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Starkurator Hans Ulrich Obrist "Viele Künstler verzichten bewusst auf soziale Medien"

Der Schweizer Kurator Hans Ulrich Obrist weiß, wie man Millionen Besucher in Ausstellungen zieht. Was bringen die nächsten zehn Jahre? Ein Gespräch über Instagram, künstliche Intelligenz - und darüber, wie Kunst die Welt retten kann.
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Der Schweizer Kurator Hans Ulrich Obrist, 54, ist künstlerischer Leiter der Serpentine Galleries in London, zuvor hatte er als Kurator am Musée d'Art Moderne in Paris gearbeitet. Seit seiner ersten Ausstellung in der Küche seiner Studentenwohnung 1991, an der unter anderem das Künstler-Duo Fischli/Weiss teilnahm, hat Obrist mehr als 300 Ausstellungen kuratiert und erhielt zahlreiche Auszeichnungen. Auf seinem Instagram-Account @hansulrichobrist  thematisiert er mit seinem »Handwriting Project« seit 2013 das Verschwinden der Handschrift im digitalen Zeitalter.

SPIEGEL: Herr Obrist, versuchen Sie sich bitte an das Jahr 2010 zu erinnern. Instagram wurde gegründet. Wo waren Sie?

Hans-Ulrich Obrist: Ich habe mich zunächst nicht für soziale Medien interessiert. Doch 2011 war ich zum Frühstück bei dem amerikanischen Künstler und Filmemacher Ryan Trecartin. Der nahm mein Telefon, installierte Instagram und informierte seine Follower, dass ich nun auch einen Account hätte. Sofort folgten mir vielleicht tausend Menschen. Ryan hatte mich ins kalte Wasser geworfen. Da musste ich losschwimmen.

SPIEGEL: Das Schwimmen ist Ihnen ganz gut gelungen - Sie haben heute 282.000 Follower.

Obrist: Ich liebe die Idee, das Internet als dematerialisierte Ausstellung zu begreifen, die sich über Jahre weiterentwickeln kann. Ein Besuch bei Umberto Eco brachte mich auf die Idee meines Hashtags #handwritten.  Wir sprachen über Archive und er zeigte mir seine Bibliothek mit Handschriften. Seitdem bitte ich Künstler, die ich treffe, um eine Handschriften-Probe für Instagram. Daraus wurde eine Gruppenausstellung mit Tausenden Teilnehmern.

SPIEGEL: Die Herzchenlogik von Instagram erzeugt auch Druck. Wie hat das die Kunstwelt seit 2010 verändert?

Obrist: Ich denke nicht, dass Instagram viel Druck auf Künstler ausübt. Ich empfinde die Entwicklung eher positiv, denn es hat die Kunstwelt zugänglicher gemacht. Meine Arbeit als Kurator hat es nicht grundsätzlich verändert. Ich entdecke weiterhin Künstler vor allem auf Rundgängen oder in Ausstellungen und vor allem bei Atelierbesuchen.

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SPIEGEL: Nicht auf Instagram?

Obrist: Doch, da bin ich natürlich auch jeden Tag, aber es ist nur eine Plattform unter vielen. Künstler können dort sichtbar werden, ohne über die Systeme Galerie oder Museum zu gehen. Als ich mit dem diesjährigen Biennale-Gewinner Arthur Jafa seine letzte Ausstellung plante, lud Jafa unbekannte Künstler zur Mitarbeit ein. Er wollte Künstlern eine Plattform geben, die es bis dahin nur auf Instagram und YouTube gab. Eine davon war die Norwegerin Frida Orupabo. Sie hatte noch nie irgendwo ausgestellt.

SPIEGEL: Es lief für Orupabo wie im Märchen, sie wurde dann zur Biennale eingeladen. Doch was, wenn Künstler sich den sozialen Medien verweigern?

Obrist: Ganz viele Künstler, mit denen ich arbeite, verzichten bewusst auf soziale Medien. Für den albanischen Videokünstler Anri Sala, der keinen eigenen Account möchte, bin ich der Ersatz. Er schickt mir alle zwei Wochen eine neue Uhr, die ich dann poste. Wie immer, wenn neue Technologien entstehen, bringen sie Positives und Negatives mit sich. Künstlerin Hito Steyerl etwa sagt, es gibt nicht nur "AI", also Artificial Intelligence, sondern auch "AS" - Artificial Stupidity.

SPIEGEL: Was meint Hito Steyerl damit?

Obrist: Sie bezieht sich auf Twitter-Bots, eine künstliche Intelligenz sehr niedrigen Grades, und deren Einfluss auf die öffentliche Meinung. Eine Rolle der Kunst kann deshalb sein, das Unsichtbare sichtbar zu machen. Nur wenige Menschen kennen die Algorithmen, die hinter Facebook, Instagram und künstlicher Intelligenz stecken. Kunst kann auch ein gesellschaftliches Alarmsystem sein, wie ein Radar, der uns warnt.

SPIEGEL: Sie könnte uns davor warnen, zu viel Zeit am Handy zu verbringen. Die große deutsche Ausstellung "Jetzt! Junge Malerei" war etwa auch als virtueller Rundgang verfügbar. Zieht das nicht die Besucher ab?

Obrist: Ein virtueller Rundgang ist kein Ersatz für die Erfahrung von Kunst. Auch wenn wir sehr viel über das Internet sichtbar machen, hat die Serpentine Gallery London heute wesentlich mehr Besucher als früher, etwa 1,2 Millionen pro Jahr, vor zehn Jahren waren es etwa 30 Prozent weniger.

SPIEGEL: Die Besucherzahlen vieler deutscher Museen stagnieren. Kulturpessimisten würden wohl sagen, dass das am Internet liegt.

Obrist: Dazu möchte ich etwas ausholen. Wir hatten neulich Tim Berners-Lee für einen Vortrag in der Galerie. Vor 30 Jahren hat er das World Wide Web erfunden. Seine oberste Priorität war damals, dass das Internet für alle da sein sollte, doch eine seiner größten Sorgen ist heute, dass es ein Zwei-Klassen-Netz geben wird - ein leistungsfähiges Netz für die Reichen, und ein langsames oder gar keins für die Armen. Ich glaube auch fest daran, dass Technologie neutral sein muss und kein Herrschaftswissen.

SPIEGEL: Was hat das mit der Kunstwelt zu tun?

Obrist: Die Kunst muss ebenfalls für alle verfügbar sein. Deshalb verzichtet die Serpentine auch auf Eintrittsgelder. Kunst muss sich darum kümmern, soziale Ungerechtigkeit aufzuheben. Die Welt ist in den letzten zehn Jahren viel polyphoner geworden - und ebenso die Kunst. Das Interesse an ihr geht keineswegs zurück. Ein Museum muss sich diesen Entwicklungen allerdings anpassen und offener sein.

SPIEGEL: Müssen sich auch Künstler anpassen?

Obrist: Die Aufgabe ist schwierig: Künstler und Kuratoren müssen mit dem Wandel gehen, den zerstörerischen Aspekten davon aber entgegenwirken. Etwa der Homogenisierung - Sprachen oder kulturelle Phänomene wie Briefe und Handschriften sterben aus, ganze Spezies verschwinden. Mit meinem Handschriften-Projekt etwa möchte ich Schrift am Leben halten, während alle nur noch tippen. Eine andere negative Tendenz ist der neue aggressive Nationalismus, und ein Mangel an Solidarität. Dem muss man auch entgegenwirken.

SPIEGEL: Die Kunst soll also die Welt retten? Wie genau?

Obrist: Dazu mache ich mir jeden Morgen Gedanken, wenn ich nach dem Aufwachen meine fünfzehn Minuten Édouard Glissant lese. Er ist für mich mit Abstand der wichtigste Autor unserer Zeit, weil er die Phänomene, die die Globalisierung hervorbringt, vorausgesehen hat. Nicht nur die Kunst ist in der Pflicht. Egal, in welchem Teil der Gesellschaft wir arbeiten, jeder sollte überlegen, wie er den fatalen Kräften der Homogenisierung und dem Nationalismus entgegenarbeiten kann. Es wird die große Aufgabe zeitgenössischer Kunst im kommenden Jahrzehnt sein.

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