Harald Schmidt bei "Report" Nächste Station Tagesschau

Erst diskutierte er bei Sabine Christiansen über die Lage der Nation, gestern Abend nun moderierte er zum 40. Jubiläum der Sendung mit sichtlichem Genuss das Polit-Magazin "Report". Allmählich wird klar: Harald Schmidt macht demnächst alles bei der ARD. Alles!

Von Reinhard Mohr


Wer gestern Abend wie gewohnt um 21.45 Uhr das politische Magazin "Report" aus Mainz (ARD) einschaltete, ohne vorher gründlich Zeitung gelesen zu haben, der mochte sich einigermaßen wundern – trotz der warnenden TV-Trailer in den Tagen zuvor. Denn er hat es wirklich getan: Harald Schmidt moderierte die Sendung, in der es seit genau 40 Jahren um Katastrophen, Krisen und Kalamitäten aller Art geht – von der Dünnsäureverklappung in der Nordsee bis zum Rechtsradikalismus in der sächsischen Schweiz.

"Report"-Moderator Schmidt: Fernsehen als eigene Form des Daseins
SWR

"Report"-Moderator Schmidt: Fernsehen als eigene Form des Daseins

Neben "Panorama" und "Monitor" gehört "Report", das viele Jahre lang vom Südwestfunk aus Baden-Baden ausgestrahlt wurde, zum demokratischen Grundinventar der Bundesrepublik. In den unzähligen Filmbeiträgen bis zur gestrigen Jubiläumssendung wurden nicht nur Skandale aller Art aufgedeckt, sondern auch eine Art des kritischen, investigativen Journalismus entwickelt, der sich weltweit sehen lassen kann. Ein Grund zum Feiern.

Allerdings gibt es auch keinen Grund, eine gewisse Selbststilisierung der Magazin-Moderatoren zu verschweigen. Franz Alt etwa, der "Report" bis 1992 20 Jahre lang präsentierte, verstand sich selbst wohl eher als Verkünder und Prediger der Wahrheit, wie er sie sah, weniger als Beobachter und Vermittler. Sein Kampf für alternative Energien und gegen Atomkraftwerke, vor allem sein pazifistisches Engagement gegen die Nato-"Nachrüstung" in den achtziger Jahren, prägte eine ganze Generation "engagierter" Fernsehjournalisten.

Hier und da schlich sich eine unangenehme Selbstüberschätzung ein, ein beinahe messianischer Ton des Besserwissens, ein ständig steigerungsbereiter Alarmismus, der die Fernsehzuschauer in immer neue Erregungszustände dauernder "Betroffenheit" versetzte. Ein großes Dauerkrisengetöse mit Überwältigungscharakter. Aus gesunder Skepsis und notwendiger Kritik wurde allzu häufig negativer Sensationismus: Schlimm, schlimmer, am schlimmsten. Zeitweise erschien die gesellschaftliche Wirklichkeit in Deutschland als ein einziges Verhängnis, aus dem es kein Entrinnen gab: "Guten Abend und bis zum nächsten Mal!" rief die strenge Stimme aus der Gruft.

Bedenkliches Kopfwackeln

Auch an diese Tradition knüpfte Harald Schmidt an, als er sich in seinen kunstvoll gedrechselten "Anmoderationen" in Pose warf: Mal flüssig heruntergeleierter, anspielungsreicher Moderatorensprech, mal ein stockend, jede Silbe betonendes Hervorstoßen der bitteren Wahrheit, bis es weh tat – dazu ein bedenkliches Kopfwackeln und jene leichte Körperdrehungen, die die Ernsthaftigkeit der ebenso unerbittlichen wie unbestechlichen Gesellschaftskritik auch physisch unterstreichen.

Wer mochte, konnte da an Klaus Bednarz selig denken, den einstigen Hohepriester von "Monitor", der zu Demonstrationszwecken schon mal einen Leichensack der US Army in die Kamera hielt und derart intensiv auf die sowieso schon aufklärungswillig-kritischen Zuschauer einpredigen konnte, dass mancher sich zu Hause auf dem Fernsehsofa fühlte wie der arme Sünder im Beichtstuhl.

So konnte Schmidt, der offenbarte, "Report" aus Mainz "mindestens seit dem Ende der Weimarer Republik zu unterstützen", auf ein ganzes Arsenal bewährter Riten und Posen zurückgreifen, ohne sich ganz und gar der Persiflage hinzugeben.

"Der kritische Journalismus in Deutschland ist auf einem guten Weg", stellte er gleich zu Beginn voller Ernst fest, und die folgenden Beiträge, eine rasante Mischung aus Rückblick und Aktualität, Vergangenheit und Gegenwart, bewiesen es eindrucksvoll. Es ging ums grausame Robbenschlachten im Nordmeer und um linksradikale Gewalt in Kreuzberg – "Der brennende Lastwagen ist ein Klassiker" (Schmidt) –, um das geteilte und wiedervereinte Deutschland, die Bekanntgabe des deutschen WM-Kaders durch den Bundesjürgen und die rechtsradikale Szene im Osten, die pünktlich zur Fußballweltmeisterschaft an allen Fronten aufrüstet – von rassistischer Hetze im Stadion bis zum "arischen" T-Shirt-Verkauf im NPD-Vertrieb.

Aufklärung tut weh

Unverkennbar ein besonderes Vergnügen war es dem "Report"-Aushilfsmoderator Schmidt, einen Film anzukündigen, in dem die hilflosen bis peinlichen Reaktionen überforderter Politiker und anderer Interviewpartner zu sehen waren, die versuchten, dem "mikrofonbewaffneten investigativen Gesindel" auszuweichen: durch Schweigen und Stottern, Abwimmeln und Handgreiflichwerden. Die Botschaft war klar: Aufklärung tut manchmal ziemlich weh.

Am Ende fasste eine unsichtbare "Lisa" mit Kinderstimme und ebensolchem Verstand noch einmal einleuchtend und anschaulich zusammen, wie das genau funktioniert mit dem Geld und den Reichen, dem Münte und der SPD. Die geheime Message der Sendung aber lautete ganz anders: Harald Schmidt macht demnächst alles in der ARD.

Schon sein Auftritt als Deutschland-Experte bei "Sabine Christiansen" am vergangenen Sonntagabend ließ aufhorchen. Nun aber kann kein Zweifel mehr bestehen: Der Mann, der wie kein anderer das Fernsehen als eigene Form des Daseins begriffen hat und es in den unerschöpflichen Rohstoff seiner satirisch-ironischen Weltbetrachtung verwandelte, macht nun ernst. First he took "Christiansen" and "Report", then he'll take "Tagesschau" and "Tagesthemen”.

Man stelle sich das nur mal vor: Harald Schmidt liest die "Tagesschau"! Der kreative Verfremdungseffekt wäre enorm, und Eva Herman könnte endlich ihrem schöpfungsgewollten Auftrag nachkommen und zu Hause bleiben. Eine tolle Sache.

Deutschland – Land der Ideen. Es stimmt also doch.



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