen Abend völlig unberührt von der Erkenntnis, dass sich ein ernst gemeintes Verständnis der Bibel nicht durch kontextloses Repetieren von Versen, sondern durch Auslegung und Interpretation speist. Aber selbst in Sachen Dramaturgie ist jede Kirchentagsveranstaltung dieser unentschlossenen Lerchenberg-Predigt des ZDF überlegen. Das zeigte nicht zuletzt der missglückte Spagat zwischen einem überheblich behaupteten Bildungsauftrag - "In allen andere Programmen nur nackte Weiber, bei uns geht's um die Bibel" - und den ebenso verklemmten wie vergeblichen Versuchen, durch eingespielte, völlig humorfreie Sketche das stocklangweilige Prozedere aufzulockern.

Entertainer Gottschalk: Bibel statt nackter Weiber
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Entertainer Gottschalk: Bibel statt nackter Weiber

Gottschalk selbst ließ es sich leider nicht nehmen, gleich in mehreren Clips als "Pater Anselm" aufzutreten. Seine klischeebeladene Maskerade war dabei fast identisch mit jener, die Otto Waalkes vor mehr als zwei Jahrzehnten in seinen "Wort zum Sonntag"-Persiflagen vorführte. Nur war Otto einst ein satisfaktionsfähiger Komiker. Dabei waren Gottschalks Spar-Pointen wie "Macht nicht das Evangelium Kinder froh und Erwachsene ebenso?" oder "Heute das Zweite Deutsche Fernsehen, morgen das Erste Buch Mose?" auch Ausdruck der Hilflosigkeit angesichts eines gänzlich unausgegorenen Konzepts.

"Sein Leben war eine einzige Open-Air Tour" schwafelt Gottschalk alias Anselm zum Leben Jesu, der ja "langen Bart und lange Haare wie Frank Zappa" gehabt habe. Nun, den längsten Bart haben hier immer noch die Witze: Ob 50 Jahre Rock oder 2000 Jahre Christentum, wie auf Autopilot steuert Gottschalk jedes hanebüchene Showformat seines Haussenders ins gewünscht seichte Gewässer.

Noch schlimmer waren lediglich die gefilmten Bibelparodien mit Bully Herbig, Christian Tramitz und anderen Humorsöldnern des Privatfernsehens. Eine Kostprobe aus dem Sketch zum letzten Abendmahl genügt: "Judas, von dir lass ich mich nicht aufs Kreuz legen." Abgesehen von allen Fragen des Glaubens oder Geschmacks: Wer dem Zuschauer den christlichen Schlüsseltext näher bringen will, sollte vielleicht nicht im nächsten Moment jedweden Respekt vor dessen Protagonisten über Bord werfen. Gerechterweise blieb es im Saal angesichts der deplatzierten Kopflosigkeiten so still wie bei der Andacht, und die einzigen Lacher des langatmigen Abends gehörten dem viel zu spärlich eingesetzten Teilnehmern aus den vier Spartengruppen. Ob denn in seiner fränkischen Heimatstadt noch Legenden über seine Zeit als Messdiener kursierten, wollte ein auf Zuspruch gepolter Gottschalk von zwei Kulmbacher Ministranten wissen. "Nö, eigentlich nicht", entgegneten die beiden völlig unbeeindruckt. In solchen seltenen Momenten ist Live-Fernsehen nahezu göttlich.

Schickt Bibeln nach Berlin

Auch das kurze Zwiegespräch zwischen Jürgen Rüttgers (CDU) und Petra Pau (PDS) war weitaus erhellender als die Frage, ob es nun das Gleichnis vom Senfkorn oder der Paprikaschote war. Beide Politiker hatten alle bisherigen Fragen richtig beantwortet, und als der berufssteife Rüttgers seiner linksgerichteten Kollegin implizit das Recht auf christliche Gesinnung absprach, flackerte kurz die Möglichkeit einer echten Debatte auf. Doch kaum kam die ehemalige Ministrantin Pau richtig in Fahrt - "Jesus wäre heute auf den Montagsdemonstrationen" -, mussten schon wieder Fragen gestellt und Statistiken aufgetürmt werden.

"Wer ist der biblische Pechvogel, wenn es um schlechte Nachrichten geht?" Peter Hahne? Nein, doch der Hiob. Der siegesgewisse Sonnenschein Hahne, der anfangs die "tolle Botschaft" des Christentums gegen "Arbeitslosenstatistik und Tsunami" stellte, zog am Ende im Psalm-Memory gegen Markus Lanz den Kürzeren. Letzterer empfahl sich durch sentimentale Anekdoten aus der Klosterschulzeit und kalendertaugliche Sinnsprüche für eine spätere Laufbahn als Kaffeefahrtenunterhalter. Gräfin Thurn und Taxis, die sich laut Gottschalk "ab und zu mit Kardinal Ratzinger trifft", war im Geiste wohl im nächsten "Bunte"-Interview und teilte sich vornehm einen Platz mit Frau Nick, die so oft ungefragt von ihrer Vergangenheit als Religionspädagogin krähte, als ginge es hier um das Erlangen der Absolution. Michalczewski blieb hingegen gelassen, immerhin kann er zwei Fäuste für ein Hallelujah und einen Landsmann als Papst vorweisen.

Spannungsfrei endete der Gründonnerstags-Event mit allerhand statistischen Nichtigkeiten. Die fröhlichen Kirchendiener entschieden den Saalwettbewerb erwartungsgemäß für sich, und laut Hochrechnung wohnen die bibelfestesten Deutschen in Baden-Württemberg, während das babylonische Berlin den letzten Platz belegte. Die Zuschauer über 60 hatten nebenbei die meisten richtigen Antworten, womit die ZDF-Zielgruppe wieder einen Sieg für sich verbuchen konnte. Nur böse Zungen würden behaupten, dass die schlechten Noten für die Gruppe unter 29 Jahren mit dem parallel laufenden Kracher "Sex Up - Ich könnt' schon wieder" auf Pro7 zusammenhängen. Gottschalk jedenfalls konnte und wollte augenscheinlich nicht mehr: Während der Gospel-Chor mit "Oh Happy Day" zum überkonfessionellen Mitklatschen animierte, drehte er sich um, blickte kurz auf die Uhr und verschwand in den Kulissen.

Es sollte eine Sendung für "Katholiken, Protestanten und die, die sich schon verabschiedet haben" werden. Der Abschied vom großen Bibel-Test fiel nur sich selbst geißelnden Gottschalk-Jüngern schwer.



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