Hartmanns Version von "Krieg und Frieden" Rumms - das ist Krieg!

Große Kunst bleibt unfertig: Matthias Hartmann, der grandiose Zweifler und Zauderer des deutschen Theaters, präsentierte bei einer öffentlichen Probe seine Bühnenversion von Tolstois "Krieg und Frieden" - ein Provisorium mit Sex, Suff und aberwitzigen Schlachtenszenen.

Burgtheater/ Georg Soulek

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Ganz am Ende des Abends, eigentlich schon spät in der Nacht, steht Matthias Hartmann draußen vor der Kampnagel-Halle und sagt, dass er noch einmal alles ändern möchte.

Er hält ein Rotweinglas in der Hand, das Hamburger Publikum - Männer in gelben Breitcordhosen, ihre Escada-Frauen hinter sich herziehend - nicken Hartmann schüchtern zu, danken ihm für den Abend, ja, es war ein großer Erfolg. Aber Hartmann sagt, die Inszenierung sei nicht fertig. Er müsse jetzt erst mal richtig proben.

Matthias Hartmann hat gerade, an diesem Samstagabend, über fünf Stunden Leo Tolstois "Krieg und Frieden" gezeigt, er ist mit dieser Produktion für zwei Aufführungen zum Hamburger Theaterfestival aus Wien angereist. In Wien ist Matthias Hartmann nicht nur Regisseur, sondern auch der Direktor des Burgtheaters, er kann also machen, was er will. Er hat "Krieg und Frieden" auch dort schon einige Male gezeigt, und auch dort war es nicht fertig.

Das Stück hatte bis heute noch nicht Premiere, die Aufführungen, die Hartmann bisher gegeben hat, nannte er öffentliche Proben. Zu Beginn am Samstag in Hamburg kam Hartmann selbst auf die Bühne und erklärte dem Hamburger Publikum, dass man mal zeigen wolle, was man aus diesem 1600-Seiten-Epos so schon verstanden habe, in Szenen umzusetzen.

Im Nachhinein klingt das natürlich ein bisschen kokett. Denn Hartmann, ob fertig oder nicht, ist ein großer, künstlerisch riskanter Abend gelungen.

Die Souffleuse sitzt mit auf der Bühne

Es sind die Stoffe, die sich über ihre dramatische Nichterzählbarkeit auszeichnen, die Hartmann immer mehr interessieren. Vor zwei Jahren hat er in Wien schon anhand von"Faust II" probiert, eine Narration für diesen eigentlich nicht erzählbaren Allegorienstoff zu finden. Hartmanns Technik, sich dieser Stoffe zu bemächtigen, wird mehr und mehr zu seiner künstlerischen Handschrift.

Sie besteht darin, dass er seine Schauspieler nicht nur spielen, sondern auch erzählen lässt. Er baut damit seinen Stücken eine zweite narrative Ebene ein: Die Schauspieler erzählen die Handlung, und dann spielen sie das Erzählte. Oder sie spielen das Gegenteil des Erzählten. Oder sie spielen nur leicht neben dem Erzählten. Manchmal zwingt diese Technik die Schauspieler dazu, ein bisschen zu überspielen, Dinge deutlicher zu zeigen, um auf die Übereinstimmung oder Differenz zu dem Erzählten hinzuweisen. Oliver Masucci als der nichtsnutzige Anatol Kuragin fühlt sich am wohlsten mit dieser Ambivalenz, auch bei Yohanna Schwerdtfeger als Natascha funktioniert das Doppelspiel an manchen Stellen gut.

Eine Rolle ist doppelt besetzt, die des Pierre Besuchow, er taucht mal klein und dick auf (Udo Samel), mal als hübscher Jüngling. Andere Rollen sind gar nicht besetzt, sie kommen zwar in den Erzählungen vor, aber es gibt niemanden, der sie spielt, stattdessen der Hinweis, dass man diese Figur gestrichen hätte. 15 Schauspieler sind in mehr als 100 Rollen zu sehen. Das ist alles ziemlich kompliziert, und deswegen sitzt die Souffleuse mit auf der Bühne. Sie ist als Babuschka verkleidet. Oben auf einer Leinwand läuft stets eine Seitenzahl mit, die angibt, wo im Roman man sich gerade befindet.

Die Essenz des Krieges

Und so entfacht sich eine Art Unterhaltung zwischen diesen beiden Erzählebenen, der gezeigten und der beschriebenen, die in den gelungenen Momenten dem Zuschauer seine eigenen Bilderzählung in den Kopf pustet. Es funktioniert fast dialektisch, These hier, Antithese dort, und beim Zuschauer kommt die Synthese an. Das ist es möglicherweise, was Hartmann im Kopf hatte. Und die Stärke dieser Technik liegt auch darin, dass sie zwar ironisch wirkt, es aber überhaupt nicht ist.

Was aber taugt diese Hartmann-Methode nun? Was hat sie unter der Haube angesichts dessen, was in Tolstois "Krieg und Frieden" alles erzählt werden muss? Eine satte russische Gesellschaft, umstellt von Krieg und Untergang. Es muss subtile Dekadenz erzählt werden, russische Saufgelage, sexuelle Begierden, Eheanbahnungen, aber auch Fragen des Glaubens und der Revolution. Und vor allem die Schlachten: die Russen gegen Napoleon, Austerlitz, Borodino.

Kriegszenen sind im Theater mitunter das Schwierigste, hier zeigt sich die Unterlegenheit gegenüber dem Film besonders stark. Aber Hartmann reduziert die Krieghandlungen auf ein Verrücken, Umschmeißen und Schlagen von Tischen und Stühlen. Das Marschiergetrapsel wird geklopft, und bei der großen Schlachtfeldvernichtung fliegen 30 bis 40 Tische von ihren Beinen auf die Platte. Ja, das ist Krieg, versteht man sofort, das ist seine Essenz, es braucht nur ein paar Tische.

Ist doch wunderbar, lieber Herr Hartmann!

Irgendwann nach knapp vier Stunden Nettospielzeit, die Aufführung ist bei Seite 1087 des Romans angekommen, erscheint plötzlich wieder Matthias Hartman im Zuschauerraum. "So, meine sehr geehrten Damen und Herren, so weit sind wir gekommen..." Und plötzlich denkt man: Ist doch wunderbar, lieber Herr Hartmann, viel weiter muss man gar nicht kommen. Was soll das eigentlich mit dieser Nichtfertigkeit?

Mit der Abgeschlossenheit von Kunstwerken ist es ja ohnehin so eine Sache. Kein Künstler würde wohl je behaupten, sein Kunstwerk sei jetzt fertig. Kunst bedeutet, dass man eben irgendwann aufhört. Auch Tolstoi hat seinen Roman ja nicht wirklich abgeschlossen, er hat ihn nur beendet. Aber es hilft vielleicht bei solch sympathischen, großartigen künstlerischen Angebervorhaben, wie es "Krieg und Frieden" oder "Faust II" ja sind, den Druck dadurch wegzunehmen, indem man sich sagt, man sei nicht fertig, obwohl man es ist.

Hartmanns Doppelerzähltechnik hat bei "Faust II" schon in Ansätzen gut funktioniert, aber am Ende ächzte die Inszenierung immer noch unter der Last der Zeichen und Symbole. Diesmal hat seine Methode gehalten, sie hat 1600 Seiten Russland getragen und erzählbar gemacht.

Matthias Hartmann aber hat gezweifelt. Zwei Tage vor der Aufführung in Hamburg, vergangenen Donnerstag, saß er mittags im Restaurant des Hotel Atlantic. Er aß und trank und starrte auf die verhangene Alster. Er erzählte von seiner Kindheit und seinen Eltern. Er erzählte von seinem Künstlerbegriff, seiner Sucht nach Anerkennung und davon, wo seine Zweifel herkommen. Viele in der Theaterwelt glauben ihm diese Zweifel nicht, weil Hartmann Porsche fährt und sich mit Rotwein auskennt. Aber Karajan fuhr auch Porsche.

Jetzt hat Hartmann tatsächlich eine Premiere für sein Stück in Wien angesetzt. Sie soll am 4. Dezember sein. Brauchen wir eigentlich nicht mehr. Seine Inszenierung kann unfertig bleiben. Große Kunst bleibt unfertig.



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