Graffiti-Ausstellung Keine Subversion, nirgends

Sprayen auf der Straße, das ist illegal, mutig und verboten, das ist Abenteuer, Einsatz und Risiko. Eine Pariser Schau zeigt dagegen: Tags in Reih und Glied, alle gleich groß und schrecklich schön bunt. Illegal sind diese genormten Graffiti nicht - und auch keine Kunst.


Graffiti im Museum? Kein Problem. Seit sich Sammler und Kunstmarkt der Graffiti-Kunst angenommen haben, ist sie salonfähig geworden, und Ausstellungen in Galerien und Museen sind längst kein Einzelfall mehr.

Selbst für ein französisches Staatsmuseum wie den pompösen viktorianischen Pariser Grand Palais ist es völlig unproblematisch, die derzeitige Ausstellung "Le Tag - Collection Gallizia" mit Spray-Bildern von immerhin 150 internationalen Graffiti-Künstlern zu zeigen - trotz des Widerspruchs, dass die "Tags" außerhalb des Museums an Mauern, Hauswänden, in der Metro oder als Übermalung von Plakaten ihren Urhebern Anzeigen wegen Ordnungswidrigkeit oder Sachbeschädigung mit hohen Geldstrafen einbringen würden.

Vielleicht ist es dieser Widerspruch, der die vielen Besucher ins Museum zieht. Aber vielleicht ist das große Interesse an der Trivialkultur Graffiti auch deshalb nachvollziehbar, weil sich anerkannte Galerien- und Kunstmarkt-Kunst in ihren Inhalten, ihrer Präsentation und Vermarktung oft kaum noch von Konzepten aus Werbung, Design und Fotografie unterscheidet. Und weil Gemälde und Skulpturen "Konzepte" sind und "Arbeiten" heißen. Keine "Aura" mehr beim Kunstwerk, unter den Künstlern nirgends ein "Genie", nur noch "Stars" ohne "Bohemien"-Leben, ohne Leidenschaft und Leiden. Kein Gegenentwurf zum geschäftlichen und zum bürgerlichen Dasein mehr.

Da sieht es bei den Graffiti-Künstlern schon anders aus. Denn Sprayen auf der Straße, das ist illegal, aufregend, mutig und verboten, ist Abenteuer, Einsatz und Risiko. Street Art, das ist Aggression gegen die bürgerliche Ordentlichkeit, ein Schlag ins Gesicht der Ordnungshüter, das ist Protest, Widerstand, Rock 'n' Roll.

Sprayer malen spontan, turnen nachts auf U-Bahnzügen herum und sind Romantiker, die sich mit ihren "Tags" zu erkennen geben, sich damit einen Namen machen - und zu Legenden in ihrer Nachbarschaft werden können, die von den Kumpels respektiert und nicht "gecrossed", also übermalt werden.

Denkt man. Und dann das.

Ordentlich in Reih und Glied an den Wänden des 700 Quadratmeter großen Saals hängen die Tags. Viermal übereinander, viermal je 60 Zentimeter hoch, auf genormten Leinwänden, jede 180 Zentimeter lang. Hier tanzt kein Sprayer aus der Reihe, noch nicht mal mit seinem gesprayten Anliegen. Denn auch das ist genormt: "Die Signatur des Künstlers, sein ,Tag', auf der linken, und seine Illustration des Wortes ,Liebe' auf der rechten Seite", erklärt der Sammler und Architekt Alain-Dominique Gallizia. Der hat die Ausstellung kuratiert, er hat die Graffiti-Künstler ausgewählt, hat ihnen die Regeln vorgegeben und sie dann zur "Ausführung" in sein Studio in einem Pariser Außenbezirk eingeladen.

62 Graffiti-Künstler aus den USA, 51 Franzosen, vier Deutsche, ein paar Belgier, Briten, Schweizer, Kanadier, Australier, ein Koreaner und ein Japaner sind dabei, einige der Eingeladenen haben abgesagt. Nicht, dass sie was gegen sein Konzept gehabt hätten, sie wollten lieber in der Anonymität bleiben, sagt Gallizia.

Denen, die zur Pressekonferenz und zur Eröffnung gekommen sind, ist das nicht mehr wichtig, "wir wollen raus aus der Illegalität", sagt ein französischer Sprayer. Er selbst habe kein Problem mit der Legalisierung seiner Arbeit und seine kritische Haltung werde er beibehalten. Am liebsten für den Kunstmarkt.

Nun kann man keinem Menschen übelnehmen, wenn er von seiner Arbeit leben will. Bloß dass die Arbeit eines Graffiti-Sprayers nicht auf vorgegebenen Leinwänden stattfinden kann und schon gar nicht zu vorgegebenen Themen, das steht fest. Denn dann handelt es sich nicht mehr um Graffiti.

Und um Kunst auch nicht unbedingt, so viel steht ebenfalls fest, wenn man die 150 Arbeiten ansieht. Denn die sind zwar schön bunt, aber wenig individuell und selten originell.

Zum Thema "Liebe" ist den meisten ein Herz eingefallen, rot natürlich. Blade, "einer der weltbekanntesten Graffiti Pioniere", hat den Buchstaben "A" in seinem Namen durch ein rotes Herz ersetzt. Iz the Wiz aus den USA, Spezialist im subway-spraying, hat aus einem großen und vielen kleinen Herzen ein rosa Ausrufezeichen mit rotem Rand hinter seine Initialen gebastelt, während sein Landsmann Stayhigh zu seinem roten Herz noch dreimal "Love" und einmal "make love not war" sprayt.

Kämen die vielen Liebe-Wortgestaltungen wenigstens ein bisschen ironisch oder komisch daher. Aber nein, meist sind sie hübsch passend zur Farbe des Tags gestaltet. Der Brasilianer Nunca setzt zu "Amor" noch ein kleines Herzchen, einem anderen reichen die drei ersten Buchstaben von "Love", dafür hat das V einen Pfeil nach oben und daneben steht ein Euro-Zeichen. Und für Lazou aus Frankreich illustriert ein Baby die Liebe.

So ungefähr, mit wenigen Ausnahmen, geht es auf allen Leinwänden zu.

Der Chef vom Palais du Tokyo, dem Pariser Museum für zeitgenössische Kunst, soll gesagt haben, 99 Prozent aller Urheber von Graffiti seien "Dummköpfe".

Zu polemisch, vielleicht ist er neidisch auf die Besucherzahlen. Aber klar ist, dass es hier nicht um Kunst geht, die der Kurator in jedem zweiten Satz beschwört. Und es gibt hier keine Graffiti zu sehen.

Das, was hier hängt, ist höchstens ein domestizierter Ableger davon, ein dekoratives Musterbuch, das aussieht wie ein Katalog des österreichischen "Institut für Graffiti-Forschung" an der Wiener Hochschule für Angewandte Kunst, das "zur Förderung legaler Graffiti als eigenständiger Kunst- und Kulturform" gezähmte Aktivisten als Sprayer an interessierte Auftraggeber vermittelt.

Das ist toll und sozial - aber ins Museum würde so was nie kommen.

Ist es also die Illegalität, das Verbotene, das die Graffiti-Kunst für die Sammler, den Kunstmarkt und die vielen Ausstellungsbesucher interessant macht? Sicher gehört das dazu: die abenteuerlichen Produktionsbedingungen und das Geheimnis der Urheberschaft. Wie bei Banksy, dessen Schablonen-Graffiti vor einiger Zeit auf Auktionen Spitzenpreise erzielten und über dessen Identität sich Legionen von Journalisten Gedanken machen. Banksy sprayt weiter, veröffentlicht erfolgreich Bücher im Eigenverlag und hat einen Agenten - der die Anonymität des Sprayers bestens vermarktet.

Aber eines gab es auch schon mal: Unter Graffiti-Künstlern können auch Künstler sein, und aus denen können sogar welche mit Kult-Status werden. Wie Jean-Michel Basquiat, der in den achtziger Jahren sogar an der Documenta 7 teilnahm.

Rote Herzen hat der allerdings nie gesprayt.


"Le Tag - Collection Gallizia". Paris. Grand Palais. Eingang H. Bis 26. April.



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Lecturer 07.04.2009
1. Narrenhaende
Zitat von sysopSprayen auf der Straße, das ist illegal, mutig und verboten, das ist Abenteuer, Einsatz und Risiko. Eine Pariser Schau zeigt dagegen: Tags in Reih und Glied, alle gleich groß und schrecklich schön bunt. Illegal sind diese genormten Graffiti nicht - und auch keine Kunst. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,617721,00.html
also ehrlich, das sprayen auf oeffentliche Gebaeude die nicht ueberwacht werden, wo das Risiko null ist, soll mutig sein? Sollen die sprayer doch mal ein 'tag'; auf einen Privat-PKW machen, dann wuerden sie schon sehen dass man dazu schon Mut braucht, besonders wenn der Besitzer einen sprayer ausfindig macht. Und Kunst ist dieses republikweite ewig gleiche Graffiti in den allermeisten Faellen (ich schaetze mal 99.95%) schon garnicht. Wenn man viel Zug faehrt haengt einem diese Verschandelung z.T. schoener Mauerwerkswaende bald zum Hals raus. Hat denn irgendein sprayer schonmal versucht seine 'Kunst' auch mal wieder zu entfernen? In gewisser Weise ist Graffiti Noetigung; diese sprayer malen grosse 'Werke' auf Flaechen die man anschauen muss ohne zu fragen ob man deren individuelle Erguesse auch ansehen auch will; von daher ist ein Museum der sehr viel geeignetere Ort. Man sollte erwischte sprayer zwingen die gesammelten Reden Helmut Kohls anzuhoeren, das waere das akustische Aequivalent und eine verdiente Strafe. Wie heisst es doch so schoen bei Wilhelm Busch: "Narrenhaende beschmieren Tisch und Waende"; Graffiti hat also eine lange und kuenstlerisch gewuerdigte Tradition. Im Uebrigen: was wuerde denn der Verfasser dieses Artikel sagen wennein mutiger Sprayer ihm die Frintscheibe des Autos 'verschoenert'?? Eben...
Karikaturblogger 07.04.2009
2. Na was ist schon Kunst...
Natürlich hat der Author irgendwie recht, wenn er auf den Zusammenhang von Graffiti und Straße hinweist. Und ob es sinnvoll ist Menschen die sonst ihrer Spontanität und Kreativität freien Lauf lassen das Thema und die größe der Fläche vorzugeben mag wirklich fraglich sein. Aber die Ausstellung zeigt sicher, wie geschickt und talentiert die Sprayer zu Werke gehen. Wie jeder versucht einen für sich einzigartigen Stil zu kreieren, um damit für andere Erkennbar zu sein. Auch das ist Kunst. Ein bestimmtes Handwerk eine Technik so zu beherrschen, dass man die Menschen zum Staunen bringt. Wer schon mal selbst ne Spraydose in der Hand hatte, kann da sicher noch mehr darin erkennen. Und vielleicht ging es dem Kurator einfach auch darum, die Leute mal wieder ins Museum zu locken. Vielleicht kommen ja sogar ein paar "Jugendliche" ;-).
NorQue, 07.04.2009
3. Was ist Subversion?
Welcher Sprüher kann schon von sich behaupten, er hätte in einem Museum getagt? Ist das nicht die ultimative Form von Subversion? Verstehe die Kritik von Else Kling^W^WIngeborg Wiensowski nicht.
threedeepiet 07.04.2009
4. graffitti keine kunst
wie gewohnt von ingeborg wiesowenig, wenig geistreich. warum das nun keine kunst sein soll, da windet sie sich mit ein paar finten raus. weil es domestiziert ist? weil es sowenig originell ist? damit wird sie aber ja künstlern wie bansky kaum gerecht. und sind werke von anselm reyle und rehberger weniger genormt und origineller? wiesowenigs thesen taugen für vernissagen talk mit weingläschen in der hand. schade daß der spiegel doch recht viele autoren dieser güte hat. naja, boulevard sells. oder so
mirkobelka 07.04.2009
5. schade...
Schade das es hier tatsächlich die beschriebene "bürgerliche Ordentlichkeit" ist die die Redaktion dazu bewegt hat in Frage zu stellen ob es einen richtigen Rahmen für "diese From" der Kunst gibt. Selbst das es eine ist, wird in Frage gestellt. In diesem Artikel ist die Graffitikultur nicht wirklich recherchiert worden. Einige Aussagen sind dem Tenor des Artikels zum Opfer gefallen und leider Realitätsfremd. Auf dieser Grundlage ist es schwer zu diskutieren. Und auch junge Leser erhält man sich nicht über tolle Themen sondern gut aufbereitete Inhalte und keine Polemik.
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