Schleppende Veröffentlichung Forscher rügt Umgang der Regierung mit Münchner Kunstschatz

25 Bilder aus dem Münchner Kunstfund sind in die Lost-Art-Datenbank aufgenommen worden. Doch die Seite ist kaum zu erreichen, die Aufnahmen sind qualitativ schlecht. Raubkunstforscher Willi Korte klagt, wichtige Fragen seien ungeklärt.


Berlin/Hamburg - Wer die Seite Lostart.de am Dienstagvormittag aufzurufen versuchte, hatte nur sehr selten Glück: Offensichtlich waren die Server der Datenbank für verlorengegangene Kulturgüter dem Ansturm der Interessenten nicht gewachsen. Am Montagabend hatte der Bundesbeauftragte für Kultur und Medien, Bernd Neumann, bekanntgegeben, dass unter dieser Adresse die ersten 25 Werke aus dem bei Cornelius Gurlitt gefundenen Kunstschatz veröffentlicht würden. Bei diesen Werken (hier die Übersicht der nun veröffentlichten Bilder) besteht dringender Verdacht, dass es sich dabei um NS-Raubkunst handeln könnte.

Die Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste in Magdeburg beantwortete Anfragen von SPIEGEL ONLINE zu den Server-Problemen bisher nicht; die zuständige Aufsichtsbehörde, das Kultusministerium von Sachsen-Anhalt, verwies zurück auf die Koordinierungsstelle. Neumanns Pressesprecher bittet um Verständnis: "Da es derzeit zu einem Ansturm auf die Seite kommt, ist es immer wieder möglich, dass es dort wegen der Überlastung zu kurzzeitigen technischen Ausfällen kommt."

Die bisher daraus veröffentlichten 25 Bilder sollen nur ein Anfang sein. Man werde die Liste ergänzen und aktuell halten, hieß es aus dem Hause des Kulturstaatsministers.

Auf Zeit gespielt

Die jetzt beschlossene Veröffentlichung einiger Kunstwerke im Internet sei ein erster Schritt, um Ansprüche ehemaliger Besitzer zu ermöglichen, sagte der auf die Rückgabe von NS-Raubkunst spezialisierte Anwalt Matthias Druba. Allerdings kritisiert er, wie deutsche Behörden mit dem Kunstwerk-Fund umgegangen sind. "Dass die Behörden mehr als anderthalb Jahre nach Entdeckung der Bilder damit an die Öffentlichkeit gehen, ist unverständlich", sagte der Jurist, der unter anderem die Rückgabe der Plakatsammlung Sachs aus dem Deutschen Historischen Museum in Berlin an den Erben erstritten hat. "Offenbar haben die bayerischen Justizbehörden versucht, auf Zeit zu spielen."

Er werde den Eindruck nicht los, dass Bayern die Beschlagnahmung der Bilder des Münchner Kunsthändlersohns Cornelius Gurlitt solange habe unter Verschluss halten wollen, bis dieser stirbt. "Man hoffte offenbar, dass sich keiner meldet, die Bilder damit dem Staat zufallen und sich alles von selbst erledigt."

Auf Lostart.de werden die Kunstgegenstände nun immerhin gezeigt und beschrieben, deren Herkunft nicht geklärt ist oder die vermisst werden. Es geht um Kulturgüter, die im Zusammenhang mit der NS-Herrschaft oder dem Zweiten Weltkrieg von ihrem Ursprungsort entfernt oder ihren Besitzern entzogen wurden. Betrieben wird die Seite von der Koordinierungsstelle in Magdeburg. Sie ist die zentrale deutsche Serviceeinrichtung für Kulturgutdokumentation und Kulturgutverluste.

Die Koordinierungsstelle war 1994 von neun Bundesländern für die Dokumentation von Beutekunstverlusten öffentlicher Einrichtungen gegründet worden. Seitdem kamen immer mehr Aufgaben hinzu, inzwischen sind Bund und Länder Träger. Seit rund 13 Jahren betreibt die Koordinierungsstelle in Magdeburg die Online-Datenbank Lostart.de. Sieben Mitarbeiter, darunter drei Kunsthistoriker, betreiben zudem eine Website zum Kulturgutschutz, dokumentieren NS-Raubkunstverluste sowie Beutekunstverluste von Privatpersonen und von öffentlichen Einrichtungen.

Der Leiter der Koordinierungsstelle, Michael Franz, erklärte erst vor kurzem, dass immer mehr Museen, Bibliotheken und Archive nach der Herkunft ihrer Bestände forschen. Aber auch Privatpersonen wollten zunehmend wissen, woher etwa geerbte Gemälde stammten. Die Zugriffszahlen auf die Lostart-Datenbank stiegen schon vor dem weithin berichteten Kunstfund im Hause Gurlitt stetig.

Forscher hält Veröffentlichung für nicht ausreichend

Bundesregierung und bayerische Staatsregierung haben inzwischen eine Taskforce aus Experten der Provenienzforschung eingerichtet. Die Leitung wird die promovierte Juristin Ingeborg Berggreen-Merkel übernehmen, die bis April dieses Jahres Stellvertreterin des Kulturstaatsministers Bernd Neumann war.

Zuletzt war der Druck auf die Bundesregierung, zu handeln, enorm gewachsen. Zahlreiche Museen, die US-Regierung und weitere Institutionen wie der Jüdische Weltkongress hatten ein transparenteres und zügigeres Vorgehen bei der Aufklärung der Herkunft der Werke sowie die Veröffentlichung einer Liste aller gefundenen Kunstwerke gefordert.

Der NS-Raubkunstforscher und Historiker Willi Korte hält die bisherige Veröffentlichung für nicht ausreichend. "Die Bundesregierung hat einen ersten Schritt getan, um Druck von sich zu nehmen", sagte Korte am Dienstag der Nachrichtenagentur dpa. Die "entscheidende Frage", wie mit den Bildern aus der Sammlung des Kunsthändlersohns Cornelius Gurlitt umgegangen werden solle, sei "nicht geklärt".

Die Bundesregierung habe wegen der Geheimhaltung des Kunstfundes "Prügel bekommen, weil sie sich international verpflichtet hat, zur Provenienzforschung und Restitution beizutragen", sagte Korte, der seit fast 30 Jahren in Washington lebt. Die Restitution möglicher NS-Raubkunstwerke aus der Sammlung liege aber nicht in ihrer Hand. Es gebe bisher "keine gegenteilige Rechtsauffassung", dass die Bilder nicht privater Besitz von Cornelius Gurlitt seien.

Die Entdeckung der 1406 Kunstwerke im Milliardenwert in der Münchner Wohnung des 79-jährigen Cornelius Gurlitt, Sohn des 1956 verstorbenen Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt, wurde erst vor gut einer Woche bekannt. Die Sammlung, darunter Meisterwerke von Künstlern wie Picasso, Chagall und Otto Dix, wurde von der zuständigen Augsburger Staatsanwaltschaft und der Steuerfahndung anderthalb Jahre lang unter Verschluss gehalten. Reporter der französischen Illustrierten "Paris Match" spürten Gurlitt in München auf. Offenbar bewohnt er weiterhin die Schwabinger Wohnung. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung und Unterschlagung.

feb/dpa

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Seite 1
Mullersun 12.11.2013
1.
Zitat von sysopDPA/ Staatsanwaltschaft Augsburg25 Bilder aus dem Münchner Kunstfund sind in die Lost-Art-Datenbank aufgenommen worden. Doch die Seite ist kaum zu erreichen, die Aufnahmen sind qualitativ schlecht. Raubkunstforscher Willi Korte klagt, wichtige Fragen seien ungeklärt. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/gurlitt-kunstschatz-lost-art-datenbank-kaum-erreichbar-a-933124.html
Dier Aufgabe diese Fragen zu klären liegt aberaber nicht bei der Bundesregierung, de Presse, irgendwelchen Forschern ect., sondern einzig und alleine bei Gericht. Noch ist Deutschland keine vollständige Bananenrepublik. Noch haben BGB, StGB und StPO in diesem Fall eine Bedeutung.
raber 12.11.2013
2.
Kann es sein, dass Bayern die Beschlagnahmung der Bilder wirklich solange unter Verschluss hatte und spekulierte sie bei Herrn Gurlitts Tode zu übernehmen? Das wäre eine Riesensauerei gegenüber der Öffentlichkeit, den rechtmässigen Erben und wahrscheinlich auch gegenüber dem Gesetz. Da muss nachgeforscht und Konsequenzen gezogen werden. Bei so einem grossen Ding müssen doch auch sogenannte "hohe Tiere" Bayerns Komplizen gewesen sein. Läuft da nun etwas in dieser Richtung?
ach 12.11.2013
3. ?
Zitat von sysopDPA/ Staatsanwaltschaft Augsburg25 Bilder aus dem Münchner Kunstfund sind in die Lost-Art-Datenbank aufgenommen worden. Doch die Seite ist kaum zu erreichen, die Aufnahmen sind qualitativ schlecht. Raubkunstforscher Willi Korte klagt, wichtige Fragen seien ungeklärt. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/gurlitt-kunstschatz-lost-art-datenbank-kaum-erreichbar-a-933124.html
Wenn die Bilder dem Staat zufallen, dann beginnen die internationalen Verpflichtungen zu greifen. Dann müßte die Bundesrepublik das tun, was sie derezit eigentlich nicht darf. Bestenfalls hat dann die Augsburger Staatsanwaltschaft nichts mehr mit der Sache zu tun, sondern andere Stellen.
ae1 12.11.2013
4.
Zitat von sysopDPA/ Staatsanwaltschaft Augsburg25 Bilder aus dem Münchner Kunstfund sind in die Lost-Art-Datenbank aufgenommen worden. Doch die Seite ist kaum zu erreichen, die Aufnahmen sind qualitativ schlecht. Raubkunstforscher Willi Korte klagt, wichtige Fragen seien ungeklärt. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/gurlitt-kunstschatz-lost-art-datenbank-kaum-erreichbar-a-933124.html
Das trifft zu. Die Seite wird wohl überrannt. Die Abbildungen der Kunstwerke sind ein lächerlicher Witz. Offensichtlich mit einem Handy geknipst.
tschautsen 12.11.2013
5. Schade, was?
Zitat von sysopDPA/ Staatsanwaltschaft Augsburg25 Bilder aus dem Münchner Kunstfund sind in die Lost-Art-Datenbank aufgenommen worden. Doch die Seite ist kaum zu erreichen, die Aufnahmen sind qualitativ schlecht. Raubkunstforscher Willi Korte klagt, wichtige Fragen seien ungeklärt. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/gurlitt-kunstschatz-lost-art-datenbank-kaum-erreichbar-a-933124.html
Man wollte die "Lösung" wahrscheinlich biologisch aussitzen. Anders ist nicht zu erklären, dass man 1. so schleppend recherchiert und aufarbeitet und 2. der Staatsanwaltschaft aussagegemäß völlig egal ist, wo der letzte Besitzer, Gurlitt, gerade ist. Am liebsten wäre wahrscheinlich, er würde bald das zeitliche segnen, dann würde wohl mangels Erben alles an den Staat fallen. Apropos: In der Druckausgabe steht, dass es Erben gäbe (seitens Gurlitt). Andererseits hört man immer, dass es keine gäbe. Was stimmt denn nun?
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