Britische Boulevard-Queen vor Gericht "Es wirkt jetzt alles so albern"

Sie war die Königin des britischen Boulevards, nun steht sie wegen des Handy-Abhörskandals bei der "News of the World" vor Gericht: Ex-Chefredakteurin Rebekah Brooks bestreitet sämtliche Vorwürfe - und berichtet vom Mobbing in der Männerbranche Journalismus.
Ex-Chefredakteurin Rebekah Brooks: "Ich war sehr jung"

Ex-Chefredakteurin Rebekah Brooks: "Ich war sehr jung"

Foto: NEIL HALL/ Reuters

Seit drei Monaten muss Rebekah Brooks sich anhören, was die Ermittler im Handy-Abhörskandal bei der britischen Boulevardzeitung "News of the World" gegen sie zusammengetragen haben. Schweigend sitzt sie auf der Anklagebank im Saal 12 des Londoner Strafgerichtshofs Old Bailey, während der Staatsanwalt aus Emails und anderen internen Dokumenten vorliest. Gleich zweimal hat er bereits aus dem nie abgeschickten Liebesbrief an ihren Kollegen Andy Coulson zitiert, der auf ihrem Rechner gefunden worden war.

Nun darf die frühere Chefredakteurin und Verlagsmanagerin selbst sprechen. Am Donnerstag begann die 45-jährige Angeklagte mit ihrer Aussage. Vor der Jury mit drei Männern und neun Frauen beschrieb Brooks den Start ihres Berufslebens als junge Frau in einer unbarmherzigen Männerwelt. Sie war immer die Jüngste: Mit 21 Eintritt in die Redaktion der "News of the World", mit 27 stellvertretende Chefredakteurin, mit 32 Chefredakteurin einer der auflagenstärksten Zeitungen des Landes.

Der Konkurrenzkampf im Büro sei hart gewesen, sagte sie. Es habe "einen gewissen Old-School-Frauenhass" gegeben. Die zumeist älteren Kollegen neideten ihr die Exklusiv-Interviews mit Prominenten wie Fußballstar Paul Gascoigne. Dem hatte sie gegen die Zahlung von 80.000 Pfund das Bekenntnis entlockt, jahrelang seine Frau geschlagen zu haben. Nachdem sie einmal in der Konferenz für einen Scoop gelobt wurde, sei ihre Telefonschnur am Schreibtisch durchschnitten worden, sagte sie. Brooks spricht leise, immer wieder fällt der Satz: "Ich war sehr jung".

Brooks' Aussage kann zwei Wochen dauern

Später wurde sie zur "Sun" geholt, dem täglich erscheinenden Schwesterblatt der Sonntagszeitung "News of the World". Les Hinton, die rechte Hand von Unternehmensboss Rupert Murdoch, habe die Zeitung "weniger männlich" machen wollen, sagte Brooks. Bereits 1995 hatte sie mit anderen Journalistinnen ein Frauen-Netzwerk gegründet - als Gegengewicht zu den Männerseilschaften in der Branche. Sie sei auch von Murdoch persönlich ermuntert worden, sagte sie. Er habe geraten, sie solle sich Zeit nehmen, den Chefjob zu lernen, hart arbeiten - und keine Fernsehinterviews geben.

Wie in jedem Prozess geht es darum, Sympathiepunkte bei der Jury zu sammeln. Doch in den kommenden Tagen wird Brooks auch zu den Vorwürfen Stellung nehmen müssen. Es wird erwartet, dass ihre Aussage sich über zwei Wochen hinziehen kann. Der gesamte Prozess soll noch bis Mai dauern.

Einer von fünf Anklagepunkten gegen Brooks wurde am Donnerstag auf Anordnung des Richters bereits fallengelassen. Demnach ist sie nicht schuldig, einen Soldaten für ein Bikini-Foto von Prinz William bezahlt zu haben.

Doch bleibt sie die zentrale Figur in dem Handy-Abhörskandal. Wie viel wusste sie? Sie war Chefredakteurin, als Mitarbeiter sich heimlich in die Mailboxen von hunderten Prominenten einwählten und private Nachrichten abhörten, um daraus Exklusivgeschichten zu stricken. Brooks wird vorgeworfen, diese illegalen Recherchemethoden angeordnet zu haben. Auch soll sie nach ihrem Rücktritt als Verlagschefin von News International im Juli 2011 Spuren verwischt haben. Obendrein soll sie eine Mitarbeiterin des Verteidigungsministeriums bestochen haben.

250.000 Dollar für Hugh-Grant-Sexskandal

Neben Brooks sind sechs weitere Personen angeklagt, darunter Andy Coulson, ihr Nachfolger als Chefredakteur bei der "News of the World", sowie ihr Ehemann Charlie Brooks und ihre Assistentin. Letztere sollen Brooks geholfen haben, sieben Pappkartons mit Notizbüchern von 1995 bis 2007 beseitigt zu haben. Auch Computer, Handy, Briefe und einen USB-Stick soll sie entsorgt haben.

Brooks bestreitet alle Vorwürfe. Den Namen Glenn Mulcaire etwa habe sie in ihrer Zeit als Chefredakteurin nie gehört, sagte sie am Donnerstag. Mulcaire war der Privatdetektiv, der im Auftrag der "News of the World" Handynachrichten von Prominenten abhörte und dafür 2006 zu einer Haftstrafe verurteilt worden war. Der Verlag hatte danach versucht, ihn als einzelnes schwarzes Schaf darzustellen. Doch dann enthüllte der "Guardian", dass die Redaktion das Abhören zwischen 2002 und 2006 in großem Stil betrieben hatte. Daraufhin wurde die "News of the World" 2011 eingestellt, mehrere Redakteure haben sich inzwischen schuldig bekannt.

Der Prozess bietet immer wieder tiefe Einblicke in die Arbeitsweise des britischen Boulevards. Brooks erzählte einige Anekdoten zu ihren knalligsten Titelseiten, etwa die Geschichte von Divine Brown. Die Prostituierte war 1995 zusammen mit dem Schauspieler Hugh Grant beim Oralsex im Auto in Los Angeles festgenommen worden. Die "News of the World" hatte dann ein Exklusiv-Interview mit Brown gelandet.

Brooks schilderte, wie sie damals einen Privatjet für Brown samt Familie organisiert hatte, um ihre Interviewpartnerin vor der Konkurrenz in Sicherheit zu bringen. Man habe sie in ein Resort in der Wüste Nevadas geflogen, sagte Brooks. Insgesamt habe der Spaß 250.000 Dollar gekostet. "Es wirkt jetzt alles so albern, aber es war ziemlich wichtig."