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03. April 2005, 17:59 Uhr

Hamburger Lessing-Premiere

Zur Minna gemacht

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Lessings Lustspiel "Minna von Barnhelm" gilt als unverwüstlich, Paraderollen für Schauspieler inklusive. Der klassische Streit um Ehre und Selbstbewusstsein kann allerdings ins Leere laufen. Am Hamburger Thalia-Theater entschied sich Regisseur Niklaus Helbling für einen tödlichen Mittelweg.

Musik muss dabei sein - die neue Hamburger "Minna" kommt mit mächtig viel Gesang. Gleich zu Beginn versammelt sich das komplette Ensemble an der Rampe und schmettert, wie auch später im Stück, vielstimmig gekonnt Lieder zu Krieg und Frieden aus vergangenen Zeiten, etwa das "Beresinalied" von 1812 ("Unser Leben gleicht der Reise"). Doppelter Boden, Kommentar-Ebene, Distanz? Eher schon pures Entertainment, schließlich ist "Minna von Barnhelm" ein List- und Lustspiel.

Minna und der Major: Nicht ohne meinen Säbel
DPA

Minna und der Major: Nicht ohne meinen Säbel

1767 wurde Lessings Stück in Hamburg uraufgeführt und anschließend zu einem Klassiker des Repertoires. Lessing definierte als erster das "Bürgerliche Trauerspiel" ("Miss Sara Sampson") und stellte mit "Minna von Barnhelm" auch gleich die erste selbstbewusste deutsche Lustspielheldin auf die Bühne.

Offenbar ist Regisseur Niklaus Helbling, der mit dieser Inszenierung sein Debüt an der "großen" Thalia-Bühne gab, in Lessings Figur des lustig leidenden Fräuleins heftig verliebt. Maren Eggert (bekannt aus dem Kieler "Tatort" der ARD als Polizeipsychologin) ist glänzend aufgelegt. Als Minna überstrahlt sie den Rest des Ensembles, das um sie herum nur wie Charakterchargen agiert.

Was will die sexy Powerfrau mit diesem Kleiderständer?

Aber das soll wohl so sein. Die beängstigend hohen Räume des Hotels auf der künstlich eingeengten Bühne (Dirk Thiele) wirken wie eine schnell zusammen gezimmerte Nachkriegsarchitektur - halb fertige Türen aus Pressspan, Kieferholz-Stuckdecke, Styropor-Wandverkleidung: Das muss sich noch fügen. Wie auch das Schicksal des in Sorgen ersteiften Majors von Tellheim, der innerlich (Geldintrige) und äußerlich (Schusswunde) verletzt vor seiner edlen Geliebten Minna auf der Flucht ist. Er wähnt sich ihrer nicht mehr würdig. Scham, Schande und Behinderung: Das ist mehr, als Mann ertragen kann.

Minnas raffinierte Spiele, um ihren Geliebten Tellheim (Peter Jordan) zurückzugewinnen, treiben alle Beteiligten fast zum Wahnsinn, führen aber zum hart erkämpften Erfolg. Allerdings: Nicht ohne meinen Säbel - so stolziert der gebeutelte Tellheim über die Bühne. Und man versucht verzweifelt zu verstehen, was eine sexy Powerfrau wie diese Minna an einem solchen Kleiderständer finden kann. Peter Jordan, ein begnadeter Körperspieler, der biegsam und tänzerisch elegant Charaktere darstellen kann, wurde hier in ein Rollenkorsett gezwängt, das ihn nicht nur unterfordert, sondern auch zur Karikatur macht. Bester Effekt dabei ist noch, dass Jordan wie ein Schauspieler aus einem deutschen Fünfziger-Jahre-Film, als Mischung aus Hanns Lothar und Boy Gobert, agiert. Aber bestimmt soll auch das so sein.

Schließlich werden seine und die Handlungen der übrigen Akteure von einem auf der Bühne platziertem Pianisten begleitet, der wahrhaftig für Tellheim Beethovens Waldstein-Sonate als "Thema" parat hat und auch das Schnapstrinken vom Burschen Just (burlesk: Andreas Döhler) spitzfingrig umperlt. Luk Percevals Klavierspieler aus seiner "Othello"-Inszenierung an den Münchner Kammerspielen lässt grüßen, auch wenn hier der Musiker kein Jazzer, sonder ein Salonlöwe im Smoking ist. Sein Leben als müder Running Gag ist allerdings kein spannendes, auch wenn er mal herumgeschoben und -getragen wird. Die netten Chöre mit ihren charmanten Harmonien (Musik: Felix Huber/Martin Gantenbein) hätten die stimmlich beeindruckenden Akteure zur Not auch a cappella gemeistert.

Posieren, stolzieren, deklamieren

Auch der Rest der "Minna"-Truppe lässt die Boulevard-Türen kräftig klappen: Minnas Kammerjungfer Franziska bekommt von der leicht überdrehten Judith Rosmair einen vordergründigen Comedia-del'Arte-Witz, während ihr männlicher Gegenpart Paul Werner (Andreas Pietschmann) den lautstarken und kantholzigen Soldatenkumpel gibt.

Posieren, stolzieren, deklamieren, so heißt die Parole - und außer Minna und Franziska gehorchen ihr alle. Von ganz oben grüßt das Bild Friedrichs des Großen als Bezugspunkt, während die Handlung des Dramas in ein zeitliches Irgendwo verschoben ist. Die biederen Kostüme (Regine Standfuss) wirken dabei wie Zitate, wie eine simulierte Historizität, die sich jedoch mangels erkennbarer Linie stets wieder selbst in Frage stellt.

Zwar wirkt nichts zufällig, aber alles gezwungen: Man sagt und singt so vor sich hin. Auf der Suche nach einer Schlusspointe landen alle als Gesangsstück bei "In The Army Now" von 1986, im Original von Status Quo schon eine schwer erträgliche Schmonzette. Diese choristische Version jedoch, mit verkitschtem Schlachtengemälde, offenbart eine hohle Besinnungslosigkeit, die Lessings "Minna" gewiss nicht verdient hat.

Aber vielleicht wollte der Regisseur auch schlicht illustrieren, dass man Lessings zerdehnte Ehr-Diskurse trotz aller schlauen femininen Finesse heute eigentlich nur noch als boulevardeske Satire spielen kann. Dann allerdings sollte man radikal an die Sache gehen - und es sein lassen.

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