Tsipras' Moskau-Kurs "Griechenland wird Ziel russischer Einflusspolitik"

Wenige Stunden nach seiner Vereidigung eilte der griechische Premier Tsipras zum russischen Botschafter. Die Verbundenheit folgt politisch-wirtschaftlichen Interessen. Aber nicht nur, sagt der Historiker Martin Schulze Wessel.
Orthodoxe Priester bei Prozession auf dem Roten Platz in Moskau: Kulturelle Wurzeln aus Griechenland

Orthodoxe Priester bei Prozession auf dem Roten Platz in Moskau: Kulturelle Wurzeln aus Griechenland

Foto: Alexander Zemlianichenko/ AP

SPIEGEL ONLINE: Herr Schulze Wessel, seit der Wahl von Alexis Tsipras zum griechischen Premier demonstrieren Russland und Griechenland eine große Nähe. Lässt diese sich geschichtlich erklären?

Schulze Wessel: Teilweise. Es geht zum einen natürlich um politische Pragmatik: Griechenland leidet unter den Sanktionen, Russland möchte sich mit dieser Nähe breitbeiniger gegenüber der EU positionieren. Aber die Nähe ist auch eingebettet in ein historisch gewachsenes Gefühl der Wahlverwandtschaft.

SPIEGEL ONLINE: Das sich worin begründet?

Schulze Wessel: In einer langen gemeinsamen Geschichte. Die orthodoxe Christianisierung Russlands im zehnten Jahrhundert ging vom griechisch geprägten Byzanz aus, die Schriften der Slawenapostel Kyrill und Method aus Thessaloniki bildeten die Grundlage dafür.

Zur Person
Foto: Jan Hildner

Martin Schulze Wessel, geboren 1962, ist Professor für Geschichte Osteuropas an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er forscht u.a. zu den Beziehungen zwischen Ost- und Westeuropa und zum Geschichtsdenken in Russland.

SPIEGEL ONLINE: Die gemeinsame religiöse Prägung hat bis heute diese Strahlkraft?

Schulze Wessel: Schon 2009 betonte der russische Außenminister Lawrow in Athen genau diese gemeinsamen christlich-orthodoxen Wurzeln, er redete noch allgemeiner von geteilten kulturellen Wurzeln. Das russisch-griechische Gedächtnis erschöpft sich nicht in der Religion, und es zieht sich über Jahrhunderte - vom Mittelalter ins 20. Jahrhundert. Andere Beispiele: Griechenland erzielte seine Unabhängigkeit von den Osmanen 1821 mit russischer Hilfe, Griechen und Russen teilen hier ein Erbe der gemeinsamen Feindschaft gegenüber dem Osmanischen Reich. Bei der russischen Annexion der Krim, die Russland einst unter Katharina II. vom Osmanischen Reich erobert hatte, ließ sich dieses Erbe jetzt wieder aktivieren.

SPIEGEL ONLINE: Warum zeigte sich Brüssel dennoch so schockiert vom gemeinsamen Kurs?

Schulze Wessel: Von so etwas darf die Politik in Brüssel nicht überrascht sein. Der neue Premier Alexis Tsipras hat die Kontakte frühzeitig angebahnt und gepflegt, er traf Putin ja bereits im Mai 2014. Es ist ein gravierendes Versäumnis in vielen westeuropäischen Ländern, dass man sich so wenig mit südosteuropäischer Geschichte auseinandersetzt - das fängt in der Schule an, setzt sich fort bis in die politischen Institutionen. Politik ist aber eingebettet in kulturelle Leitideen, die man verstehen muss, um Entwicklungen zu begreifen.

SPIEGEL ONLINE: Tsipras distanzierte sich von neuen Russland-Sanktionen, Moskau ist bereit, griechische Produkte vom EU-Boykott auszunehmen. Die gemeinsame Kultur wird für politisch-wirtschaftliches Kalkül instrumentalisiert.

Schulze Wessel: Natürlich spricht Moskau im Moment nur von Gemeinsamkeiten und lässt die Unterschiede zu Griechenland unter den Tisch fallen - in den Balkankriegen zum Beispiel war Russland mit Serbien verbündet, das bereit war, eine russisch geprägte Ordnung zu akzeptieren; Griechenland hingegen wirkte auf internationale Verständigung hin. Aber gleichzeitig können Traditionen ja nicht beliebig erfunden werden. Sie müssen abrufbar sein. Mit anderen Ländern wäre so eine Einigkeit wegen mangelnder historischer Gemeinsamkeiten eben nicht möglich.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht es etwa mit den Gemeinsamkeiten zwischen Deutschland und Griechenland aus?

Schulze Wessel: Die Beziehung zwischen Deutschland und Griechenland ist nach wie vor durch die Erinnerung an das rücksichtslose Okkupationsregime der Deutschen im Zweiten Weltkrieg geprägt. Auch hier zeigt sich in Deutschland eine historische Blindheit. Wenn ein deutscher Präsident - so wie Gauck im März 2014 - bei einer Griechenlandreise diese Grausamkeiten thematisiert, wird das zwar kurzzeitig wahrgenommen. Aber in unserem Geschichtsbewusstsein ist dies wenig präsent.

SPIEGEL ONLINE: Beim Eintritt von Griechenland in die EU 1981 sagte der damalige griechische Staatspräsident Konstantinos Karamanlis: "Griechenland gehört zum Westen."

Schulze Wessel: Aus griechischer Sicht ist Griechenland ja die Wiege des Westens, die Wiege, in der schon in der Antike großartige Leistungen vollbracht wurden; denken Sie nur an die Erkenntnisse im Bereich Philosophie und Geometrie, auf die sich das moderne Griechenland selbstverständlich noch bezieht. Alle Nationen konstruieren ihre Selbstbilder durch Rückgriffe in die tiefe Vergangenheit. Im Falle Griechenlands überbrückt der Rückgriff einige Jahrhunderte osmanischer Herrschaft, die das moderne Griechenland von der idealisierten antiken Vergangenheit trennen.

SPIEGEL ONLINE: Gehen Sie davon aus, dass es bald ein Griechenland ohne EU, aber mit Russland geben wird?

Schulze Wessel: Das halte ich für ausgeschlossen. Das erste Zusammentreffen des deutschen und griechischen Außenministers nach der Wahl hat gezeigt, dass eine Kooperation mit Griechenland auch in der Sanktionsfrage möglich ist; der gemeinsame Nenner mag klein sein. Aber man hat sich geeinigt. Trotzdem wird Griechenland natürlich auch unter Tsipras' Regierung Ziel einer russischen Einflusspolitik werden. Die Außen- und Sicherheitspolitik der EU darf dadurch nicht gelähmt werden.