Grass antwortet Kritikern "Man will mich zur Unperson machen"

Erschrocken zeigt sich Günter Grass über die Reaktionen auf seine späte Offenbarung, er sei Mitglied der Waffen-SS gewesen. Lech Walesa hatte ihn zur Rückgabe der Danziger Ehrenbürgerschaft aufgefordert, andere stellen seinen Literaturnobelpreis in Frage.


Hamburg - Als persönlich verletzend hat der Schriftsteller Günter Grass das Medienecho auf seine jetzt bekannt gewordene Mitgliedschaft in der Waffen-SS kritisiert. "Sicher ist es auch der Versuch von einigen, mich zur Unperson zu machen", sagte der Literatur-Nobelpreisträger der dpa. Er sei dankbar, dass es differenzierende Gegenstimmen gäbe: "Ich kann nur hoffen, dass einige Kommentatoren jetzt mein Buch genau lesen." In seiner am 1. September erscheinenden Kindheits- und Jugend-Autobiografie "Beim Häuten der Zwiebel" berichtet Grass unter anderem erstmals über seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS.

Ehemaliges Waffen-SS-Mitglied Grass: Hinterfragen der eigenen Naivität
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Ehemaliges Waffen-SS-Mitglied Grass: Hinterfragen der eigenen Naivität

"Deutlicher, genauer aus meiner Erinnerung habe ich nicht ausdrücken können, wie ich mich im Alter von 16/17 Jahren verhalten habe. Und dass ich diesen Makel - und ich habe das als Makel empfunden - über 60 Jahre lang zu spüren hatte und versucht habe, daraus meine Konsequenzen zu ziehen. Dem entsprach mein späteres Verhalten als Schriftsteller und als Bürger", sagte Grass.

Zu einzelnen Stimmen, er habe jede Glaubwürdigkeit als moralische Instanz verloren und solle die Ehrenbürgerschaft seiner Heimatstadt Danzig und den Nobelpreis zurückgeben, wollte Grass sich nicht äußern. "Ich komme dann nicht mehr aus dem Kommentieren heraus."

Jacek Kurski, Mitglied der konservativen polnischen Regierungspartei PiS und Abgeordneter des Parlaments, hatte gesagt: "Es ist für eine Stadt, in der das erste Blut vergossen wurde, in der der Zweite Weltkrieg begann, nicht zumutbar, ein Mitglied der Waffen-SS als Ehrenbürger zu haben". Auch Polens Ex-Präsident und Friedensnobelpreisträger Lech Walesa hat Grass zur Rückgabe der Ehrenbürgerschaft aufgefordert. "Es ist eine unangenehme Situation entstanden", sagte Walesa, selbst Ehrenbürger Danzigs, der "Bild"-Zeitung. "Ich fühle mich in dieser Gesellschaft nicht wohl." Der CDU-Kulturexperte Wolfgang Börnsen hatte gefordert, Grass solle seinen Literatur-Nobelpreis zurückgeben.

Erneut betonte der Schriftsteller in dem dpa-Gespräch, in der Zeit nach seiner Vereidigung Ende Februar 1945 bis zu seiner Verwundung am 20. April 1945 keinen Schuss abgegeben zu haben. Er sei auch an keinem Verbrechen beteiligt gewesen.

Auf die Frage, warum er dennoch so lange geschwiegen habe, sagte Grass: "Erst als ich mich entschlossen habe, über meine jungen Jahre zu schreiben, was mir als jungem Mann widerfahren ist, fand ich diese literarische Form. Sie ermöglichte es mir, endlich auch über die Mitgliedschaft in der Waffen-SS zu schreiben und zu sprechen." In der Summe sei für das Buch aber nicht das Thema Waffen-SS entscheidend, sondern das quälende Hinterfragen seiner Naivität als Jugendlicher in der NS-Zeit: "Wie konnte ich so blauäugig dieser Ideologie hinterherlaufen? Warum habe ich keine Fragen gestellt, als mein polnischer Onkel nach der Erstürmung der polnischen Post 1939 in Danzig standrechtlich erschossen wurde. Warum habe ich nicht nachgefragt, als mein Lateinlehrer, der Zweifel am Endsieg äußerte, auf einmal verschwunden war?"

Rückendeckung von Kollegen

In Danzig (Gdansk) entbrannte indes eine Debatte über die Ehrenbürgerschaft des Schriftstellers. Ob diese dem in Danzig geborenen 78-Jährigen wieder aberkannt wird, will der Rat der polnischen Stadt nach den Sommerferien beraten, wie eine Sprecherin mitteilte.

Vizekanzler Franz Müntefering kritisierte den Zeitpunkt des SS-Geständnisses. "Es wäre gut, wenn es eher gewesen wäre", sagte der SPD-Politiker. Trotzdem habe er Respekt vor Grass. Müntefering sagte, er sei froh, dass er selbst als Jugendlicher nicht mit einer solchen Frage konfrontiert worden ist. "Das heißt, das alles kann kein Grund sein zu Hochmut und über ihn herzufallen." Er glaube, dass Grass zum Gelingen der Demokratie in Deutschland beigetragen habe und dies auch weiter tun werde, betonte Müntefering.

Rückendeckung erhielt Grass erneut von Schriftstellerkollegen. Der Präsident der Schriftstellervereinigung P.E.N. Deutschland, Johano Strasser, bezeichnete die Debatte als "fürchterlich hochgespielt". Viele seiner jetzigen Kritiker wollten Grass offenbar etwas heimzahlen, sagte Strasser. Schließlich habe Grass auch ausgeteilt. Laut Strasser hat Grass seine Vergangenheit nie verheimlicht. Unbekannt gewesen sei lediglich seine Mitgliedschaft bei der Waffen-SS als 17-Jähriger.

hoc/AP/ dpa

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