SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

05. Mai 2009, 08:48 Uhr

Graphic Novel "Waltz with Bashir"

Giftgrünes Gruselkabinett

Von Hannah Petersohn

Massaker und Schuldgefühle, inszeniert mit Stift und Farbe: Der Regisseur Ari Folman demonstrierte mit dem animierten Film "Waltz with Bashir" die Wucht gezeichneter Bilder. Jetzt erscheint das Buch zum Film - und lässt Betrachter schaudern.

Kläffende Hunde peitschen durch regennasse Straßen. Sie fletschen ihre Zähne, ihr Speichel verfängt sich in ihrem bläulich glänzenden Fell. Niemand wagt es, sich ihnen in den Weg zu stellen, sie kennen ihr Ziel genau: ein Wohnhaus, vor dem sie knurrend, hasserfüllt nach einem gewissen Boaz Rein verlangen.

Diese animalische Alptraumsequenz wählte der Autor, Regisseur und Produzent Ari Folman als Einstieg für seine animierte Dokumentation "Waltz with Bashir": Eine filmische Reise zurück ins Jahr 1982, als er als israelischer Soldat in den Libanonkrieg zog. Da er sich nicht an die entsetzlichen Ereignisse des Massakers von Sabra und Shatila erinnern konnte, interviewte er andere Kriegsteilnehmer. Zu ihnen gehörte sein Freund Boaz Rein, der ihm von seinem allnächtlichen Alptraum erzählt hatte: von den 26 Hunden, die ihn töten wollen.

"Waltz with Bashir" strich viel Kritikerlob ein und auch den einen oder anderen Preis: einen Golden Globe zum Beispiel und einen César. Nun ist der ausgezeichnete Film als Comic oder besser Graphic Novel erschienen: als grafischer Roman also, der sich in seiner erzählerischen Dichte und gemäldehaften Bebilderung von einem Heftcomic à la "Fix und Foxi" abhebt.

Versuche, Comics in Spielfilme umzusetzen, gibt es bereits seit Jahrzehnten - und häufig waren sie extrem erfolgreich: etwa bei Batman, Superman oder Asterix. Nun wird dieses Prinzip umgedreht: Statt dem Film zum Buch gibt es das Buch zum Film. Ob das wohl eine gute Idee ist?

Das Buch wirkt wie die zeichnerische Version eines Drehbuchs. Ausgewählte Szenen, die Film-Stills entsprechen, bebildern die Grausamkeit des Massakers und die Erinnerungen der Beteiligten. Würde es sich bei der Filmvorlage um einen Spielfilm handeln, müsste man das Genre wohl mit Foto-Roman betiteln.

Wer den Film "Waltz with Bashir" kennt, weiß um die rudimentäre Gestik, die verzögerten und ungelenken Bewegungen und die zurückhaltende Mimik der Darsteller. Der Unterschied zwischen Zeichnung und bewegtem Bild ist also kaum zu spüren. Trotzdem wird die Vorstellungskraft und das selbständige Denken im Buch stärker gefordert als im Film. Der Leser muss einen dynamischen Ablauf aus den statischen Bildern rekonstruieren. Dieses Kopfkino-Erlebnis bindet ihn noch stärker an die Geschichte.

Die Graphic Novel macht es möglich, bei bestimmten Ausschnitten zu verharren und die gequälten Gesichter genauer unter die Lupe zu nehmen. Die Bildkompositionen kristallisieren sich so erst richtig heraus. Geschickt wechseln Nahaufnahmen und Vogelperspektiven, wobei immer auf ein harmonisches Bild-Gleichgewicht geachtet wurde. Der Betrachter blickt mal durch die Augen der Protagonisten selbst auf das Geschehen, dann befindet er sich hinter der Figur und läuft ihr hinterher, um letztlich eine Draufsicht als allwissender Zuschauer einzunehmen.

Folman und sein Chefillustrator David Polonsky beschränken sich auf gedämpfte Farben und zeigen selten sonnendurchflutete Momente. Je nach Intention tauchen sie den Hintergrund in Graublau (nächtlicher Militäreinsatz), Giftgrün (Massaker) oder Blutrot (Liebe). Gegenwärtigen Momenten verpassen sie lebendigere Farben, die sich von der surrealen Szenerie der Rückblicke abheben.

Ihre Bilder sind gespenstische Trips in die Grauzone zwischen realer Rekonstruktion und Halluzination. Flackernde Erinnerungsbilder, die auch ohne Text auskommen könnten, denn der Betrachter gerät in einen Sog der Farben und Montagen.

Den Abschluss des Buches bilden keine Zeichnungen, sondern Fotos. Sie zeigen übereinander liegende Tote, an deren Hemden Blut klebt - und konfrontieren den Leser so voller Wucht mit der Echtheit der Erzählung. Der fiktive Charakter der Graphic Novel zerbricht: All das ist wirklich geschehen.


Comic Ari Folman & David Polonsky: "Waltz with Bashir". Atrium, Zürich; 128 Seiten; 22 Euro.

URL:


© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung