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Studio-Braun-Musical: Kult um den Kremlflieger

Foto: Ulrich Perrey/ picture alliance / dpa

Hamburger Humortrio Studio Braun "Wenn einer gehen soll, dann der Kultursenator!"

Vom Telefonstreich zum Theater-Event: Das Hamburger Humorkollektiv Studio Braun widmet dem Kremlflieger Mathias Rust ein irres Musical. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklären Rocko Schamoni und Jacques Palminger ihre Faszination für Rust und zürnen über die Kulturpolitik der Hansestadt.

Mit " Studio Braun " gründeten Jacques Palminger, Rocko Schamoni und Heinz Strunk 1998 das anarchische Gegenmodell zum deutschen Comedy-Universum. Jetzt widmen sich die Hamburger mit dem Musical "Rust - Ein deutscher Messias" der teutonischen Lust am Abheben. Anlässlich der Premiere am Deutschen Schauspielhaus am Donnerstagabend in Hamburg sprach SPIEGEL ONLINE mit Rocko Schamoni und Jacques Palminger. Das Gespräch fand in der Kantine des von Protesten aufgewühlten Schauspielhauses statt, dem der neue Hamburger Kultursenator Reinhard Stuth unlängst eine Mittelkürzung von 1,2 Millionen Euro angekündigt hat.

SPIEGEL ONLINE: An der Fassade des Hamburger Schauspielhauses hängt ein Transparent mit der Aufschrift "Kampfansage". Wie probt es sich eigentlich in einem Haus, dessen Intendant vor einem Monat zurückgetreten ist und das sich durch die angedrohten Mittelkürzungen in seiner Existenz bedroht sieht?

Rocko Schamoni: Die Probenzeit war bizarr. Unser Hauptdarsteller hat sich eine Woche vor Probenbeginn einen Fuß gebrochen. Dann ist der Intendant Friedrich Schirmer zurückgetreten. Dann kamen die Kürzungen durch die Kulturbehörde. Die Schauspieler erschienen nicht zu den Proben, weil Ensembleversammlungen waren...

Jacques Palminger: ...zeitweilig haben wir den Probenplan um die Demos und Versammlungen herum gebaut. Bis uns die Erkenntnis kam: Die solidarischste Aktion, die wir machen können, ist, ein gutes Stück abzuliefern. Dann haben wir darauf bestanden, dass wenigsten die Hälfte der Leute wieder probt und man sich mit dem Protestieren abwechselt.

SPIEGEL ONLINE: Offensichtlich hat die Hamburger Kulturpolitik geglaubt, sich mit dem Schauspielhaus einen geschwächten Gegner ausgesucht zu haben: In den letzten Jahren ging es hier eher langweilig-konventionell zu, und dann wirft auch noch der Intendant die Brocken hin...

Schamoni: Tatsächlich ist die derzeitige Führungslosigkeit für mich der schönste Zustand, den ich mir vorstellen kann. Man kommt aus der Unbeweglichkeit heraus, die sich eingeschlichen hat und lernt, wieder gemeinsam zu kämpfen - und diesen Geist wieder zu erzeugen, der mal wild, frei und groß war. Ich hoffe, dass man jetzt nicht irgendeinen Kleinstadt-Intendanten hier inthronisiert, der das wieder kaputt macht.

Palminger: Im Grunde habe ich für dieses hermetische Stadttheater, das hier in den letzten Jahren stattfand, null Interesse. Vor ein paar Jahren, unter Tom Stromberg, war das hier mal so etwas wie eine öffentliche Grünfläche für alle. Da haben wir zum Beispiel die Aktion "Schlaf in den Mai" gemacht, bei der alle im Schauspielhaus gepennt haben.

SPIEGEL ONLINE: Vielleicht ist Hamburgs Kultursenator Reinhard Stuth einfach ein cleverer Stratege: Er droht eine ruinöse Kürzung an, damit hier wieder Kampfgeist und Abenteuerlust einziehen...

Schamoni: Leider nein. Der ist einfach ein verlängerter Arm, vollständig kompetenzfrei. Stuth hat hier kürzlich einen total kompromittierenden Auftritt hingelegt. Nachdem offenkundig wurde, dass er Null komma Null Ahnung davon hat, wie die Zahlen sind und wer was mit wem macht, musste er unter Johlen den Saal verlassen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben über ein Jahr lang recherchiert für das Libretto zu "Rust, ein deutscher Messias" über den "Kremlflieger" Mathias Rust, der 1987 mit einer Cessna-Maschine auf dem Roten Platz in Moskau landete. Medienberichten zufolge verdient Rust sein Geld heute auf Pokerturnieren in der Karibik und hat in Estland eine gutgehende Firma. Stimmt das?

Schamoni: Rust ist ein Mysterium. Und natürlich eine Gestalt, die einen wunderbar großen Projektionsbogen abliefert, auf den man viel draufschmeißen kann. Es gibt Meldungen, dass er in Hamburg lebt, andere Quellen behaupten, er lebe auf einer Yacht in der Karibik. Es gab auch diese Organisation "Isis und Orion", die er gegründet hat, zur endgültigen Installation des Weltfriedens. Auf deren Homepage hat er eine Reihe von Nobelpreisträgern präsentiert, deren Gesichter allerdings verdeckt waren. Wenn es mit dem Weltfrieden endlich so weit wäre, wollte er zeigen, wer diese Personen sind. Mittlerweile ist seine Homepage nicht mehr erreichbar beziehungsweise man kann dort nur russische Frauen daten.

SPIEGEL ONLINE: Und warum ist er ein "deutscher Messias"?

Palminger: Deutsche Zeit, deutscher Mann, deutsche Tat!

Schamoni: Mathias Rust kann aus keinem anderen Land als aus Deutschland kommen. Ein Lateinamerikaner, der auf dem Roten Platz in Moskau aus der Cessna gestiegen wäre, hätte bestimmt mindestens ausgesehen wie Ché Guevara. Wenn er aus Deutschland kommt, sieht er eben aus wie ein Sparkassen-Angestellter. Und ist auch so drauf.

SPIEGEL ONLINE: Und darum geht es in dem Stück?

Schamoni: Es geht um Hybris. Und ums Fliegen. Fliegen ist ja überhaupt eine deutsche Erfindung. Der erste Mensch in den Lüften war der Schneider von Ulm. Letztendlich hatte Rudolf Heß ja 1941 auch schon den Friedensflug gewagt, ist also auch ein Vorgänger von Rust. Und er ist in dem Jahr gestorben, in dem Rust seinen Flug nach Moskau gemacht hat: 1987.

"Gag-Phobiker werden Ausschlag bekommen"

SPIEGEL ONLINE: Daher auch die Führerbunker-Ästhetik auf dem Plakat zu "Rust - Ein deutscher Messias"? Werden wir zurückgeführt in den Zweiten Weltkrieg?

Palminger: Auch in den Ersten natürlich. All diese historischen Momente, in denen Deutsche abgehoben sind, um gegen andere Länder zu fliegen, werden in unserem Stück lebendig werden.

Schamoni: Die größte Kunst, die wir beherrschen wollen, ist, zu erkennen, wann man Sachen brechen muss. Gerade bei Theaterbildern, die mit erhabenen Momenten spielen.

Palminger: Es gibt zum Beispiel eine Szene, in der Rocko ein sehr sphärisches, ergreifendes Lied singt, groß instrumentiert und sogar mit Kinderchor. Und auf dem Zenit der Andacht kommt der Punksänger Jens Rachut rein und räumt dann mal auf mit dem ganzen deutschen Militarismus.

SPIEGEL ONLINE: Es wird also kein Stück für die Schenkelklopfer unter Ihren Fans sein?

Palminger: Doch, natürlich! Gags, Gags, Gags!

Schamoni: Ich verspreche, es sind Stellen dabei, bei denen Gag-Phobiker roten Ausschlag bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Wird es die letzte Studio-Braun-Produktion am Schauspielhaus sein? Ist demnächst der Ofen hier aus?

Schamoni: Wenn im Januar die Hamburgische Bürgerschaft die Sparbeschlüsse durchwinkt, kannst du hier nur noch einen Eventtempel draus machen. Der GAL-Kulturpolitiker Farid Müller hat gerade erklärt, man könne hier doch auch mit "hochwertigerer Gastronomie" die Einnahmensituation verbessern. Wo die Grünen hier in Hamburg mittlerweile gelandet sind, das ist wirklich unglaublich!

SPIEGEL ONLINE: Der bekannte Hamburger Maler Daniel Richter sagte Anfang Oktober nach seinem Umzug nach Berlin mit Blick auf die Kulturpolitik: "Jeder intelligente Hamburger will jetzt Hamburg verlassen."

PALMINGER: Ich finde das kokett. Als hätte sein Weggang was mit der Hamburger Situation zu tun. Der wäre sowieso nach Berlin gegangen. Und wenn man schon auf die Lage hier reagieren will, dann ist Weggehen doch absolut bescheuert. Wenn einer gehen soll, dann bitteschön der Kultursenator - und nicht wir.

Schamoni: Trotzdem finde ich seit Jahren in dieser Stadt ganz viel zum Kotzen: die Kulturpolitik zum Beispiel, und was hier gebaut wird. Es wird einfach langweiliger und öder. Und als Einzelwesen kann ich mir doch überlegen, ob nicht was anderes spannender wäre. Ich wünschte, ich könnte meine Partner im Golden Pudel Club überreden, dass wir mal Urlaub machen für ein Jahr. In einem ollen Schuppen an der Spree, oder irgendwo anders.

SPIEGEL ONLINE: Und was ist mit Studio Braun? Sie haben angefangen mit den sehr populären Telefonscherz-CDs. Sie hätten dann ins Comedy-TV wechseln können. Stattdessen sind Sie lieber mit einem Liveprogramm durch kleine Hallen getourt, haben Romane geschrieben Theaterstücke produziert. Wohin geht es für das Kollektiv jetzt?

Schamoni: Unser Ansatz war immer, uns zu fragen: Was ist heilig und was können wir nicht? Okay, dann lasst uns da hin gehen! Wir sind sehr tight und professionell mittlerweile, was das Erarbeiten von Theaterproduktionen angeht. Es gibt nur noch einen Bereich, der noch komplexer und noch heiliger ist, für mich persönlich jedenfalls. Und das ist der Film.

SPIEGEL ONLINE: Und?

Schamoni: Ab Mai 2011 machen wir unseren ersten Spielfilm, produziert von Corazón, der Firma von Fatih Akin, Regie führt Lars Jessen. Aber wir machen Co-Regie. Und wir spielen natürlich. Mehr kann ich nicht sagen. Ich brauche nur drei Worte zu sagen, dann ist das Ding verraten.

Das Interview führte Christoph Twickel


"Rust - Ein deutscher Messias. Eine moderne Phantasie von und mit Studio Braun". Premiere: 21. Oktober 2010, Deutsches Schauspielhaus Hamburg .

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