Hamburgische Staatsoper Bretter, die "Kein Geld!" bedeuten

Richard Wagners "Meistersinger von Nürnberg" verordnete Regisseur Peter Konwitschny in seiner neuen Inszenierung in Hamburg zweieinhalb Aufzüge lang Provinzbühnen-Askese. Erst danach blitzt sein Regie-Schalk wieder wie gewohnt auf. Das reichte auf der Zielgeraden beinahe noch für einen kleinen Eklat.


Dürer, Jesus, D'Artagnon: John Treleaven als Meistersinger Walter von Stolzing
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Dürer, Jesus, D'Artagnon: John Treleaven als Meistersinger Walter von Stolzing

Die Kurve zur gewohnten Klasse hat Regisseur Peter Konwitschny dann doch noch gekriegt. Aber wenn es die Festwiese am Schluss nicht gegeben hätte, wären diese Meistersinger von Hamburg wohl als das große Gähnen in die Annalen der Wagner-Rezeption eingegangen. Doch der Reihe nach.

Die Geschichte vom adligen Künstler Walther von Stolzing, der die Nürnberger Handwerkerstochter Eva Pogner erobern möchte, ist schnell erzählt. Seine neuen Lieder wollen die traditionalistischen, regelversessenen meistersingenden Handwerker nicht gelten lassen. Ein kluger Schuster, Hans Sachs, erkennt das Genie des jungen Wilden und hilft ihm. Auf der Strecke bleibt der dröge, ein wenig tragische Sixtus Beckmesser, verdienter Sänger und Mitbewerber um Eva.

Die bekannte Geschichte packt Regisseur Konwitschny auf die Bühne - buchstäblich, denn bis kurz vor Schluss agierten alle Sänger, Choristen, Statisten auf einem im Wortsinne hölzernen Rechteck, das von erstaunlich simplen Kulissenmalereien rückwärts begrenzt wird. So weit, so schlicht. Oder so pädagogisch? So sieht wohl nach Ansicht der Kreativen die Hamburger Oper aus, wenn künftig noch mehr gespart wird. Bretter, die "Kein Geld!" bedeuten. Treppchen auf allen vier Seiten, da erledigt sich die Personenregie im Treppauf-Treppab fast von selbst. Tapetentüren, Tischchen, sparsames Licht, das ist übersichtlich und überfordert niemanden.

Ähnlich die Darsteller: Der Stolzing, als eine Art Dürer-Jesus-D'Artagnan mit Lockenperücke stilisiert, fuchtelt schwergewichtig mit seinem Schwert und leidet lustvoll an seiner vermeintlich erstarrten Umwelt. John Treleaven als wuchtiger Walther dominiert schon physisch seine Szenen, ist stimmlich allerdings mehr laut als gefühlvoll. Seine Eva-Gewinnarie "Morgendlich leuchtend" strahlte kalt und hart, mit wenig Schmelz. Ein stolzer Neutöner mit sprödem Herzen.

Sein Förderer Hans Sachs hatte in dem sehr ausstrahlungsstarken Wolfgang Schöne, der in hier in der Sachs-Rolle debütierte, eine exzellenten Interpreten, allerdings wie vorab annonciert von einer Viruserkerkrankung gehandikapt war. Im Vollbesitz seiner Kräfte wäre er wohl brillant gewesen, so war er "nur" sehr gut. Ein Meistersinger eben! Wunderbar klar, selbstbewusst und charmant die Eva von Anja Harteros. Solide, tadellos und Respekt gebietend der traurige Beckmesser vom Bayreuth-erprobten Hans-Joachim Ketelsen, der natürlich auch hier als Verlierer die Szenerie verließ, aber nicht wie sonst oft üblich als verknöcherter Reaktionär denunziert wurde.

Seinen Tiefsinn und seinen Zweifel an der Welt und Menschen muss Hans Sachs im "Wahnmonolog" vor den Ruinenfotos des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Nürnbergs ausbreiten. Zuvor waren in der Johannisnachts-Keilerei die Kulissen von den prügelnden Lehrbuben und Handwerkern zersägt worden, Bürger-Idylle ade: Es bedeutelt arg vor sich hin, und man wähnt die Doku-Fotos aus Konwitschnys "Don Carlos" recycelt. Man muss sparen, wo man kann. Doch anschließend kann endlich die böse Kulisse von den Akteurinnen und Akteuren eingerollt werden (Wozu Bühnenarbeiter?), dazu das berühmte überirdisch schöne Quintett - perfekt abgeliefert. Und ab geht es zur finalen Festwiese.

Die Lehrbuben: Brav, uniform, statisch
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Die Lehrbuben: Brav, uniform, statisch

Und endlich sprießt ein Pflänzchen namens Phantasie. Die "Wiese" ist nämlich eine echte Wiese, riesengroße Gräser bis zum Himmel und kleine Menschlein am Boden. Ohnehin noch arg von der Vortags-Keilerei lädiert, schleppt sich die Nürnberger Bevölkerung zum Festakt, dekoriert mit Gräsern und die Zunftzeichen auf den überdimensionalen Halmen und Pflanzen. Kuck mal, wer da krabbelt - der Biene Maja bliebe garantiert der Pollenklos im Halse stecken. Doch am schönsten hat Konwitschny für den Einmarsch der Meistersinger heraus geputzt: Vom Lohengrin (mit Platikschwan!), über Wotan, Siegfried und Holländer, ist nahezu das gesamte Wagner-Personal präsent. Schön traditionell und arg lustig. Nettes Bild, als jemand dem Stolzing ermunternd auf die Schulter klopft: Tannhäuser, der ebenfalls bedrängte Kollege aus dem anderen Singspiel. Große Lacher, Szenenapplaus gar ob dieser launigen Parade.

Schade, dass Peter Konwitschny kurz bevor seine Meistersinger nach einer langen Weile schließlich in trockenen Tüchern landeten, doch noch der Teufel "Political Correctness" ritt. Hans Sachsens vermeintlich deutschtümelnden Schlussmonolog "Verachtet mir die Meister nicht!", der mit den warnenden Worten vor "welschem Tand", ließ er neudichtend unterbrechen von einer Diskussion des Bühnenpersonals, ob man das denn "heute noch so singen könne". Palaver, Für und Wider. Regietheater rockt das Haus. Nach einer so ironisch witzigen Wuselwiese mit so herrlich blöden Wagnergästen hätten wir diesen Hinweis eigentlich nicht mehr benötigt. Entsprechend sauer echauffierte sich das Premieren-Publikum, das dem Meisterregisseur vielkehligen Unmut entgegenschleuderte. Fast ein Abbruch. War er kalkuliert, gar mitinszeniert? Wohl eher nicht, so kokett ist nicht mal Konwitschny.

Musik-Chef Ingo Metzmacher brachte dann mit einem Einwurf (der stand dann wieder im Manuskript) die Aufführung zu ihrem guten Ende. Sein Orchester pflügte sich achtbar durch schweres Geläuf, ein paar Patzer im Blech stören nicht den guten Gesamteindruck zwischen pastoralen Tönen und knackiger Bläserattacke. Die Buhs für Metzmacher waren fehl am Platze, die für Peter Konwitschny hätte es ohne den Diskurs wohl nicht gegeben. Irgendwie war ihm die "Wies'n" wohl doch nicht geheuer.



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