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Giannis Varoufakis: Der Krisenmanager von nebenan

Foto: ARIS MESSINIS/ AFP

Griechischer Finanzminister Dreister Geist

Giannis Varoufakis tourt durch Europa, in Boots, Lederjacke, Händen in der Hosentasche. Ist das cool? Dreist? Oder einfach klug? Eine Stilkritik.

Die Downing Street wurde vergangenen Montag zum Catwalk. Da ging ein Mann über die Straße: Lederboots, Ledermantel, das sehr blaue Hemd hing ihm aus der Hose, das Sakko war gut versteckt, der Gang lässig. Irgend so ein angehippter Londoner Passant mittleren Alters halt - wenn es nicht Giannis Varoufakis gewesen wäre, der neue Finanzminister Griechenlands, ein Freigeist auf Europatournee.

Finanzminister sollten Kompetenz ausstrahlen. Gemeinhin wird das mit dem Banker-Duo Anzug und Krawatte gelöst, zu sehen bei Schäuble, beim britischen Schatzkanzler George Osborne oder bei EU-Währungskommissar Pierre Moscovici. Anzug mit Krawatte, die Uniform des Politikers von heute, stoffgewordene Macht. Finanzminister sollten aber auch Vertrauen erwecken. Und wem vertraue ich mehr als demjenigen, der sich zum Treffen mit einem Minister so kleidet wie zum Ouzo mit einem alten Freund?

Der Krisenmanager von nebenan

Mode ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln - und der Kleidungsstil des Spieltheoretikers Varoufakis wahrscheinlich nicht bloß zusammengewürfelt. Bei Varoufakis dominiert das Schwarz, Ausdruck des Schlichten, aber auch Farbton des Anarchismus. Bei den Treffen mit Osborne und Schäuble trug er blau - blau wie auf der Flagge seiner Heimat, blau wie der Hintergrund, auf dem die Sterne der Europäischen Union kreisen. Das Hemd hängt heraus, ein Zeichen von Dringlichkeit: Varoufakis hat keine Zeit für Allüren.

Der Ledermantel weckt gleichermaßen Erinnerungen an Neo aus der Filmtrilogie "Matrix", den nonkonformen Auserwählten, der gegen die computergesteuerte Weltordnung ankämpft, und an einen einfachen Türsteher, der für Ordnung sorgt. Varoufakis' Boots mit dem dicken Profil suggerieren, dass er sich auf unsicheres Terrain begeben will. Da würde doch niemand die guten Italiener anziehen!

Varoufakis wirkt so, als käme er geradewegs von den Straßen Athens und nicht aus dem Establishment. Das trügt, denn er ist promovierter Ökonom und privilegiert genug, sich das aus der Hose hängende Hemd leisten zu können. Aber Politik ist nun mal ein Schauspiel. Und Symbolpolitik kostet auch ein Land nichts, das pleite ist. Varoufakis spielt die Rolle des Underdogs aus dem Volk, der keine Zeit für Etikette hat, weil die Zeit davonrennt. Varoufakis in der Rolle des Krisenmanagers von nebenan, Sie können "du" zu ihm sagen.

Ein Kind, das eine Scheu vor Kameras hat

In Deutschland kennt man das so nicht von einem Staatsmann oder einer Staatsfrau: Joschka Fischer hat seine Turnschuhe längst im Haus der Geschichte abgegeben, als Außenminister schlüpfte auch er in den Anzug. Und das Schockierendste an Angela Merkels Hosenanzug ist das nicht enden wollende Farbspektrum, in dem sich das Immergleiche wiederholt. Da wirken die Blazer einer Claudia Roth oder die Fliegen eines Karl Lauterbach noch einigermaßen erfrischend. Kein Wunder, dass Varoufakis' Coolness uns aufdringlich erscheint.

Der neue Finanzminister zeichnet sich bei seinen ersten Auftritten aber auch durch Unbeholfenheit aus, wenn er etablierten Staatsmännern gegenübertritt: Das Umherschleichen des Zurückgelassenen nach der Pressekonferenz mit dem Vorsitzenden der Euro-Gruppe, Jeroen Dijsselbloem; das Vergraben der Hände in den Taschen, als hielte er seine letzten Euromünzen fest; die Verhaspler; die steigende Unsicherheit bei der Pressekonferenz mit Schäuble; das ruckartige Winken in Richtung der Journalisten - wie ein Kind, das eine Scheu vor Kameras hat. Da können auch die Boots nicht helfen, egal wo sie schon waren und wo er mit ihnen hinwill. Varoufakis muss sie auf den Catwalks noch ein bisschen einlaufen.

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