Haltung bewahren! Plädoyer für die Skepsis

Skeptiker waren dieses Jahr out, sie werden es auch im nächsten sein. Wenn Pragmatismus und Sachzwänge den Ton angeben, wird der Grat zwischen Kritik und Nörgelei noch schmaler. Wie gut, dass David Kleingers skeptisch geblieben ist.


Zweifellos einig sind sich Entscheidungsträger in Deutschland darin, dass man keine Zweifler will. Unisono schlagen Repräsentanten aus Politik, Wirtschaft und Medien die Hände über den gedankenschweren Köpfen zusammen, wenn ihre Maßgaben nicht sogleich von allen Mitgliedern der Gesellschaft als unumstößliche Notwendigkeit verinnerlicht werden.

TV-Skeptiker Schmidt: Des Fernsehens "Bullshit-Detektor"
DPA

TV-Skeptiker Schmidt: Des Fernsehens "Bullshit-Detektor"

Dabei ist es letztlich egal, ob es um die Flexibilisierung des Arbeitsmarkts, die Fusion zweier Stromkonzerne oder die Wahl des Klingelton-Superstars des Monats geht - wer die Dringlichkeit ihrer Anliegen leugnet, gilt den Meinungsführern hierzulande als widerständiges Reformfossil. Als Bremser, Zauderer, Gestrige, Spielverderber oder schlicht Ahnungslose diskreditiert, genießen Skeptiker somit ein ähnlich hohes Ansehen wie Vegetarier im Schlachthof.

Nun muss aber, auch um der Skepsis Genüge zu tun, die Verbuchung dieses Zustands unter dem Schlagwort Neo-Konservatismus hinterfragt werden. Erstens, weil die damit gemeinte Verschränkung eines strikten Gut-Böse-Weltbilds mit turbokapitalistischem Tatendrang durch die US-amerikanischen Neo-Cons keine wirkliche Entsprechung in unserer politischen Landschaft hat.

Und zweitens, da das Fehlen einer Streitkultur und der Verfall des öffentlichen Diskurses in Deutschland schon etliche Legislaturperioden lang festzustellen war. Spätestens seit dem Erlahmen der außerparlamentarischen Gesamtbewegungen Mitte der achtziger Jahre, als die Anti-Atomkraft-Initiativen, die Friedensbewegung und das verbliebene studentische Protestpotential und die großen Gewerkschaftskämpfe einer neuen privaten Befindlichkeitspolitik wichen, gelten Skeptiker als Verweigerer notwendiger Veränderung. Das genaue Gegenteil ist der Fall.

Hilfe vom Bullshit-Detektor

Seinem philosophischen Ursprung nach hält der Skeptiker vielmehr Ausschau nach der besten Lösung für das ihm vorliegende Problem. Sein kritisches Denken akzeptiert dabei durchaus nachvollziehbare Argumente, sein Handeln ist ebenfalls progressiv orientiert. Skeptiker wollen keineswegs zurück in eine verlorene Welt, in der alles besser und aus Holz war. Sie springen nur nicht durch den erstbesten Reifen, der ihnen vor die Nase gehalten wird.

Als universelle Praxis beschränkt sich Skepsis nicht auf die tagespolitische Sphäre. Wenn Ernest Hemingway etwa von dem inneren "Bullshit-Detektor" sprach, mit dem er seine Manuskripte nach überflüssigen Stilblüten durchsuchte, dann beschrieb er das Handwerkzeug eines jeden kulturschaffenden Skeptikers. Schön war es auch, als die britische Anarcho-Punkband Crass Ende der siebziger Jahre unter dem Titel "Bullshit Detector Series" einige Sampler herausbrachte, auf denen der musikalische und politische Status quo gehörig den antimilitaristischen Marsch geblasen bekam.

Weniger schön ist die Beobachtung, dass zahlreiche Protagonisten der heutigen Popkultur ebenfalls behaupten, über einen solch geschmackssicheren Bullshit-Detektor zu verfügen. Dann sollten sie ihn aber bitteschön nicht dazu benutzen, um mit beiden Händen in das Gefundene hineinzulangen.

Ironie und Lethargie

Dass sie dennoch damit durchkommen, hängt mit einem anderen begrifflichen Missverständnis zusammen. Denn wer die fehlgeleitete Abkehr von der Skepsis bedauern will, darf nicht den Missbrauch der Ironie verschweigen. Schon des öfteren für tot erklärt, muss sie doch immer wieder als legitimationsstiftender Kunstgriff für die Verrenkungen einer entpolitisierten Kulturmanufaktur herhalten.

Ihrer subversiven Kapazität durch das kalauernde Durchwinken des allergrößten Bockmists beraubt, erschließt sich die eigentliche Ironie wohl nur den Teilnehmern der Elefanten- und Expertenrunden, in die wir bereitwillig unsere Diskursfähigkeit outgesourct haben: Solange Skepsis gleich einem alten Anti-Atom-Button als Relikt des vermeintlichen Kollektivzwangs gilt und Ironie im Gegenzug als sexy Rückzugsmöglichkeit des Einzelnen im Spätkapitalismus, können in den immer gleich besetzen TV-Talkrunden weiter unwidersprochen Sachzwänge zum nächsten Doomsday-Szenario hochgejazzt werden. Wer nur darüber lacht, macht zwar auch den Mund auf, aber Gehör findet er deshalb noch lange nicht.

Dabei müssen sich Skepsis und Ironie, intellektuelle Entscheidungsfindung und kreativer Kommentar im Alltag keineswegs ausschließen. An einer Hamburger Straßenkreuzung etwa bot sich im vergangenen Sommer eine Steilvorlage für die Verzahnung dieser Herangehensweisen: Auf der einen Straßenseite zwei Schulkinder, ein Junge, ein Mädchen, beide um die acht Jahre alt.

Auf der anderen Seite zwei Streifenpolizisten, die in den neuen tiefdunklen Designeruniformen der Hansestadt patrouillierten. Der Junge zum Mädchen: "Schau mal, da ist Polizei." Sie, irritiert suchend: "Wo?" Er, gestikulierend: "Na, da drüben. Die haben jetzt solche Uniformen. Darauf sie, mit kühlster analytischer Schärfe: "Das ist doch totaler Blödsinn. Jetzt kann man doch gar nicht mehr wissen, wer Polizist ist und wer nur ein Wachmann im Kaufhaus."

Das skeptische Argument wird sich jedem erschließen, der in Hamburgs Innenstadt einen Polizisten suchte und vor lauter schwarzgewandeten Einkaufspassagen-Ordnern die staatliche Sicherheit nicht von der privatwirtschaftlichen Security unterscheiden konnte. Vielleicht werden die der Ironie keineswegs abgeneigten Jungdesigner der Stadt irgendwann den Ball aufnehmen und moosfarbene T-Shirts in Kindergröße herausbringen. Ein Vorschlag für den Aufdruck: "Meine Polizei ist grün."

Skepsis zahlt sich aus

Ob es sich gut verkaufen würde, ist eine andere Frage. Denn bei allem Bedauern über fehlende Skepsis darf nicht der eine gesellschaftliche Bereich unterschlagen werden, in denen die deutsche Gesellschaft Tag für Tag höchste Kritikfähigkeit beweist: beim Einkaufen. Zwischen Preisvergleich im Internet und Verbraucherschutz bewegt sich der deutsche Konsument mit der beeindruckenden Selbstsicherheit eines Chefdiplomaten beim Königshausempfang. Er weiß, was ihm für sein Geld zusteht, kennt seine Rechte und pocht auf selbige, ohne zu zögern.

Ließen sich nur Bruchteile des persönlichen Einsatzes und der Argumentationsfreude, die momentan in Diskussionen über die mögliche Anschaffung eines Flachbildfernsehers für die WM investiert werden, in den politischen Diskurs hieven, dann wäre diese Demokratie vor lauter Gestaltungswillen kaum zu bändigen. Und eines muss man an dieser Stelle der leidlich aufregenden Band "Wir sind Helden" lassen: Indem sie den milden Pop-Dissens ihres Debütalbums unter dem Titel "Die Reklamation" verkaufte, übersetzte sie treffend den Begriff Protest für die Generation Saturn.

Und eventuell fordert die ja demnächst Rabatt auf Reformpakete und Skeptikerschutz für alle.



insgesamt 17 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
elas, 29.12.2005
1.
---Zitat von sysop--- Sind Skeptiker überflüssige Bedenkenträger, oder ist Skepsis ein wichtiges Korrektiv im gesellschaftlichen und politischen Alltag? ---Zitatende--- Auf dem Narrenschiff Erde sind alle willkommen...oder nicht?
Silvia, 29.12.2005
2.
---Zitat von sysop--- Sind Skeptiker überflüssige Bedenkenträger, oder ist Skepsis ein wichtiges Korrektiv im gesellschaftlichen und politischen Alltag? ---Zitatende--- Wieso 'oder'? Skeptiker sind Bedenkenträger, aber nicht überflüssig, und Skepsis ist ein wichtiges Korrektiv im gesellschaftlichen und politischen Alltag. Gesundes Misstrauen hat noch nie jemandem geschadet! Es darf allerdings nicht zum Selbstzweck werden! Wer vor lauter Haaren, die er in der Suppe sieht, anderen ständig in dieselbe spuckt, muss sie dann evtl. selber auslöffeln, weil den anderen ob der vielen kleinlichen Meckerei der Appetit verdorben ist und sie sich satt bis oben hin abgewandt haben. ;-)
Frank Wagner, 29.12.2005
3.
---Zitat von sysop--- Sind Skeptiker überflüssige Bedenkenträger, oder ist Skepsis ein wichtiges Korrektiv im gesellschaftlichen und politischen Alltag? ---Zitatende--- Ist diese Frage ernst gemeint oder soll sie nur eine Antwort provozieren ? Wenn Letzteres, bei mir klappts. Eigentlich müsste jeder der mit offenen Augen durch die Welt zum Skeptiker werden. Wenn wir einen Blick in die Zukunft werfen dann erwartet doch niemand von uns ernsthaft etwas Gutes. Der alles verschlingende Raubtierkapitalismus ist dabei die Welt in den Abbgrund zu reissen, die Umwelt wird in einem atmenberaubenden Tempo vernichtet, große Kriege und Konflikte zeichnen sich bereits ab, die Verelednung breiter Massen greift um sich..wo ist da das Positive ?
Mischa Dreesbach, 29.12.2005
4.
---Zitat von sysop--- Sind Skeptiker überflüssige Bedenkenträger, oder ist Skepsis ein wichtiges Korrektiv im gesellschaftlichen und politischen Alltag? ---Zitatende--- Komische Frage, natürlich ist Skepsis angesagt, man braucht nur einen Blick in die Geschichte zu werfen, oder sich z.B. die Entwicklung der deutschen Medienlandschaft angucken, und und und... Aber man sollte sich die Lebensfreude duch Skepsis nicht nehmen lassen. :) MfG Mischa Dreesbach
isabella3000, 29.12.2005
5. Skepsis braucht völlige Klarheit
Skepsis ist ein Zeichen selbständigen Denkens - darf jedoch nicht mit der eigenen Meinung vermengt werden, weil es sich sonst in Vorurteil verwandelt. Ein klar denkender Skeptiker tritt auch sich selbst fortlaufend hinterfragend in den Hintern.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.