Ausstellung in Potsdam Abgezockt von Harry Potter

In Potsdam gastiert derzeit eine Harry-Potter-Ausstellung - eine dreiste Abzocke, aber richtig übel nehmen kann es Eva Thöne auch nicht. Denn sie ist Fan.

ddp/ interTOPICS/ mptv

Von


Ich bin Harry Potter-Anhängerin. Über die Bücher eingestiegen in einer Zeit, als Leute nachts vor Läden warteten, um nicht das neue iPhone, sondern den neuen Band von Joanne K. Rowling direkt nach Verkaufsstart zu bekommen.

Heute warten auch aufs iPhone immer weniger Menschen, aber mich, wie so viele, begleitet Harry Potter bis heute: als Hörbuch ("gelesen von Rufus Beck") für den Dämmerzustand kurz vorm Einschlafen oder in einer Leseklausur, die mit ungeplanter Regelmäßigkeit jedes Jahr stattfindet.

Denn wie die Rowling über Harrys Kampf gegen den faschistischen Zauberer Voldemort erzählt, besitzt eine tröstliche Zeitlosigkeit. Jeder Charakter und jede Erzählung besitzen reale Entsprechungen: Es geht nicht nur um den schablonenhaften Kampf Gut gegen Böse, sondern unter anderem um zivilen Widerstand gegen aufkeimenden Rassismus und opportunistische Regierungspolitiker. Als Leserin erkennt man alles wieder und kann sich gleichzeitig dafür öffnen, weil es sich in einer Fantasywelt abspielt, die so weit weg scheint.

Fotostrecke

13  Bilder
Harry-Potter-Ausstellung: Hat Harry das verdient?

Wie ein Fußballfan, der trotz Steuerbetrügereien und völlig jenseitigen Profi-Gehältern am Ende doch immer dabei bleibt, bin auch ich in den vergangenen 20 Jahren jedes weitere Potter-Produkt mitgegangen: das schwankende Niveau der acht Verfilmungen, die aktuellen Spin-offs "Phantastische Tierwesen".

Vielleicht, weil jede weitere Ausbuchstabierung zwar nie an die Bücher ranreichte. Aber doch einen Ursprungsreiz triggerte, den ich so sehr liebte, dass ich ihn immer wieder suchte und zudem nie mit haftbar machte für den Ausverkauf: Neulich erwischte ich mich in einem Laden für Fan-Merchandise beim Flirt mit einer Fernbedienung, die 59 Euro kostete, weil sie wie ein Zauberstab aussieht. Und ich besitze nicht mal einen Fernseher.

Weil der Fan in mir also korrupt ist, stehe ich an einem herbstnassen Potsdamer Freitagvormittag im Filmpark Babelsberg. In der Caligari-Halle, die von vorn Fassade ist, aber von der Seite rotes Containerblech, gastiert "Harry-Potter - die Ausstellung". Seit 2009 tourt die Schau als ein Baustein von Warner Brothers' "Wizarding World"-Franchise, zum zweiten Mal ist sie in Deutschland zu sehen.

Bisher sollen sie nach Angaben der Veranstalter rund fünf Millionen Menschen besucht haben. Heute verlieren sich zwei blasse Pärchen mit Zaubererumhängen vor einer Imbissbude, aber zu Stoßzeiten am Wochenende sollen sich Schlangen an den Absperrgittern bilden. Die Ausstellung ist ein hidden champion, ähnlich wie Monstertruck-Shows in Industriegebieten. Dass Kulturteile darüber nicht viel berichten, ist per se kein schlechtes Zeichen. Der Preis, der eine neue Mittelschichtsdebatte auslösen könnte, schon eher: Das Ticket kostet 19,95 Euro für Erwachsene, und das ist der Wochentagstarif.

Hölzern durchmoderiert

Die folgende Stunde (länger dauert es auch mit viel gutem Willen zum Rumlungern nicht) zeigt zunächst einmal wieder, dass man sehr weit gehen kann, ohne den treuen Fan zu vergällen. Einerseits wird kaum mehr geboten als das fetischhafte Zurschaustellen von Filmtrophäen: eine Quidditch-Ausrüstung, eine Ausgabe vom Klitterer, Rons Patchworkdecke usw. Die Filmkostüme sehen meist etwas angegilbt aus, als hätten die fünf Millionen Blicke der Ausstellungsbesucher sie irgendwie angefressen. Aber andererseits spiegeln die spitzzulaufenden Masken eben auch die genial konstruierte Ku-Klux-Klanhaftigkeit von Voldemorts Anhängern.

Bei einem Mitmachelement setzt eine Angestellte ausgewählten Besuchern den sprechenden Hut auf; er ordnet Erstklässler an der Zaubererschule Hogwarts bestimmten Häusern zu und orakelt damit auch über ihre Entwicklung; so ähnlich wie der Vorname Kevin Kinderleben vorbestimmen kann. Das ist einerseits so hölzern durchmoderiert, dass man betreten auf den Boden guckt. Andererseits sitzt gerade ein stocksteifer neunjähriger Lennart auf dem Stuhl, der natürlich auf jeden Fall in Harrys Haus Gryffindor will und nach dem Hut-Orakel so erleichtert wirkt wie Harry selbst.

An die Grenze kommt die Fangeduld jedoch in Momenten, in denen das wenige Vorhandene eventig aufgebauscht wird, obwohl es maximal um ein Beweisfoto für Instagram geht: In der Hütte vom Halbriesen Hagrid kann man sich in einen riesigen Sessel setzen. Ein Erlebnis, das sich dann genau so anfühlt: Man sitzt in einem sehr großen Sessel (Spoiler: Die Füße berühren nicht den Boden.) Und mit dem Shop, der einer extrem ausgewalzten Supermarkt-Süßigkeitenzone gleicht, hatte man natürlich gerechnet, wenn nicht gar auf ihn spekuliert. (Zauberstab-Fernbedienung!) Aber bei 19 Euro für 100 Gramm Schokolade in zauberweltlicher Froschform geht jede Lust am Gaga-Konsum flöten.

Am Ausgang stehe ich etwas ratlos rum. Da fällt mir aber ein Unwohlsein ein, so winzig, dass ich es fast übergangen hätte, aber so stechend, dass ich es doch nicht vergessen kann: Neben einem Kostüm von Harrys bester Freundin Hermine Granger stand auf einem Schild: "Obwohl ihre Eltern Muggel sind, ist sie eine der klügsten Hexen ihres Alters."

Es ist ein Satz wie "Mein Kollege ist schwul, spielt aber gut Fußball" oder "Der ist Türke, trotzdem hat er Abi." Ein Satz, der durch das "Obwohl" implizit das Vorurteil reproduziert, dass Hexen, deren Eltern Menschen sind, weniger fähig im Zaubern sind. Das aber ist das Vorurteil, gegen das Harry Potter in seinen Büchern kämpft. Es ist gegen Rowlings aufgeklärte Weltsicht formuliert, die jeder neunjährige Lennart aus dem Zaubereiuniversum mitnehmen sollte.


"Harry Potter. The Exhibition" gastiert im Filmpark Babelsberg in Potsdam bis zum 10. März 2019.



insgesamt 20 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
thomasconrad 24.11.2018
1. Fan sein
Ich hätte mal für 90 Euro hin und retour nach Madrid fliegen können, 400 Euro um im Vogelnest über Bernabeu zu sitzen um den BvB zu sehen war dann meine Frosch-schokolade. Irrsinn, was Fan zu sein heute kosten soll...
vanguardiv 24.11.2018
2.
"Der ist Türke, trotzdem hat er Abi." Ein Satz, der durch das "Obwohl" implizit das Vorurteil reproduziert..." Dieser Satz verdeutlicht neben einem unhaltbaren Vorurteil vielmehr ein vermeintliches Überlegenheitsgefühl von "Biodeutschen" ggü. "bildungsfernen Türken", die bedauerlicherweise in der Masse systematisch von Lord Voldemort ähnlichen Gestalten im deutschen Bildungssystem klein gehalten worden sind. Ich sehe an dieser Stelle von Vergleichen bzgl. Bildungsgrad & Berufserfolg zw. "biodt." Jugendlichen und kemalistisch angehauchten trk. Jugendlichen in- und außerhalb der Türkei ab. Allein die Existenz und die Erfolge eines Senders wie RTL (2) reproduzieren in mir zuweilen aufkeimende Vorurteile und Überlegenheitsgefühle ggü. jenen, die in Dt. BIO sind ;)
Reiner Geist 24.11.2018
3. Schöner Artikel
Danke für diesen schönen Artikel. Mir ging es in Dortmund bei der Pink Floyd Ausstellung ähnlich. Für den Fan nichts Neues. Viel zu teuer und es kann natürlich nicht das Gefühl heraufbeschwören, das die Konzerte erzeugten. Vielleicht ist die Harry Potter Ausstellung wirklich nur für Kinder ( die ersten Bücher), denen der Hut oder Sessel ein unvergessliches Erlebnis beschert, ähnlich wie im Disneyland Kinder ja auch drauf abfahren, wenn sie Micky Maus begegnen. Wer mit Harry erwachsen geworden ist und die politische Dimensionen erfasst hat, für den ist ja die Hogwarts Romantik ohnehin schwer aufrecht zu erhalten.
kritischerkritiker 24.11.2018
4.
Zitat von vanguardiv"Der ist Türke, trotzdem hat er Abi." Ein Satz, der durch das "Obwohl" implizit das Vorurteil reproduziert..." Dieser Satz verdeutlicht neben einem unhaltbaren Vorurteil vielmehr ein vermeintliches Überlegenheitsgefühl von "Biodeutschen" ggü. "bildungsfernen Türken", die bedauerlicherweise in der Masse systematisch von Lord Voldemort ähnlichen Gestalten im deutschen Bildungssystem klein gehalten worden sind. Ich sehe an dieser Stelle von Vergleichen bzgl. Bildungsgrad & Berufserfolg zw. "biodt." Jugendlichen und kemalistisch angehauchten trk. Jugendlichen in- und außerhalb der Türkei ab. Allein die Existenz und die Erfolge eines Senders wie RTL (2) reproduzieren in mir zuweilen aufkeimende Vorurteile und Überlegenheitsgefühle ggü. jenen, die in Dt. BIO sind ;)
Für dieses "kleinhalten" haben Sie ja sicher Belege? Außerdem wäre es Interessant wieso das vor allem türkische Zauberlehrlinge aber nicht z.B. chinesische Zauberlehrlinge betrifft.
bammbamm 24.11.2018
5. Herrlich
Zitat von vanguardiv"Der ist Türke, trotzdem hat er Abi." Ein Satz, der durch das "Obwohl" implizit das Vorurteil reproduziert..." Dieser Satz verdeutlicht neben einem unhaltbaren Vorurteil vielmehr ein vermeintliches Überlegenheitsgefühl von "Biodeutschen" ggü. "bildungsfernen Türken", die bedauerlicherweise in der Masse systematisch von Lord Voldemort ähnlichen Gestalten im deutschen Bildungssystem klein gehalten worden sind. Ich sehe an dieser Stelle von Vergleichen bzgl. Bildungsgrad & Berufserfolg zw. "biodt." Jugendlichen und kemalistisch angehauchten trk. Jugendlichen in- und außerhalb der Türkei ab. Allein die Existenz und die Erfolge eines Senders wie RTL (2) reproduzieren in mir zuweilen aufkeimende Vorurteile und Überlegenheitsgefühle ggü. jenen, die in Dt. BIO sind ;)
Was für ein hervorragendes Beispiel wie man je nach persönlicher Präferenz etwas uminterpretieren kann und das der perfekte Beweis ist das die Umkehr der Gewichtung wie etwas verstanden wird zu wie etwas gemeint ist eine furchtbare Idee ist die nur Probleme bringt. Denn wenn man nicht unter der Paranoia oder Hybris leidet das der Grossteil der Menschheit moralisch viel schlechtere Menschen als man selbst ist kann man den Satz "Obwohl ihre Eltern Muggel sind, ist sie eine der klügsten Hexen ihres Alters." auch auf die Weise interpretieren das Hermine obwohl sie wesentlich weniger Hilfestellung und Verständniss im Umgang mit der Magie hatte weil ihre Eltern eben keine Zauberer sind es trotz den schlechteren Voraussetzungen geschafft hat zu einer der fähigsten Hexen ihres Alters zu werden. So wird aus einer vermeintlichen Abwertung aufgrund ihrer Herkunft eine Würdigung ihrer sogar noch grösseren Leistung. Aber um das zu erkennen müsste man nicht überall Menschen sehen die so viel schlechter Menschen sind als man selbst. Danke für dieses tolle Beispiel was an der pc-Kultur nicht nur schief läuft sondern sogar gefährlich ist da Leuten ohne irgendwelche Beweise niedrige Intensionen unterstellt werden
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.