Hauptstadt-Posse Straßenkampf für Georg Elser

1939 verübte Georg Elser ein Attentat auf Adolf Hitler. Der Anschlag misslang, der mutige Einzelkämpfer wurde gefasst und ermordet. Eine nach Elser benannte Straße gibt es in Berlin bis heute nicht. Ein Pfarrer wollte dies jetzt ändern - und geriet in eine bürokratische Posse ohnegleichen.
Von Henryk M. Broder

Als Johann Georg Elser am 9. April 1945, einen Monat vor Kriegsende, im Konzentrationslager Dachau ermordet wurde, da war Hartwig Grubel gerade drei Jahre alt, lebte mit seinen Eltern in Dessau und spielte noch im Sandkasten. Heute, fast 60 Jahre später, weiß Grubel recht genau, was in den letzten Wochen des Krieges passiert ist, nur wirklich begreifen kann er es nicht. "Das Fatale ist, je älter ich werde, umso unverständlicher wird die ganze Geschichte."

Einfacher Mann, einfach ein Held

Grubel hat Theologie studiert, er war Gemeindepfarrer bei Schwerin, ging 1975 in den Westen, arbeitete im sozialen Bereich der Kirche und beschäftigte sich immer mit ethischen Fragen, etwa mit dem Recht auf Widerstand in einer Diktatur. "Da waren die Offiziere, die Adeligen und die Studenten aus gutem Hause, legitimiert durch Herkunft, Familie und gesellschaftliche Stellung. Und dann gab es solche, die keine Legitimation hatten, die es einfach gemacht haben. Von denen redet heute keiner."

Zu denen, die vergessen wurden, gehört jener Johann Georg Elser aus Hermaringen in Württemberg, Sohn eines Holzhändlers und Landwirts, gelernter Schreiner und Hilfsarbeiter in einem Steinbruch. 1938, nachdem er an Feiern der NSDAP zur Erinnerung an den Hitler-Putsch von 1923 als Besucher teilgenommen hatte, beschloss Elser, den Führer umzubringen. Er lernte, wie man Bomben herstellt, und unternahm Sprengstoffversuche, um die richtige Dosierung zu finden. Anfang November 1939 deponierte er in einer Säule des Münchener Bürgerbräukellers eine Bombe, die am 8. November detonierte und einen Teil des Saales zerstörte. Sieben Menschen starben, Hitler kam mit dem Leben davon.

Beim Versuch, in die Schweiz zu fliehen, wurde Elser verhaftet, er gestand, die Tat allein geplant und durchgeführt zu haben und kam in das KZ Sachsenhausen. Die Nazis wollten das Ende des Krieges abwarten, um ihm dann einen Schauprozess zu machen. Aus propagandistischen Gründen verbreiteten sie das Gerücht, verantwortlich für das missglückte Attentat seien die Briten. Vier Wochen vor Kriegsende gab Heinrich Himmler den Befehl, Elser zu liquidieren.

"Nicht auszudenken, was Deutschland und der Welt erspart geblieben wäre, wenn das Attentat geglückt wäre", sagt Grubel. Ein einfacher Mann wie Elser habe schon 1938 den Mut und die Weitsicht gehabt, die sich bei anderen erst eingestellt habe, als der Krieg schon verloren gewesen sei.

Der schwere Weg zur Straße

Irgendwann stieß Grubel auf eine Bemerkung des Schriftstellers Walter Kempowski, der sich darüber wunderte, dass es in ganz Berlin keine Elser-Straße gibt. Grubel setzte sich an seinen Computer und schickte dem Regierenden Bürgermeister von Berlin eine E-Mail. "Elser steht für die einsame Entscheidung eines Menschen, der sich in einer ethischen Notsituation befindet und einer Verantwortung folgt, die die eigene Existenz geringer achtet als Recht und Gerechtigkeit und das allgemeine Wohl." Deswegen sollte Berlin "voran gehen und eine nicht unbedeutende Straße nach Georg Elser benennen".

Der Regierende Bürgermeister reagierte prompt und wohlwollend. "Zweifelsohne sind das Leben Georg Elsers, sein versuchtes Attentat gegen Hitler und seine Ermordung Anlass genug, Georg Elser durch Straßenbenennung zu ehren", schrieb Klaus Wowereit an Grubel. Allerdings wollte er "nicht verhehlen, dass aufgrund der Vielzahl von Benennungswünschen und der doch geringen Anzahl neu entstehender Straßen in Berlin kaum Realisierungschancen bestehen". Deswegen regte er an, Grubel sollte sich "an die zuständigen Behörden in München oder Königsbronn" wenden (wo Elser als junger Mann gelebt hat). Zudem versprach Wowereit, er werde den Vorschlag von Grubel "gern an die hier zuständigen Bezirke weiterleiten".

Es dauerte in der Tat nicht lange, und die Vertreter der zuständigen Bezirke meldeten sich zu Wort. Die Bezirksbürgermeisterin von Berlin Charlottenburg-Wilmersdorf schrieb, sie habe den Vorschlag an den zuständigen Kollegen "mit der Bitte weitergeleitet, sich der Angelegenheit anzunehmen".

Die Bezirksbürgermeisterin von Berlin-Reinickendorf teilte mit, sie habe den "zuständigen Bezirksstadtrat der Abt. Bau-, Grundstücks- und Gebäudemanagement" um eine Stellungnahme gebeten. Der bedauerte bald darauf, "Ihnen mitteilen zu müssen, dass ich derzeit keine Möglichkeit sehe, Ihrem für mich nachvollziehbaren Wunsch zu folgen". Es stehe keine geeignete Straße zur Verfügung und ein "Neubau von Straßen findet derzeit nicht statt".

Hammwa nich, machma nich, wollma nich

Der für die Abt. Stadtentwicklung zuständige Bezirksstadtrat in Pankow bedankte sich für die Anregung, sah sich aber außerstande, ihr zu folgen, leider stünden derzeit im Bezirk Pankow "keine entsprechenden Straßen, Alleen oder Plätze für eine Benennung zur Verfügung".

Der Bezirksbürgermeister von Berlin Steglitz-Zehlendorf reagierte mit dem belehrenden Hinweis, "dass nach dem Bezirksverwaltungsgesetz die Mitglieder des Bezirksamtes in ihren Geschäftsbereichen die Geschäfte selbständig im Namen des Bezirksamtes führen", weswegen er, der Bezirksbürgermeister, keine Entscheidungen treffen könnte, "die den Geschäftsbereich eines anderen Mitgliedes des Bezirksamtes berühren".

Er habe deswegen Grubels Vorschlag "zuständigkeitshalber" an den Leiter der Abteilung Bauen, Stadtplanung und Naturschutz weitergeleitet. Der zuständige Leiter der Abteilung Bauen, Stadtplanung und Naturschutz im Bezirk Steglitz-Zehlendorf winkte ebenfalls ab. Erstens gebe es bereits "eine Fülle von Benennungsvorschlägen, jedoch kaum namenlose Straßen im Bezirk." Zweitens verfolge das Bezirksamt das Ziel, "nur noch solche Vorschläge aufzunehmen, für die ein eindeutiger Bezug zu unserem Bezirk existiert", dies könne er aber "bei der Person Georg Elser leider nicht erkennen".

Auch der Bezirksbürgermeister von Tempelhof-Schöneberg sah sich überfordert. Es gebe im Bezirk Tempelhof-Schöneberg "kein Potenzial, da die Straßen und Plätze im Bezirk bereits einen Namen tragen". Der Leiter des Straßen- und Grünflächenamtes im Bezirksamt Mitte berief sich auf ein Hindernis, das noch unüberwindlicher ist als der Mangel an freien Straßen und Plätzen. Entsprechend "einer Beschlussfassung des Ausschusses für Bildung und Kultur" würden "vorrangig Frauennamen bei der Straßenbe- bzw. umbenennungen im Bezirk Mitte berücksichtigt".

So löste Grubel mit seinem Vorschlag nicht nur eine Berliner Posse aus, die man woanders als ein heiteres Bekenntnis zum Provinzialismus verstehen würde, er weiß jetzt auch alles über den Sportsgeist der Stadt, in der der Dreisatz "Hamwa nich, machma nich, wollma nich" die Grundlinien der Politik bestimmt.

Und wenn der Regierende Bürgermeister zum nächsten Jahrestag der Novemberpogrome wieder eine Rede halten will, in der er von der "Pflicht zum Widerstand" spricht und davon, dass man "den Anfängen wehren" müsse, dann wird Grubel wissen, dass man solche Sätze relativieren muss: Der Regierende Bürgermeister meint es gut, aber wie weit der Widerstand gehen darf, das entscheidet im Ernstfall der Leiter des Straßen- und Grünflächenamtes, sofern es ein Potenzial gibt und ein eindeutiger Bezug zum Bezirk existiert.

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