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Gruner + Jahr: Großrenovierung im "Haus der Inhalte"

Foto: Christian Charisius/ dpa

Umbau bei Gruner + Jahr Verlagschefin Jäkel setzt jetzt auf "Communities"

Das Verlagshaus Gruner + Jahr will seine Titel künftig in "Communities of Interest" gliedern. "Neon", "Nido" und andere Hefte müssen von München nach Hamburg umziehen. Die Mitarbeiter trifft die Umstrukturierung offenbar unvorbereitet.

München/Hamburg - Entweder Umzug - oder Kündigung: Gruner + Jahr (G+J) holt die Redaktionen von "Neon", "Nido", "P.M.", "Wunderwelt Wissen" und der "Eltern"-Magazine von München nach Hamburg. Mit den Redaktionen sollen bis Mitte 2014 auch die dazugehörigen Verlagsabteilungen und Teile des Anzeigenverkaufs verlegt werden, insgesamt sind 120 Mitarbeiter betroffen. G+J-Vorstand Stephan Schäfer hatte die Pläne am Montag intern in München verkündet, am Dienstag bestätigte der Verlag die Neustrukturierung.

Die davon Betroffenen sollen nach Angaben des Branchendienstes "kress" vor die Wahl gestellt worden sein, den Umzug entweder mitzumachen - oder der Verlag werde sich von ihnen trennen. Eine Entscheidung werde bis November erwartet. Die Mitarbeiter wurden von dem Schritt unvorbereitet getroffen. Der G+J-Konzernbetriebsrat erfuhr erst am Freitag von den Plänen, sagte dessen stellvertrender Vorsitzender Achim Diekmann zu SPIEGEL ONLINE: "Das ging Knall auf Fall." Bei der Verkündung in München seien Tränen geflossen.

Der Umzug steht im Zusammenhang mit einem grundlegenden Umbau des Medienunternehmens : Aus dem Zeitschriftenverlag soll ein "Haus der Inhalte" werden, wie der Verlag am Dienstag in Hamburg mitteilte. Marken wie "Stern", "Gala", "Brigitte" oder "Schöner Wohnen" werden nicht länger in zwei Verlagsgruppen gebündelt, sondern in acht "Communities of Interest".

Mehrere hundert Millionen Euro

Diesen "Communities of Interest" sind die einzelnen Verlagstitel künftig zugeordnet. Sie heißen "Living", "Women", "Family", "Food", "People & Fashion", "News", "Wissen" und "Wirtschaft & Special Interest".

Viele Zuordnungen sind naheliegend, so die der "Brigitte"-Titel zu "Women" oder von "Gala" samt Ablegern zu "People & Fashion". Doch dass das Junge-Eltern-Magazin "Nido" zur Community "News" und nicht zu "Family" zählen wird - neben dem "Stern", "Neon" oder "Art" - dürfte eher organisatorische als inhaltliche Gründe haben.

An der Spitze der neuen Communities steht ein "Publisher" für den analogen und ein "Digital Business Director" für den digitalen Bereich. Diese beiden sollen gemeinsam den Markt überblicken und Experten für Trends und neue Geschäftsmodelle sein. So sollen zum Beispiel "bestehende Inhalte zu einzelnen Themenbereichen neu zusammengestellt und als monothematische eMags zusammengefasst" werden.

"Das Verständnis unserer Nutzer und Kunden - unserer Communities of Interest - ist die Kernkompetenz des Inhaltehauses G+J", sagte Julia Jäkel, seit Ende 2012 Vorstandsvorsitzende von G+J.

Mit seinen Gesellschaftern - Bertelsmann und der Familie Jahr - werde G+J in den kommenden Jahren mehrere hundert Millionen Euro investieren. Jäkel sagte, man sei sich "darüber im Klaren, dass die kommenden fünf Jahre Investitionsjahre sind". Das werde sich auch im Ergebnis niederschlagen. Die Transformation sei als langfristiger Prozess angelegt. "Bertelsmann und die Familie Jahr haben der neuen Vorstandsgeneration viel Vertrauen geschenkt", so Jäkel.

"Trinkt eine Maß und seid kämpferisch"

Zu den Umzugsplänen für die 120 Münchner Verlagsmitarbeiter mutmaßte der Bayerische Journalistenverband, hier rechne G+J "offensichtlich damit, auf diese Art und Weise massiv Personal abbauen zu können", so der BJV-Vorsitzende Michael Busch.

Die Verlagsspitze hingegen betont, es sei falsch, dass noch in diesem Jahr Hunderte von Mitarbeitern entlassen würden. "Richtig ist, dass wir unseren Personalstand über alle Bereiche hinweg schrittweise anpassen werden", sagte die Vorstandsvorsitzende Julia Jäkel. "Im Digitalbereich werden wir signifikant Personal aufbauen."

Betriebsrat Diekmann berichtet jedenfalls davon, dass bereits Solidaritätsadressen für die Münchner Kollegen eingegangen seien. Die Mitarbeiter des Dresdner Druck- und Verlagshauses ("Sächsische Zeitung") äußern "Entsetzen und Unverständnis" und fordern den Konzernvorstand auf, die Umzugspläne zu überdenken. Der Betriebsrat von "Stern.de" denkt ans bevorstehende Oktoberfest und fordert die Münchner Kollegen auf: "Trinkt eine Maß und seid kämpferisch!"

Insgesamt beschäftigt G+J derzeit mehr als 11.000 Mitarbeiter, davon knapp 6000 in Deutschland.

vks/feb/dpa
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