Hamburger Schauspielhaus Biedermanns Bullyparade

Max Frischs dehnbares Bühnenmenetekel "Biedermann und die Brandstifter" war lange Zeit ein beliebter Deutschlehrer-Stoff. Grund genug für Regisseur Sebastian Hartmann, sich an Hand der griffigen Bürgerposse das Regie- und Betroffenheitstheater der Jetzt-Zeit zur Brust zu nehmen.


Brandstifter Thomas Lawinky, Guido Lambrecht: Biedermanns Dämonen
Arno Declair

Brandstifter Thomas Lawinky, Guido Lambrecht: Biedermanns Dämonen

Der biedere Bourgeois, wie man ihn sich vorstellt: immer schwadronierend, im Burlington-Pullover, geil auf die Küchenhilfe, schroff bei Hausierern, ölig zur Ehefrau, ansonsten rührselig bei sich selbst, hingegen steinhart zu Angestellten. Max Frischs Gottlieb Biedermann lebt aus dem klassischen Satireverständnis nach dem Zweiten Weltkrieg, wonach man die Charakterzüge nur kräftig nach- , nicht überzeichnen muss, damit die ersehnte Botschaft rüberkommt. Die komödiantisch dankbare Story von den gewitzten Zündel-Chaoten, die am Ende dem besorgten Bürger das Dach über dem Kopf anzünden, ist nur allzu plakativ. Legionen von Schulklassen wurden mit dem Stoff traktiert, weil sich das Pyromanen-Drama von Selbstgerechtigkeit und Ignoranz immer so nett interpretieren ließ. Und genau das schien Regisseur Hartmann zu nerven, denn er fragt in seiner Neuinszenierung ebenso platt: Was, zum Feuerteufel, gibt es hier denn nun wirklich zu sehen?

Zuerst blickt uns der zur One-Man-Show eingedampfte altgriechische "Chor" der Feuerwehrmänner ins Auge, der, angelegt zwischen stets präsenten Control-Freaks und besorgten Oberlehrern, das Verderben der Bürgerfamilie mit oberflächlich weisen und doch wertlosen Sprüchen in klassischer Theatertradition begleitet. Überwachungskamera hier, Überwachungskamera da: Oh ja, der Bürger ist in allen Facetten seines Lebens schwarzweiß ausgeleuchtet, und die im zeitgenössischen Theater extrem beliebte Zweite-Ebene-Leinwand prangt über der simplen Guckkasten-Bühne. In David-Lynch-Manier fließen hier nächtlicher Traumhorror, Sex und dunkle Obsessionen ineinander - eigentlich die besten Momente der Inszenierung, wenn auch letztlich untheatralisch.

Dämonen aus der Rippe geschnitzt

Doch der Regisseur liebt auch seine Darsteller und lässt sie genüsslich von der Leine. Peter René Lüdicke als Biedermann hüpft verlegen und überdreht wie eine Mixtur aus Jerry Lewis und Steve Martin durch sein hanseatisches Außenalster-Wohnungsambiente und "biedert" sich fast rührend bei seinen ungebetenen Gästen an. Die hier griechische Hausangestellte Anna (Artemis Chalkidou) tänzelt sexy im kleinen Schwarzen mit weißem Schürzchen, sie singt und sägt charmant an den Nerven, weil sie immer alles versteht. Die gelangweilte, schwächelnde Frau Biedermann (näselnd souverän: Cordelia Wege) räkelt sich im Ehebett, um dort später eine nette, viel beklatschte Exorzistennummer zu geben.

Keine Frage, dass die "Brandstifter" Schmitz (bullig brillant: Thomas Lawinky) und Eisenring (tierisch teuflisch: Guido Lambrecht) wunderbar in diese Umgebung der überzeichneten Comedyshow passen, sind sie doch quasi aus der Rippe des Gottlieb Biedermann geschnitzt, wie es ja schon Max Frisch der Gilde der Literaturschaffenden mit auf den Weg gab: Biedermanns Dämonen. Sie wohnen in ihm, und damit auch in seinem Haus. Regisseur Hartmann stattet dem Autor eine späten Dank für diesen Fingerzeig ab, indem er sie gleich von Beginn an präsent sein lässt. Sie scharwenzeln durchs Haus, lange bevor Biedermann sie bemerkt.

"Zeitkritik!"

Besorgter Bürger: Biedermann (Peter René Lüdicke) und seine Frau (Cornelia Wege)
Arno Declair

Besorgter Bürger: Biedermann (Peter René Lüdicke) und seine Frau (Cornelia Wege)

Aber das wäre ja noch kein Spaß, wie ihn Hartmann versteht. Da er das Stück eigentlich gar nicht mag, wie er vorab verkündete, inszeniert er brachial dagegen an und reiht mit stoischer Konsequenz Gag an Gag, parodiert gängige Regie-Einfälle von offenbar verachteten Kollegen, um dem ungeliebten Biedermann den süffigen Sinn-Teufel auszutreiben. Spätestens, wenn Biedermann als quasi-Bush auf halben Pferd mit Sternenbanner und vor "Apocalypse Now"-Projektionen über die Bühne reitet oder die Hausangestellte ihr (hinzu gedichtetes) Drama um ihre Einbürgerung hingebungsvoll hysterisch spielt, dann schreit es einem laut "Zeitkritik!" ins Gesicht.

Auch die grassierende Manie des exzessiven Popmusik-Gebrauchs auf deutschen Bühnen wird nach Kräften karikiert. Immer, wenn Regisseure ihren Bildern und Emotionen nicht so recht trauen, greift einer zur Klampfe, tönt es britpoppig aus dem aus dem Off oder hüpft das Ensemble schlagerselig enthusiasmiert. Hartmann zitiert die Regie-Marotten lustvoll, aber nicht mehr. Sein letzter Einfall, die Benzinfässer auf dem Dachboden als Asylbewerber darzustellen, ist jedoch eine Bedeutungstheater-Parodie, die nicht mehr nötig war, weil man längst "alles kapiert" hatte. Ein bizarrer Gag, gewollt fehlinterpretierbar - aber zu diesem Zeitpunkt war einem das auch schon wieder egal. Die Provokation endet immer beim Schulterzucken.

So standen seine beiden beim großen Brand zu Tode gekommenen Eheleute am Schluss im meist nicht gespielten Höllen-Epilog ganz allein da, Frau Biedermann in einem wirklich ausnehmend schönen Abendkleid. "Brandstifter" steht in fetten, "Bild"-roten Lettern über ihren Köpfen. Der Segen kommt ebenfalls von oben, in Gestalt des wohl besten Theaterregens aller Zeiten - dafür ein Extrakompliment an die Bühnenbilder, für die allerdings auch Regisseur Hartmann zuständig war.

Ansonsten steht der Regisseur als Theaterkritiker am Schluss mit leeren Händen da. Tiefsinn ist tot, Plattitüden sind in? Er macht uns den Bully und scheint doch die Schmiere zu lieben. Wieso dazu allerdings ein totes Pferd wie "Biedermann und die Brandstifter" gepeitscht werden musste, wurde nicht deutlich. Da gäbe es andere Vorlagen - aber "Pension Schöller" wurde ja schon von Kollege Castorf zersägt. Immerhin: Satter Applaus aus dem Publikum für die munteren, bestens gelaunten Schauspieler und für die Inszenierung. Die paar einsamen Buhrufe wirkten dann doch etwas übertrieben.



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