Architektur-Aktivisten Haus-Rucker-Co PVC statt LSD

Astronauten in der Wiener Innenstadt: Mit dem Beginn des Space Age landete auch das Kollektiv Haus-Rucker-Co in der internationalen Kunstszene. Ihre gewitzten Interventionen in Stadtlandschaften inspirieren und unterhalten noch heute.


An einem Nachmittag im Herbst 1967 schien die steinerne Fassade eines Gebäudes in der Apollogasse in Wien aufzubrechen. Gleich einer Kuckucksuhr fuhr jeweils zur vollen Stunde eine Folienblase aus transparentem PVC heraus. Darin saß auf schwankendem Sitz ein Paar. Ihm erschlossen sich völlig neue Ausblicke: auf die enge, eher unscheinbare Gasse, aber vor allem auf die Möglichkeiten einer Architektur, die mit etwas Plastik und viel Luft Visionen einer abgehobeneren Lebensweise schuf.

Mit dem Stadtraumschiff trat die Gruppe Haus-Rucker-Co (HRC) - gegründet von den Architekten Günter Zamp Kelp und Laurids Ortner sowie dem Maler Klaus Pinter - sofort spektakulär in Erscheinung. Und der Gruppenname war Programm: Er verwies auf die oberösterreichische Gegend des Hausrucks, aus der sie stammten. Vor allem aber transportierte er den Anspruch, dem konventionellen "Haus" einen kräftigen "Ruck" in Richtung Zukunft zu versetzen.

Wie sehr dem Wiener Trio das gelungen ist, belegt jetzt eine Ausstellung im Berliner Haus am Waldsee. Sie zeigt, wie unverstaubt ihre zwischen 1967 und 1977 entstandenen Visionen, Happenings, Blick- und Stadtverwandlungsobjekte bis heute sind. Was der Kunstjargon heute zur "partizipatorischen Stadtraumintervention" hochjazzen würde, war für die drei erst einmal eine Menge Spaß: Sie waren fasziniert von den Weltraumprojekten der Sechzigerjahre, schwelgten in poppigem Design und kommentierten Zeitereignisse wie im Afri-Cola-Rausch.

"Damals schwebte das Mind Expanding über allem"

Zur Zeit der ersten Herztransplantation verpflanzten sie ihr "Gelbes Herz", eine pneumatisch pulsierende PVC-Kapsel, in die Baugrube des Polizeipräsidiums. Drinnen konnte sich, wer wollte, auf Polstern räkeln und - beschallt etwa von Jimi Hendrix' psychedelischer E-Gitarre - meditative Bewusstseinserweiterung betreiben.

"Damals schwebte das Mind Expanding über allem", so Günter Zamp Kelp: "Viele Künstler beschäftigten sich mit der Erweiterung der Wahrnehmung. Und wir haben das auf eine sehr konkrete objektbezogene Basis gestellt." Während andere auf LSD setzten, konnten HRC-Adepten auf einem thronartigen Doppelsitz mit spaciger Berieselungshaube Platz nehmen, den transparenten Overall "Electric Skin" überstreifen, der seine Trägerin elektrisch auflud, oder eine Kollektion facettenaugiger Helme überstülpen, die so schöne Namen trugen wie "Fliegenkopf", "Blickzerstäuber" oder "Drizzler".

Zur Mondlandung 1969 orderte HRC ein riesiges Tortenstück mit Marzipanbelag in Gestalt der Mondoberfläche. Auf einem zentralen Platz Wiens wurde es unter reger Beteiligung von Passanten verspeist, während über ihren Köpfen ein herzförmiger Ballon in den Himmel stieg. "Der Kuchen war", so Zamp Kelp, "der Gruß der Astronauten an Wien. Und Wien antwortete mit einem Herzpolster, das mit Wasserstoff gefüllt über die Dächer entschwand."

Die so utopisch-optimistischen wie munter hedonistischen Arbeiten erscheinen heute wie ein popbuntes Gegenprogramm zur blutig tiefgründelnden Kunst der Wiener Aktionisten. Diesen heiteren Anfangsjahren widmet das Haus am Waldsee das Parterre, während im ersten Stock die späteren, zeit- und umweltkritischen Projekte untergekommen sind.

"In Wien war die Kunstszene nie sehr politisch"

Der Umbruch erfolgte um 1970 mit dem Umzug der Gruppe nach Düsseldorf. Zamp Kelp: "In Wien war die Kunstszene nie sehr politisch. Als wir nach Deutschland kamen, war die Mondlandungseuphorie vorbei. Der SPIEGEL schrieb über Umweltzerstörung. Die Stimmung war viel ernster und kritischer. Und außerdem konnten wir das Euphorisch-Positive ja nicht bis in alle Ewigkeit kultivieren." 1971 überwölbten HRC das von Mies van der Rohe gebaute Haus Lange in Krefeld mit einer riesigen, weißen Traglufthalle. Angesichts der zunehmenden Luftverschmutzung, so suggerierte die Überbauung, sei Leben bald nur noch in künstlichen Reservaten möglich. Es war Winter, aber durch die wärmere Luft im Inneren der Halle fingen im Garten die Rosen zu blühen an - was nicht geplant, aber zusätzlich unheimlich war.

In den folgenden Jahrzehnten wurden HRC zwei Mal zur documenta eingeladen, sie entwarfen weitere synthetische Schutzräume und etliche temporäre Architekturen. 1992 löste sich die Gruppe auf. Zamp Kelp baute später das Neanderthal Museum in Mettmann bei Düsseldorf. Laurids Ortner gründete mit seinem Bruder Manfred, der 1971 zur Gruppe gestoßen war, das Büro Ortner & Ortner Baukunst, das etwa in Wien das Museumsquartier baute und mit der Realisierung von Shoppingcentern besonders weit vom ursprünglichen Haus-Rucker-Programm entfernt ist.

Dafür sind es heute jüngere Künstler und Urbanisten, die den utopischen Geist, die Experimentierfreude und das Engagement der Pioniertruppe aufgreifen. Die Ausstellung deutet das an mit Arbeiten von Tomás Saraceno oder Hussein Chalayan. Nur schade, dass die Arbeiten von Olafur Eliasson, die besonders von HRC inspiriert scheinen, nicht enthalten sind.

Dabei aber ist das Architekten-Kollektiv raumlaborberlin. Viele ihrer urbanistischen Projekte sind offene Reverenzen an Haus-Rucker-Co. Im Ausstellungskatalog aber insistiert die Nach-Rucker-Truppe auf einer Akzentverschiebung: "Vielleicht war es damals wichtig zu zeigen, dass Stadt Spaß machen kann, uns geht es heute darum, dass Spaß Stadt machen kann."


Haus-Rucker-Co. Architekturutopie reloaded . Haus am Waldsee, Berlin, 22.11.2014 bis 22.2.2015.



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