Hamburger HafenCity Hot Spot oder kaltes Quartier?

Wie eine Stadt wächst, kann man in der Hamburger HafenCity besichtigen. Die ersten Bewohner dieses Stadtteils der Zukunft sind sich nur noch nicht so ganz sicher, ob sie sich für eine Avantgarde halten sollen. Die spannende Frage: Wird sich das neue Viertel mit Leben füllen?

Von und


Morgens um halb neun: Was soll man schon machen mit seinem Tag, als Rentner, Rheumatiker, Rollstuhlfahrer? Fernsehen also, immer wieder fernsehen.

Jürgen Fischer, 71, hievt sich in seinen Fernsehsessel, so eine cremelederne Wuchtbrumme, bei der die Fußstütze hochklappt, wenn die Rückenlehne nach hinten geht. Er steckt sich die Pfeife an, er schaut, was heute so läuft. Barkassen von links, Frachter von rechts, drüben, auf der anderen Elbseite Kräne, und an der Kaimauer ein Schiff aus ... Moment mal, das Fernglas ... Schweden.

Jeden Morgen um halb neun sitzt Fischer hier, mit seiner Frau Renate, 69, und schaut fern. Als sie im August 2006 einzogen, Neubau, zweiter Stock, haben sie sich die TV-Sessel gekauft, aber gleich vor die Panorama-Scheibe gestellt. Ihr Lieblingsprogramm, jeden Tag: der Hafen und Hamburgs größte Baustelle, die HafenCity.

Es ist das Atemberaubendste, was die Stadt im Moment zu bieten hat, gewaltig, aber auch gewagt, visionär für die Zukunft deutscher Metropolen, aber auch so unabsehbar, schaut man auf den Ausgang des Experiments. Es geht da draußen um den Versuch, den Hamburger Stadtkern um 40 Prozent zu vergrößern, mit Arbeitsplätzen für 40.000 Menschen, mit Wohnungen für 12.000, es geht um 155 Hektar Innenstadt vom Reißbrett, die auf geräumten Hafenkais entstehen sollen. Ein Projekt, für das Großstädte früher vielleicht 100, 200 Jahre gebraucht hätten, das jetzt aber zur Aufgabe für eine Generation zusammenschnurrt, geplante Fertigstellung: 2025.

Und so schauen aus der ganzen Welt Planer und Wirtschaftsförderer, Urbanistik-Professoren und Architektur-Studenten auf diese Stadt, wollen sehen, ob sich im Hamburger Hafen ein lebendiges Viertel aus der Retorte erzeugen lässt oder ob das Quartier kalt und tot bleiben wird. Teuer, aber trist.

Die HafenCity gilt damit als wichtigster Testfall in Deutschland für das Konzept der wachsenden Stadt, auf das alle Großstädte, ob München, Stuttgart oder Frankfurt am Main setzen. Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust will nicht mehr achselzuckend hinnehmen, dass die Mittel- und Gutverdiener in den Speckgürtel wegziehen und dafür die Hilfsbedürftigen zuziehen, als wäre es ein osmotisches Gesetz der Großstadt. Sein Hamburg soll die Jungen begeistern, bei den Wohlhabenden begehrt, für die Familien bezahlbar sein. Es soll schnell genug sein für die Quicken und schön genug für die Schicken, und am Ende heißt das Ziel für Beust: zwei Millionen. "Da wollen wir hin", sagt er, von heute 1,75 Millionen Einwohner zur Zwei-Millionen-Stadt.

Wer so wachsen will, muss allerdings Menschen anziehen, wer anziehend sein will, muss ihnen etwas geben. Mehr als nur Stadt, Land, Fluss, mehr als nur Penthäuser, Promenaden, Plätze. Vor allem Glaube, Liebe, Hoffnung.

Christopher Fritzsche, 44, hat drei Minuten gebraucht, um zu glauben, zu lieben, zu hoffen. "Länger haben wir nicht überlegt, als uns der Laden angeboten wurde." Am 1. Juli zog er mit seinem Freund Joachim Eckert, 35, in die HafenCity, am 7. Juli eröffneten sie ihren Kiosk, Kaiserkai 29, den ersten in der HafenCity und das erste Geschäft überhaupt, "Harbour Tobacco".

Fritzsche ist einer dieser Positiv-Typen, an die Architekten vermutlich denken, wenn sie in ihre Entwürfe zur Dekoration noch ein paar Passanten hineinzeichnen. Einer, der jetzt immer gegen den Baulärm von gegenüber sprechen muss, aber sagt: "Es ist perfekt."

Er hat in seinem Leben schon Klamotten verkauft, dann Uhren, und eigentlich wollte Fritzsche immer nach New York. Er hatte sogar schon eine Wohnung im Brooklyner In-Viertel Williamsburg, daraus ist dann aber nichts geworden. Für ihn kein Grund, wehmütig zurückzublicken. Hamburg, HafenCity, das ist jetzt sein Williamsburg, er glaubt daran, er hofft es zumindest.

Mit der Hoffnung ist das in der Stadtplanung allerdings so eine Sache, auch in Hamburg; nirgendwo wird so viel gehofft und so wenig über den Ausgang gewusst, höchstens noch beim HSV, jedes Mal zu Saisonbeginn. Hoffnung hatten sie im Stadtplanungsamt auch in den sechziger und siebziger Jahren, die Hoffnung, dass alles besser werde, wenn man die Menschen aus ihren alten Innenstadtwohnungen holen würde, in moderne Hochhäuser auf der grünen Wiese, und wenn man die Arbeitsplätze weit wegschaffte von den Wohnungen, auf andere grüne Wiesen.

Doch es wurde nicht besser, es wurde alles schlechter, die Hoffnung starb in Steilshoop und Mümmelmannsberg, und sie starb auch in den Büro-Ghettos von City Nord bis City Süd, wo man sich abends auf die Straße legen könnte und vermutlich erst am nächsten Morgen überfahren würde.

Spätestens seit den neunziger Jahren ist den Machern im Stadtplanungsamt deshalb klar, dass sie Wohnen und Arbeiten nicht trennen dürfen, dass das eine ohne das andere nicht lebt. Die Hoffnung auf eine funktionierende HafenCity heißt deshalb Mischung - Wohnungen, Büros, Geschäfte. Und nirgendwo wird sie jetzt schon so sichtbar wie bei Fritzsche und Eckert.

Für sie geht das Leben in der HafenCity auch nach Ladenschluss weiter, hinter der Schiebetür in der Rückwand ihres Kiosks. Auf der anderen Seite, jenseits der Kühlschränke und Fanta-Kästen, liegt ihre Wohnung, ein Loft, 160 Quadratmeter groß, mit weißen Ledersofas, von denen sie aufs Wasser sehen können. Fritzsche sagt: "Ich bin angekommen", und das klingt nach Bleibenwollen.

  • 1. Teil: Hot Spot oder kaltes Quartier?
  • 2. Teil


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