Habgier-Komödie "Volpone" Raffzahn unter Raffzähnen

Als Schauspieler war er bekannt für extremen Exzess, nun führt er Regie - und ermuntert junge Theatermimen zum Kontrollverlust: Der ehemalige Volksbühnenstar Herbert Fritsch inszeniert Ben Jonsons Gierschlund-Stück "Volpone".

Martin Kaufhold

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Sein Name hat keinen guten Klang: Ben Jonson? War das nicht dieser 100-Meter-Weltrekordler, dieser Doping-Sprinter, dieser Olympia-Gauner? Dieser Schwindler, Hochstapler, Betrüger? Nun ja, fast: Der Sprinter hieß Ben Johnson, mit h, Ben Jonson ohne h war ein Dramatiker, ein Zeitgenosse und Konkurrent Shakespeares, den man auf Deutschlands Bühnen heute vor allem wegen eines Textes in Erinnerung behält - es ist, welch hübscher Zufall, ein Stück über einen Schwindler, Hochstapler, Betrüger: "Volpone".

Die Titelfigur, ein stinkreicher venezianischer Kaufmann, ist zwar quietschfidel, aber er stellt sich todkrank. Das Kalkül: Falsche Freunde werden ihn umschwärmen und mit Geschenken überschütten, damit er sie als Erben auswählt. Mit diesen Geschenken will Volpone sich dann absetzen. Er ist ein Raffzahn unter Raffzähnen, ein gerissener Geldgieriger, der dumme Geldgierige übers Ohr haut - vergleichbar den windigen Fondsanbietern wie Bernard Madoff, denen manch Anleger unserer Tage auf den Leim gegangen ist. Und so lässt sich "Volpone" auch lesen als bittere Komödie über die Gier, die zur gegenwärtigen Wirtschaftskrise geführt hat.

"Der Milliardenbetrüger Madoff ist mir hochsympathisch", sagt Herbert Fritsch, der das Stück nun in Wiesbaden inszeniert. "Mich faszinieren Menschen, die sich nicht bremsen können, die eine Leidenschaft haben und einen Trieb." Unsympathisch hingegen seien ihm die gutgläubigen Betrogenen: "Die finde ich ziemlich lächerlich und grässlich. Ihr Spießertum ist das größere Problem." Denn es sei doch so: "Jede Gesellschaft bekommt die Verbrechen, die sie verdient."

Kürzer, schneller, rotziger

Regisseur Fritsch hat sich von Sabrina Zwach eine neue "Volpone"-Fassung schreiben lassen, die zwar auf der gängigen Übersetzung Stefan Zweigs aus dem Jahr 1926 aufbaut, aber "kürzer, schneller und rotziger" sein soll. "Die Zweig-Fassung ist wunderbar und sehr gut lesbar", erklärt Fritsch, "aber auf der Bühne ist sie zu statisch für das, was ich vorhabe."

Fritsch ist es nicht so wichtig, die alte Geschichte Jonsons exakt zu erzählen, auch nicht, die heutigen Ursachen der Wirtschaftskrise rational zu vermitteln. Nein, ihm geht es darum, "die Zuschauer in Erregung zu versetzen", sie eben nicht primär beim Verstand zu packen: "Die Inszenierung ist wie eine Kanone, mit der wir die Zuschauer bestrahlen."

Man muss dazu sagen, dass Fritsch, 58, sich bislang vor allem als Schauspieler einen Namen gemacht hat, als Hochleistungs-Mime, der es 15 Jahre lang an der Berliner Volksbühne krachen ließ, wofür ihn Kritiker schon mal eine "manngewordene Strapaze" nannten und einen "Exzess-Extremisten".

Ähnlichen Einsatz wünscht er sich nun als Regisseur von seinen Schauspielern: Sie sollen die Kontrolle aufgeben und in ihrem Spiel aufgehen, wie in einem Rausch, sie sollen sich "ihre Rolle als Startrampe bauen, auf der sie wegschleudern können".

Sechs Inszenierungen stemmt Fritsch allein diese Spielzeit, in sechs verschiedenen Städten: Oberhausen, Wiesbaden, Halle, Magdeburg, Leipzig, Schwerin. Er arbeite absichtlich sehr schnell hintereinander an sehr vielen Stoffen - "wie ein Soap-Regisseur". Der Grund: "Das Theater ist mir zwar heilig, aber es gefällt mir nicht, dass im Theater alles immer so heilig gemacht wird." Perfektion sei sein Ziel nicht, im Gegenteil: "Ich will nicht jeden Augenaufschlag inszenieren, das ist grauenhaft. Mir geht es um die Befreiung der Schauspieler."


"Volpone". Premiere Sonntag, 8. November, Staatstheater Wiesbaden, Kleines Haus, weitere Aufführungen 13. November, 12. und 25. Dezember, jeweils 19.30 Uhr, Kartentelefon 0611/13 23 25.



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