Foto-Erotiker Guy Bourdin Jedes Würstchen ein Phallus

Fetischinszenierungen zwischen Überhöhung und Unterwerfung: Mit plakativer Sexualität revolutionierte der Franzose Guy Bourdin die Modefotografie - und prägt bis heute die Werbeästhetik. Jetzt zeigt eine Hamburger Ausstellung erstmals sein Gesamtwerk.

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Die schwarze Limousine füllt den Großteil des Bildes aus. Davor, auf den fleckigen, dunklen Asphalt mit Kreide gezeichnet, die Umrisse einer weiblichen Leiche. Und dann liegt da noch ein Paar Sandalen mit Keilabsatz, wohl eine Hinterlassenschaft des Opfers. Der französische Fotograf Guy Bourdin schuf das Motiv 1977 - für eine Anzeige des Schuh-Labels Charles Jourdan. Es war ein Bruch mit den Konventionen der Modewerbung, ein abgründiger Schockeffekt.

In Hamburg ist Guy Bourdin (1928 -1991) nun die weltweit erste Ausstellung seines Gesamtwerks gewidmet. Mag der Franzose auch die Fotoästhetik des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts geprägt haben, wie wenige andere - gesehnt hat er sich nach Anerkennung als Maler. Über die Branche, die ihm Erfolg brachte, sagte Bourdin geringschätzig: "Ein guter Fotograf ist in erster Linie ein guter Zimmermann."

Fast ebenso monochrom wie das Foto mit der schwarzen Limousine ist ein anderes Jourdan-Werbemotiv Bourdins. Hier ist Weiß die bestimmende Farbe. Bourdins Lieblingsmodell, die damals 18-jährige Nicolle Meyer, aufgebahrt wie in einem Sarg. Bei genauerem Hinsehen erweist sich der Sarg als Karton, scheint die Frau keine Tote, sondern eine lebensgroße Puppe zu sein.

Im Zusammenspiel bilden beide Fotografien einen Höhepunkt in Bourdins Werk, ein Kondensat seiner Motive: Sex und Tod, Begehren und Verfügbarkeit.

Skandal mit Kalbsköpfen

Bourdin war ein Perfektionist, ein manischer Arbeiter, der sein Atelier in der Pariser Rue des Ecouffes gegen 11 Uhr am Vormittag betrat, um es gegen 3 Uhr morgens wieder zu verlassen. Dazwischen lagen ausufernde Vorbereitungen für ein einziges Motiv, bei denen Bourdin, befeuert von Champagner und der Musik von James Brown, über Stunden Anweisungen gab, bis seine Assistenten Model und Bildhintergrund zu seiner Zufriedenheit präpariert hatten.

Farbe spielte dabei eine entscheidende Rolle: Bourdin ließ nicht nur seine Modelle, fast ausschließlich junge Frauen, am ganzen Körper schminken, sondern forderte, auch Bäume oder gar das Meer nach seinen Vorstellungen einzufärben. Die digitale Bildbearbeitung war noch nicht erfunden. Hervorstechender Farbton auf seinen Aufnahmen: das leuchtende Rot von Nagellack und Lippenstift, das auch im Zentrum eines seiner bekanntesten, bis heute in Werbung und Modemagazinen kopierten, Motive steht. Dreißig Finger mit lackierten Nägeln verdecken das Gesicht einer Frau, nur der geschminkte Mund ist sichtbar.

Bourdin machte die Aufnahme 1970 für die französische "Vogue". Die Zusammenarbeit mit der damals weltweit stilprägenden Zeitschrift dauerte über drei Jahrzehnte. Sie hatte 1955 begonnen, als der 27-Jährige in den Pariser Markthallen Haute-Couture-Hüte in der Auslage einer Schlachterei fotografierte: Vor Kalbsköpfen und ausgenommenen Kaninchen. Ein Skandal. Und Bourdin brachte es - neben Helmut Newton - zum wichtigsten Fotografen der "Vogue".

Er öffnete den engen Käfig der Modefotografie, die sich als schnödes Handwerk bis dahin in aller Regel dem Produkt untergeordnet hatte - und herein traten die Nachtgestalten des Unterbewussten. Noch viel mehr als die Inszenierung autoritärer Weiblichkeit bei Helmut Newton oder die Bondage-Stillleben Nobuyoshi Arakis provozieren Bourdins Aufnamen den Verdacht, hier handele es sich um Fotografie gewordene Psychoanalyse.

Das Sado zu Newtons Maso

Stets zeigen Bourdins Aufnahmen Frauen, deren Sexualität durch fetischistische Inszenierungen, sei es in Dienstmädchenuniformen, auf hohen Absätzen oder in Unterwäsche, domestiziert und berechenbar geworden ist. Frauen, die, wenn sie nicht sowieso wie tot daliegen, scheu wegblicken vom Betrachter und ihm ihre mit perfektionistischer Eleganz ausstaffierten Körperteile darbieten. Durch diese Zuspitzung erhalten die Fotos ihre Spannung. Sie sind keine bloßen, gefälligen Werbemotive - ihr sexueller Reiz ist widersprüchlich.

Von der freien Liebe der Sechziger und Siebziger ist bei Bourdin nichts zu spüren, hier herrscht die Dominanz der Eleganz. Die Unterwerfung unter die Über-Frau, die Helmut Newton inszeniert hat, findet bei Bourdin ihr Gegenstück: Er ist das Sado zu Newtons Maso. Doch je offensiver sich die Frauen auf seinen Bildern darbieten, um so künstlicher, überhöhter wirken sie.

"Je mehr ich dir weh tu, desto schöner bist du" steht auf einer der in krakeliger Schrift verfassten Notizen Bourdins, die sich in seinem Nachlass zu Hunderten fanden und von denen die Ausstellung einige präsentiert. Jenseits seiner Fotos ist über Bourdin wenig bekannt. Seine Mutter gab ihn früh weg, seine Frau beging Selbstmord. Mitarbeiter beschreiben ihn als äußerst reserviert, als einen Mann, der über sein Privatleben nicht sprach und die Öffentlichkeit mied: Anders als Helmut Newton hat Guy Bourdin sich nie als Starfotograf vermarkten lassen, eine Auszeichnung von Mitterands Kulturminister Jack Lang lehnte er ab.

Nicht einmal fotografieren ließ der Fotograf sich. Je länger der Erfolg als Maler ausblieb, desto mehr habe Guy Bourdin sein Metier gehasst, berichtete eine frühere Chefredakteurin der "Vogue" in einem Interview. Es fällt beim heutigen Blick auf seine Gemälde schwer, das Urteil über seine künstlerischen Stärken und Schwächen nachträglich zu korrigieren. Bourdins Malerei zeigt die gleichen Motive wie seine Fotografie - und wirkt doch stümperhaft.

Trotzdem braucht Bourdins Werk den Vergleich mit den Größen der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts nicht zu scheuen. In Fotografien setzte er fort, was Surrealisten und Pop-Art-Künstler in der Malerei begonnen hatten und schuf damit eine Bildsprache, die noch nach seinem Tod Starfotografen wie David LaChapelle oder Ellen von Unwerth beeinflusst hat.

Heute ist seine Ästhetik allgegenwärtig. Das sagt wohl noch mehr über unsere Gesellschaft aus, als über den Fotografen selber.

Guy Bourdin, Deichtorhallen Hamburg, bis 26. Januar 2014

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insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
glen13 01.11.2013
1.
Zitat von sysopThe Estate of Guy BourdinFetischinszenierungen zwischen Überhöhung und Unterwerfung: Mit plakativer Sexualität revolutionierte der Franzose Guy Bourdin die Modefotografie - und prägt bis heute die Werbeästhetik. Jetzt zeigt eine Hamburger Ausstellung erstmals sein Gesamtwerk. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/guy-bourdin-ausstellung-in-den-deichtorhallen-hamburg-a-931073.html
Bei dem Bild mit den 5 Oben-Ohne-Modellen ist mir aufgefallen, dass die Frauen 1978 noch normale Brüste hatten, während heute viele gestopft aussehen.
Lektorat Berlin 01.11.2013
2. ?
Zitat von sysopThe Estate of Guy BourdinFetischinszenierungen zwischen Überhöhung und Unterwerfung: Mit plakativer Sexualität revolutionierte der Franzose Guy Bourdin die Modefotografie - und prägt bis heute die Werbeästhetik. Jetzt zeigt eine Hamburger Ausstellung erstmals sein Gesamtwerk. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/guy-bourdin-ausstellung-in-den-deichtorhallen-hamburg-a-931073.html
"Jedes Würstchen ein Phallus" ? Aha. Und was sagt es über mich aus, wenn ich mein Würstchen vor Verzehr prinzipiell in Scheibchen schneide? Muss ich jetzt meinen Mann vor mir warnen?
Lektorat Berlin 01.11.2013
3. :-)
Zitat von glen13Bei dem Bild mit den 5 Oben-Ohne-Modellen ist mir aufgefallen, dass die Frauen 1978 noch normale Brüste hatten, während heute viele gestopft aussehen.
"gestopft" aussehen ist wunderschön ausgedrückt, gacker! :-))
micromiller 01.11.2013
4. das ist ja ein malender einstein
Zitat von sysopThe Estate of Guy BourdinFetischinszenierungen zwischen Überhöhung und Unterwerfung: Mit plakativer Sexualität revolutionierte der Franzose Guy Bourdin die Modefotografie - und prägt bis heute die Werbeästhetik. Jetzt zeigt eine Hamburger Ausstellung erstmals sein Gesamtwerk. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/guy-bourdin-ausstellung-in-den-deichtorhallen-hamburg-a-931073.html
irre wie der auf solche zusammenhaenge kommt. noch irrer wie er liebevoll gefoerdert wird.
DerWeisseWal 01.11.2013
5. Art Lover
Zitat von micromillerirre wie der auf solche zusammenhaenge kommt. noch irrer wie er liebevoll gefoerdert wird.
Nein, eigentlich sind es seine Photos, mit denen er sich vom Rest abhebt. Von seinem Partner, oder was meinen Sie ? Soweit ich weiss, fliessen keine Fördergelder an Bourdin, falls Sie das andeuten wollten ...
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