Sibylle Berg

Greta-Beschimpfungen Vielleicht haben die Pöbler einfach Angst

Erwachsene Männer wollen ihre Autos, die Ölheizung, den billigen Flug. Ihre Wut, wenn sich die Welt verändert, lassen sie an Kindern aus, die sich für Umweltschutz einsetzen.
Plakataktion unter dem Pseudonym "Barbara" in Berlin

Plakataktion unter dem Pseudonym "Barbara" in Berlin

Foto: Maurizio Gambarini/ dpa

Nun beginnt die Zeit meiner religionsübergreifenden Jahresendpredigten, die von vielen Lesenden mit gelinder Furcht erwartet wird: Werden wir den strengen Anforderungen einer moralisch dermaßen überlegenen Person genügen? Und so weiter.

Beginnen wir also. Überall in dieser Zeit der höchtsmöglichen europäischen Wintertristesse sehen wir: Kinder. Kinder auf Plakaten, in Werbeanzeigen, im Internet. Sie lachen, sind glücklich und werfen mit Spielsachen um sich, wenn sie weiße Kinder sind. Schwarze Kinder werben dafür, dass die ehemaligen Kolonialmächte, die Länder in Afrika in die Scheiße geritten haben, diese mit Brot füttern. Gutes deutsches Brot, Sie wissen schon.

Eine gute Tradition ist es auch, den Kindern im eigenen Land den Zugang zu Bildung zu erschweren. Da wird gespart, als ob es kein Morgen gäbe. Gibt es auch nicht. Chinesische Kinder führen die Pisa-Studie nicht nur an, sie sind dem Rest um Jahre voraus. So weit zur Zukunft. Die Gegenwart in Europa besteht darin, dass Männer hier Kinder beschimpfen, wenn sich diese für Umweltschutz aussprechen. Nun, vielleicht auch ein erfolgsgekrönter Weg. Ach ja.

Erwachsene Männer und ihre Gefühle. Also speziell ihre Gefühle Kindern gegenüber, und wir reden hier nicht von Kinderpornografie und Pädophilie. Sondern von diesen Gefühlen, die sich im Netz und auf Autoaufklebern seit einiger Zeit Gehör verschaffen, ja die geradezu aus den Tiefen der Männer, also dort, wo das eigene innere Kind (sorry, wollte ich schon immer mal schreiben) kauert, an die Oberfläche drängen.

Viele der Politiker, die seit einiger Zeit die Erfinderin der "Fridays for Future"-Bewegung abwerten, beschimpfen, zum Hass gegen sie aufrufen, haben selber Kinder. Dennoch gelingt es ihnen nicht, ihre Gefühle zu kontrollieren oder sich vorzustellen, ihr Kind wäre Männern wie ihnen und ihrem Hass ausgesetzt . Oder sich auszumalen, wie es wäre, wenn ihre Kinder ihnen beim Verfassen ihres Ausflusses über die Schulter schauten. "Vater, ich habe Angst vor dir und weise mich selber in ein Kinderheim ein", würde die kleine Paula sagen und ihren Kinderkoffer packen.

Von Worten zu Angriffen ist es ein kurzer Weg

Die Frage, ob Worte oft Taten einleiten, muss an dieser Stelle gestattet sein (wollte ich auch schon immer mal schreiben). Wie weit ist es vom Hass-Post gegen Kinder, die die Unverschämtheit haben, leben zu wollen und zwar mit den gleichen Privilegien wie ihre Eltern und Großeltern (Stichpunkt: Wohlstand, sauberes Wasser, happy Tiere, Flüsse und Gletscher - naja, Gletscher), bis hin zur Tat? Klingt krass, ist es aber nicht.

Wir wissen, dass es von den Worten, die Menschengruppen nutzen, um sich in den Rausch der Zusammengehörigkeit gegen Andersdenkende zu bringen, zu Angriffen ein kurzer Weg ist. Und nein, nicht alle Männer und Frauen, die sich an einem jungen Menschen abarbeiten, sind Nazis, sondern einfach ein wenig egoistisch. Vielleicht befeuert eine große Verlustangst ihr unlogisches Tun .

SPIEGEL ONLINE

Sie wollen ihre großen Autos, die Ölheizung, den billigen Flug, das billige Fleisch behalten oder einfach nur: keine Veränderung. Veränderungen machen dem Individuum seine Endlichkeit bewusst, klar. Nichts ist für immer und so weiter. Vielleicht haben die Kinderbepöbler einfach Angst, und das ist nichts, womit man nicht mit einer Umarmung (stellvertretend mit einer Umarmungsdecke - sowas gibt es wirklich) helfen kann.

Mithin wirken auch Gespräche - und schon wieder ist die Jugend gefragt. Ruhig und sanft, wie man es mit Angstkranken eben so tut, muss man den Eltern die Sachen mit der Wissenschaft erklären und wiederholen: "Nein, liebe Eltern, es wird nicht wehtun, wenn man sich ein wenig zusammenreißt. Und: "Nein, liebe Erwachsene, die PolitikerInnen, die euch zeigen, wie einfach es ist, gegen Kinder zu hetzen, wollen nicht, dass es euch besser geht. Sie wollen einfach, dass ihre Finanziers weiter ohne Einschränkungen Öl verarbeiten und Kohle abbauen und Geld anhäufen können." Und: "Nein, liebe Kinderbepöbler, ihr werdet nichts davon abbekommen." Oder kurzgefasst: "Jetzt reißt euch einfach mal zusammen und habt ein wenig Anstand."

Amen, Inshallah und so weiter.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.