Hans Haacke Ein politischer Künstler


Berlin - Als einer der prominentesten politischen Konzeptkünstler gehört Hans Haacke zu den Querdenkern und Mahnern. Obwohl der Deutsche seit Mitte der sechziger Jahre in New York lebt, haben ihn die Themen Deutsch, Deutschland und Volk nicht losgelassen. Jüngstes Beispiel ist seine umstrittene Installation "Der Bevölkerung" im Reichstagsgebäude in Berlin. Nach seiner Idee sollen die 669 Bundestagsabgeordneten je einen Zentner Erde aus ihrem Wahlkreis für ein überdimensioniertes Blumenbeet in einem der Lichthöfe aufschütten. Die Neon-Inschrift "Der Bevölkerung" sieht der 63-Jährige als Kontrast zur Widmung am Reichstags-Giebel aus der Kaiserzeit: "Dem deutschen Volke".

Der Kunstprovokateur will eigentlich gar nicht provozieren, obwohl die meisten Betrachter das so sehen. Haacke will zum Nachdenken anregen, wie er selbst sagt. Zerschellte Marmorplatten, ein Hitlerbild und ein riesiges Mark-Stück mit der Jahreszahl 1990 fügte er bei der Biennale in Venedig (1993) zur Installation "Germania" zusammen, um gegen nationale Vereinnahmung von Kunst zu sensibilisieren. Für die Schau "Deutschlandbilder" 1997 in Berlin pflasterte er den Innenhof des Martin-Gropius-Baus mit einem Stück Autobahn zu. Während die einen das Werk "äußerst beziehungsreich" fanden, fragten sich andere: "Wo ist daran Kunst?"

Schwere Geschütze gegen Haacke wurden auch kürzlich in New York gegen sein neuestes Werk "Sanitation" aufgefahren. Jüdische Kreise warfen ihm vor, er verharmlose mit seiner im Whitney Museum of American Art gezeigten Arbeit den Holocaust. Haacke hatte unter anderem Kriegs- und Marschmusik aus Mülltonnen schallen lassen und dazu kunstfeindliche Zitate des New Yorker Bürgermeisters Rudy Giuliani gestellt, die die Gegenwartskunst attackieren. Der absichtsvolle Vergleich mit dem Rede- und Meinungsverbot der Nazis sorgte jedoch für Protest.

Haacke wurde 1936 in Köln geboren. Nach einem ersten New Yorker Aufenthalt 1962 lehrt er seit 1967 an der Cooper Union, New Yorks renommierter Kunstakademie. 1971 sagte das Guggenheim Musem eine seiner Ausstellungen ab. Die Haacke-Arbeit listete akribisch mit Stadtplan, Namen und Adresse New Yorks schlimmste Miethaie auf. Auf der Documenta in Kassel (1987) sorgte Haacke mit einem Projekt über die Geschäfte der Deutschen Bank und der Firma Daimler mit dem Apartheidregime in Südafrika für erhebliches Aufsehen.



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