Großfamilien-Doku auf RTL 2 Der Abgrund hinterm Eigenheim

Während Forscher soeben herausgefunden haben, dass sich Ehe und Sexualität nicht unbedingt begünstigen, dokumentiert eine neue Doku-Soap auf RTL 2 das Leben kinderreicher Großfamilien. Bei drei Elternpaaren mit insgesamt 29 Kindern ging es tatsächlich oft um die Schrecken des Alltags, aber kein einziges Mal um Sex.

Von Henryk M. Broder


Am Donnerstag verbreitete die dpa eine Meldung, die bestimmt mehr Aufmerksamkeit gefunden hätte, wenn Stefan Effenberg nicht am selben Tag sein Buch präsentiert hätte. Nach einer Studie des Zentrums für Epidemiologie und Gesundheitsforschung nehme bei Frauen die Lust auf Sex vom 25. Lebensjahr an kontinuierlich ab. Nur Frauen, die nicht mit ihrem Partner zusammenlebten, bewahrten sich den Spaß am Sex.

Es ist immer schön, wenn die Wissenschaft empirisch bestätigt, was man schon lange geahnt hat. Ehe und Sexualität hängen zwar irgendwie zusammen, aber sie begünstigen einander nicht. Es ist, als würde man in der Wohnküche Bungee-Jumping üben oder im Keller auf einer Carrera-Bahn um die Führung in der Formel 1 kämpfen. Der Sinn der ehelichen Gemeinschaft liegt in der Fortpflanzung und in der Abzahlung von Hypotheken. Und es gibt viele Menschen, denen das mehr als genug ist, die weder das Abenteuer noch die Abwechslung suchen, sondern ihre Erfüllung in der Mühsal und im Einerlei des Alltags finden.

Wie die drei XXL-Großfamilien, die ebenfalls am Donnerstag auf RTL 2 vorgestellt wurden, die eine mit sieben, die andere mit acht und die dritte gleich mit 14 Kindern. Das Ganze war als Doku-Soap angekündigt, aber es war weder das eine noch das andere, sondern das Komplementär-Programm zu "Big Brother" mit Laiendarstellern, denen man sonst nur an der Kasse bei Lidl und auf Autobahnrastätten im Hochsommer begegnet. Wobei man dank einer chaotischen Dramaturgie nie wusste, welcher Truppe man gerade über die Schulter schaute.

Waren es Dörte und Mike, beide 34, mit ihren sieben Kindern oder Klaus und Margret, beide ebenfalls Mitte 30, mit acht Kindern oder Angela und Robert, beide schon etwas angejahrt, mit 14 Kindern, wobei die jüngsten so alt waren wie die Kinder der ältesten, die dem Beispiel der Eltern folgten und schon früh mit der Produktion anfingen.

Doch wie schon bei "Big Brother" und ähnlichen Programmen hat man über die Motive der Menschen für ihr Paarungsverhalten wenig bis gar nichts erfahren. Ein hemmungsloses Ausleben der Triebe kann es nicht gewesen sein, denn man konnte sich bei Protagonisten vieles vorstellen, nur nicht, dass sie übereinander herfallen, ohne an die Folgen zu denken. Auch politische Überlegungen wie etwa die, die Deutschen könnten aussterben, wogegen man etwas unternehmen müsse, spielten keine Rolle. Es war sozusagen die reine, ungebremste Natur, die sich da durchgesetzt hatte, als wäre die Trapp-Familie das große Vorbild für alle und als gäbe es keine Alternativen zur seriellen Elternschaft.

"Die haben noch Mut, Kinder in die Welt zu setzen", sagt eine ältere Frau voller Bewunderung, als die neunköpfige Familie von Dörte und Mike an ihr vorbei marschiert. Man kauft gemeinsam Schuhe ein, und dieses wichtige Ereignis wird in allen bewegenden Einzelheiten festgehalten. Derweil bauen Klaus und Margret ihr Haus um und aus, sie leben auf einer "Dauerbaustelle". Zu Ostern verstecken sie gleich 120 bunte Eier auf dem Grundstück. Mutter Angelas Tag beginnt um drei Uhr früh in der Dämmerung, neun der 14 Kinder leben noch bei den Eltern und wollen versorgt werden. Ihr Mann Robert begleitet einen seiner Söhne zu einem Fußballspiel, es geht um die Meisterschaft in der Kreisklasse.

Das alles ist so aufregend wie Sackhüpfen beim Kindergeburtstag, und wer erwartet hat, er würde wenigstens erfahren, wie viel Geld eine zehnköpfige Familie zum Leben braucht, ob es am Monatsende immer noch Buletten oder nur noch Spaghetti mit Tomatensauce gibt, der hat den Ehrgeiz der Dokumentaristen überschätzt. Man erfährt nicht einmal, was die Väter beruflich machen. Gäbe es einen Preis für die oberflächlichste Dokumentation des Jahres, wäre RTL 2 der Favorit für die Verleihung.

Nur ab und zu hört man einen Satz, der aufhorchen lässt, weil man den Abgrund ahnt, der sich gleich hinter dem Eigenheim auftut. "Ich hab' schon illegale Sachen gemacht", sagt der 18-jährige Jan, der keinen Schulabschluss und keine Ausbildung hat und sich die Zeit mit Graffiti-Sprühen vertreibt. Ein schönes Vorbild für seine jüngeren Geschwister.

"In jeder Familie ist es manchmal stressig", sagt die 15-jährige Fabienne, die sich um ihre jüngeren Geschwister kümmert. Nur: Bei den Kinderreichen von RTL2 gehört der Stress zum Alltag wie der Rotz zum Kind. Bei allen geht es zu wie auf dem Rummelplatz, es gibt kaum einen Augenblick der Ruhe. Mutter Dörte ("Sieben Kinder und ein Ehemann") entspannt sich in der Waschküche. Doch sie ist glücklich, denn sie hat immer alle Hände voll zu tun und keine Zeit, Fragen zu stellen. Sie rotiert wie ihre zwei Waschmaschinen, die gleichzeitig laufen.

Übrigens: Von Sex war in der Doku-Soap kein einziges Mal die Rede. Eine Superleistung bei drei Elternpaaren mit zusammen 29 Kindern.



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