Zum Tode von Hans-Ulrich Wehler Der Weltgeist aus Bielefeld

Hans-Ulrich Wehler zählte zu den einflussreichsten Denkern der Republik. Mit Freude mischte sich der eher linke Historiker öffentlich ein und vertrat dabei auch konservative Positionen - etwa, als er sich vehement gegen den EU-Beitritt der Türkei aussprach.
Hans-Ulrich Wehler (Archivbild): Doyen der deutschen Historiker

Hans-Ulrich Wehler (Archivbild): Doyen der deutschen Historiker

Foto: imago

Die meisten Wissenschaftler erlangen kaum Bekanntheit über ihre Zunft hinaus, nicht so Hans-Ulrich Wehler. Der Bielefelder Historiker war kein abgehobener Gelehrter im Elfenbeinturm, sondern ein Mann, der die Öffentlichkeit suchte, Positionen bezog und Debatten anstieß.

Gleichzeitig spielte Wehler für die überfällige Modernisierung der deutschen Geschichtswissenschaft in den siebziger Jahren eine entscheidende Rolle. Zusammen mit Kollegen begründete er die sogenannte Bielefelder Schule - mit der er die traditionelle Ereignisgeschichte für die Sozial- und Wirtschaftswissenschaften sowie andere Disziplinen öffnete.

Wehler, 1931 in Freudenberg bei Siegen als Sohn eines Kaufmanns geboren und in Gummersbach aufgewachsen, ging zusammen mit dem heute weltbekannten Philosophen Jürgen Habermas auf die gleiche Schule - und auch zur Hitlerjugend. Nach dem Ende des Krieges studierte er in Köln und hatte anfangs Schwierigkeiten, in der akademischen Welt Fuß zu fassen. Eine Arbeit über Bismarck galt unter den etablierten Kollegen als respektlos und wurde nicht als Habilitationsschrift zugelassen.

It's the economy, stupid!

Zunächst lehrte Wehler als Privatdozent an der Kölner Uni, bevor er 1971, nach einem kurzen Zwischenspiel an der Freien Universität Berlin, einem Ruf nach Bielefeld folgte, auf den Lehrstuhl für Allgemeine Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. An der als "Reform-Uni" gegründeten Universität in Bielefeld, an der Wehler bis zu seiner Emeritierung 1996 forschte und lehrte, entwickelte und propagierte er seinen Ansatz der Kritischen Sozialgeschichte. Zusammen mit seinem Freund und Kollegen Jürgen Kocka und anderen gab er die Fachzeitschrift mit dem programmatischen Titel "Geschichte und Gesellschaft" heraus.

Beeinflusst von dem Soziologen Max Weber waren es für Wehler und seine Mitstreiter nicht die großen Männer, die Geschichte machten. Als Motor der Geschichte galten ihnen die wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungen, die sich gewissermaßen ihre Akteure in Menschengestalt suchten. Wehler hatte stets die gesellschaftliche Komplexität und Totalität im Blick, die die Moderne auszeichnet.

Nach einem vieldiskutierten Buch über das deutsche Kaiserreich, das 1973 erschien und mit seinem Primat der Wirtschaftsgeschichte geradezu revolutionär war, wurde die "Deutsche Gesellschaftsgeschichte" Wehlers Hauptwerk. Der erste von fünf Bänden erschien 1987, der letzte 2008; insgesamt umfasst die Darstellung 4800 Seiten. Wehler beschrieb darin relativ schematisch die Entwicklung Deutschlands von etwa 1700 bis 1990. Auf die demografische, wirtschaftliche und soziale Entwicklung setzte er für einzelne Epochen jeweils die politische und kulturelle Entwicklung auf. Gelegentlich blitzte - angesichts der überwältigenden Stoffmenge dieses "Monuments", wie die "Frankfurter Allgemeine" das Werk würdigte - Wehlers Schwäche bei der Akkuratesse im Detail auf.

Sie mag auch daher rühren, dass Wehler sich mehr für die großen Linien interessierte, für die Frage nach dem Warum - als für jedes kleine Faktum. Analysen und Thesen waren die Leidenschaft dieses Bielefelder Weltgeistes. Schon deshalb griff Wehler regelmäßig in öffentliche Debatten ein. Als sein Kollege Ernst Nolte mit der These provozierte, dass es sich beim Nationalsozialismus um eine Reaktion auf den Stalinismus handele, gehörte Wehler nach Jürgen Habermas zu den schärfsten Kritikern des konservativen Historikers.

Gegen die Türkei in der EU

Nicht unbeteiligt an der Seite stehen konnte Wehler auch, als sein Kölner Lehrer Theodor Schieder von der nächsten Historiker-Generation nach Wehler attackiert wurde, von Achtundsechzigern wie Götz Aly. Schieder war 1937 der NSDAP beigetreten, hatte in Königsberg gelehrt und für den ostpreußischen Gauleiter Erich Koch gearbeitet, in seinen Schriften fanden sich Begriffe wie die "Entjudung Restpolens".

Auf dem 150. Historikertag in Frankfurt/Main erklärte der streitbare Berliner Historiker Götz Aly nonchalant, Schieder habe "am Menschheitsverbrechen Holocaust mitgewirkt": "Schieder propagierte den Krieg und die Vorstellung von der rassisch definierten Nation." Wehler verteidigte seinen Lehrer und Doktorvater - er habe nach 1945 "die zweite Chance" genutzt und sein altes Denken konsequent überwunden. Aly und Wehler verband seitdem eine solide Feindschaft.

Politisch war Wehler nicht so leicht einzuordnen. Er galt als Linker, der SPD nahestehend. Doch immer wieder und vor allem gegen Ende seiner Karriere vertrat er auch konservative Positionen. So wandte er sich gegen die Aufnahme der Türkei in die EU und befand: "Die Bundesrepublik hat kein Ausländerproblem, sondern ein Türkenproblem. Die muslimische Diaspora ist im Prinzip nicht integrierbar." Der Aussage des damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff, dass der Islam zu Europa gehöre, trat Wehler mit dem Argumentarium und der Überzeugung eines Historikers - und nicht eines Politikers - entgegen, indem er schrieb, der Islam sei "über die Jahrhunderte hinweg immer ein Gegner dieses Europas gewesen".

Mit seinem letzten Buch kehrte Wehler dann zu seinen Anfängen zurück, zur Sozialen Frage. 2013 veröffentlichte er einen - für seinen Verhältnisse - recht schmalen Band: "Die neue Umverteilung: Soziale Ungleichheit in Deutschland." In guter linker Tradition warnte er, als er im SPIEGEL seine Schrift verteidigte , vor "sozialen Exzessen" und griff munter den "habgierigen Turbokapitalismus" an.

Am Samstag ist Hans-Ulrich Wehler im Alter von 82 Jahren in Bielefeld gestorben.