Hartz-IV-Show Verbände sprechen von "Hetzjagd"

Am Mittwoch startet die Sat.1.-Dokureihe "Gnadenlos gerecht". Darin ermitteln Sozialarbeiter angebliche Hartz-IV-Schmarotzer. Schon jetzt regt sich Protest. Veranstaltet der Sender eine "öffentliche Hetzjagd" auf sozial Schwache?


Frankfurt/Main - Die neue Sat.1-Serie über "Hartz-IV-Betrüger" hat schon vor dem Sendestart am Mittwoch Proteste ausgelöst. Der Arbeitslosenverband Deutschland sprach in Berlin am Montag von einer "öffentlichen Hetzjagd auf Hartz-IV-Empfänger" und einer "negativen Stimmungsmache". Sat.1 betonte dagegen, die Sendung berichte "in ausgewogener Form über die gesellschaftliche Realität".

Ermittler Fürst und Hofmeister: "Wir sind ja Profis"
Sat.1

Ermittler Fürst und Hofmeister: "Wir sind ja Profis"

Unter dem Serientitel "Gnadenlos gerecht - Sozialfahnder ermitteln" begleitet ein Kamerateam zwei Sozialamtsmitarbeiter im Kreis Offenbach in Hessen: die Abteilungsleiterin Helena Fürst und Geschäftsstellenleiter Helge Hofmeister.

"Wir sind ja Profis, da wir schon im 'Sat.1-Magazin', im 'Sat.1-Frühstücksfernsehen' und in '24 Stunden' dabei waren. Jedoch ist es immer wieder eine willkommene Abwechslung in unserem Alltag", sagte die 34-jährige Ermittlerin in einem Interview des Senders.

Helena Fürst hat es bereits zu einiger Berühmtheit gebracht. Sie deckte jene Fälle auf, die als "Mallorca-Karin" und "Ebay-Hans" für Schlagzeilen sorgten. "Karin kassierte in Deutschland Geld vom Vater Staat und vermietete gleichzeitig ihre beiden Eigentumswohnungen auf der spanischen Insel an Gäste. Hans hingegen stellte die vom Sozialamt bewilligten Gegenstände gleich mal ins Internet, um damit sein Hartz IV-Salär aufzubessern", heißt es auf der Sat.1-Homepage.

Durch die Ermittlungen sparten die öffentlichen Kassen allein im Kreis Offenbach im vergangenen Jahr circa 750.000 Euro, wie Fürst erklärte. Nach Meinung des Pressesprechers der Kreisverwaltung Offenbach, Ralf Geratz-Krambs, habe Hartz-IV-Betrug weder zu- noch abgenommen. "Betrug hat es immer gegeben, wird es immer geben." Die Bundesagentur für Arbeit hat keine konkreten Zahlen, erklärte aber generell, bei Betrügereien sei ein leichter Rückgang zu verzeichnen.

Der Sender-Sprecher betonte, in der Serie würden auch Menschen vorgestellt, "die schlicht und einfach bedürftig sind". Und diese seien meist gar nicht über ihre Ansprüche informiert und würden "eher defensiv" auftreten. Dazu Sat.1: "Helena und Helge sehen sich aber auch als die Stimme der Ehrlichen: Schließlich ist nicht jeder Hartz IV-Empfänger auch ein Betrüger."

In einem Interview, das auf der Internetseite des Senders veröffentlicht wurde, berichtet Helena Fürst: "Besonders nahe gehen uns täglich viele menschliche Schicksale, am traurigsten war ein Fall, in dem eine frisch getrennte Mutter mit ihren kleinen Kindern auf einer Matratze, in einer sonst komplett leeren Wohnung, schlief. Ihr Noch-Ehemann ist gewalttätig und alkoholabhängig, die Frau ist vor ihm geflüchtet. Er hat ihre Kleidung und alles, was ihr gehört, auf den Müll geschmissen. Die Frau hatte nur noch die Kleider, die sie am Leibe trug."

Einschaltquote mit Elend

Die Vorsitzende des Arbeitslosenverbands Deutschland, Marion Drögsler, erklärte, vor der Fernsehkamera seien nur "gestellte Sachen" zu sehen. Denn die Betreffenden müssten zuvor ihre Zustimmung zu Aufnahmen geben. Drögsler wirft Sat.1 vor, "mit dem Elend der Menschen Einschaltquoten hoch treiben zu wollen". Die Etikettierung als "Hartz-IV-Betrüger" sei eine Verunglimpfung und Kriminalisierung von Arbeitslosen.

Nicht im Fernsehen zu sehen seien Fälle, in denen Arbeitslose über Praktika und Trainingswochen kostenlos arbeiteten und damit "böse ausgebeutet" würden. Drögsler sagte, die Sendung "passt gut in den bevorstehenden Wahlkampf". Sie befördere die Meinung, dass eine Erhöhung der Hartz-IV-Sätze nicht erforderlich wäre, und setze damit "genau das falsche Signal". "Wir brauchen aber unbedingt höhere Regelsätze."

Auch der Förderverein gewerkschaftlicher Arbeitslosenarbeit kritisiert die Serie: "Da soll Stimmung gegen Arbeitslose gemacht werden", sagte die Referentin Angelika Klahr. Die Zahl der Betrugsfälle kann nach ihrer Einschätzung nur sehr gering sein, da schon bei der Antragsstellung die Angaben überprüft würden.

Die Serie wird bei Sat.1 mittwochs um 21.15 Uhr ausgestrahlt.

Inge Treichel, AP



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