Grass contra Habermas Gegen Idee von einem "Kerneuropa"

Literaturnobelpreisträger Günter Grass hat die von dem Philosophen Jürgen Habermas vorgeschlagene Konzeption eines „Kerneuropa“ kritisiert.

Hamburg - Es sei zwar richtig, dass bei der "notgedrungen langsamen Bewegungsart Europas" es gelegentlich bestimmter Anstöße bedürfe, sagte Grass in einem Gespräch im Deutschlandfunk. Doch von der Idee eines "Kerneuropa" halte er nichts. Impulse könnten etwa von Frankreich und Deutschland gemeinsam kommen. "Aber das zu institutionalisieren, ein Kerneuropa als treibende Kraft zu sehen, halte ich für falsch."

Grass begrüßt es, dass durch die Osterweiterung Europas neue Stimmen hinzukommen, auch wenn diese unbequem seien. Vor allem habe er Vorbehalte gegenüber der "kritiklosen Haltung" Polens gegenüber der Irakpolitik der USA gehabt. Diese gründe im "Aberglauben", die Amerikaner hätten Osteuropa befreit. Er könne diese Loyalität zwar verstehen, glaube aber, dass sie zu einem "bösen Erwachen" führen werde. Dennoch sei es richtig, "dass wir in dem zukünftigen europäischen Gespräch aufmerksamer in Richtung Ost- und Mitteleuropa hören müssen. Die Mitte Europas ist nicht Paris, sondern Prag".

Grass forderte eine Stärkung der Kultur im Einigungsprozess. Die Kultur sei der "tragfähigste Bereich, um ein europäisches Verständnis zu entwickeln". Dazu bräuchte es eine "vollwertige Zuständigkeit" für Kultur in der Brüsseler Kommission sowie eine feste Verankerung in der europäischen Verfassung. Grass sagte: "Es müsste zu der Einsicht führen, dass wir nicht etwa eine einheitliche Kultur in Europa haben, sondern der Reichtum der europäischen Kultur in ihrer Vielfalt besteht - auch in ihren Widersprüchen."