Margarete Stokowski

Hausfrauen-Glorifizierung Das goldene Zeitalter der Unterdrückung

Die "Zeit" erklärt, wie gefährlich es für die Liebe ist, wenn sie mehr verdient als er, die "FAZ" trauert der Hausfrau nach. Das zeigt: Früher war vielleicht alles schlimmer. Aber heute ist längst nicht alles gut.

Niemand will gern pleitegehen, deswegen muss man ein bisschen Respekt vor der Entscheidung von FAZ.net haben, ihre Seite durch Wutklicks von Feministinnen am Laufen zu halten, aber da hört es auch schon auf. "Wo steckt die gute Hausfrau?" , fragte Ex-FAS-Wirtschaftsressortleiter Rainer Hank dort vor ein paar Tagen.

Keine Stellenanzeige, sondern eine Art Nachruf auf vergangene Zeiten. "Einst war es eine Tugend, eine gute Hausfrau zu sein", hieß es da. "Doch Feministinnen haben dies einfach aus dem Bewusstsein getilgt." Herr Hank ist in den frühen Fünfzigerjahren geboren und trauert nun öffentlich darum, dass er dort nicht bleiben durfte. Begleiten wir ihn ein Stück auf seinem schweren Weg.

Die Hausfrauen, die damals die Windeln von Herrn Hank und seiner Kohorte waschen mussten, dürfen wir uns als glückliche Menschen vorstellen. Herr Hank kennt natürlich die damalige Gesetzeslage, wo es unter anderem hieß: "Die Frau führt den Haushalt in eigener Verantwortung."

Wem das nach einer tristen Existenz klingt, dem hilft der preisgekrönte Journalist gern ein bisschen nach: "Macht man sich einen Moment lang frei vom Emanzipationsnarrativ, hört sich der Satz nicht wirklich nach Unterdrückung, sondern nach Macht und Stärke an." Er habe selbst, so erzählt Hank, als Schüler den Beruf der Mutter mit "Hausfrau" angegeben, "ohne jegliche Scham". Denn: "Ich habe meine Mutter als stolze Frau in Erinnerung."

Ohne jegliche Scham erinnert er dann auch daran, dass die Fünfziger- und Sechzigerjahre als "goldenes Zeitalter der Familie" in die Geschichte eingegangen seien: "viele Eheschließungen, viele Kinder, wenige Scheidungen, wenige Alleinerziehende. Die Rollen waren vorgegeben. Man muss das nicht zwangsläufig spießig finden." Nein, muss man nicht. Man kann es aber mit guten Gründen völlig irre finden, wie jemand ausblenden kann, was die damalige Rollenverteilung, die Hank mit "Macht und Stärke" für Frauen verbindet, im Alltag bedeutete - und warum Scheidungen oder alleinerziehend zu sein für die allermeisten Frauen schlicht keine Optionen waren weil gleichbedeutend mit der Entscheidung für ein Leben in Armut.

Maul halten und mitspielen

Noch bis 1977 sah das deutsche Recht die Frau vor allem als Haushaltsvorstand. Goldene Zeiten waren es insofern, als die gesellschaftlich akzeptierte Lösung für Frauen, die das alles nicht ertrugen, "Frauengold"  war, sprich: Alkohol. Die goldene Tugend für Frauen war: Maul halten und mitspielen.

Man müsste sich gar nicht so lang mit Herrn Hanks Romantisierung dieses Elends aufhalten, weil Twitter-Nutzerin "Persephone"  bereits eine würdige Kritik verfasste, als sie schrieb: "Ein ganzer Text, um zu rechtfertigen, warum er nicht in der Lage ist, allein seine Unterwäsche zu waschen. Mach deinen Haushalt selbst, du Lauch."

Nun ist aber Herr Hank nicht nur traurig, dass niemand mehr mit Stolz seine Socken zusammenlegt - und natürlich darf er jederzeit Hausfrau werden, es wäre eine einzige Win-win-Situation - sondern er unterstellt zugleich Feministinnen, ein falsches Narrativ verbreitet zu haben: "Die heute dominante Erzählung, wie man sie Regalmeter lang in den Bibliotheken der Genderforschung findet, liest sich so: Lange Zeit wurden die Frauen unterdrückt von ihren Männern." Nun ist es natürlich nicht ganz falsch, von einer langen Zeit der Unterdrückung zu sprechen, wenn Vergewaltigung in der Ehe bis 1997 kein Straftatbestand war.

Es ehrt Herrn Hank, dass er so viele Regalmeter Genderforschung gelesen hat, auch wenn offensichtlich einige Klassiker immer gerade dann ausgeliehen waren, wenn er zum Lesen vorbeikam. Sonst wäre ihm sicher Simone de Beauvoirs "Das andere Geschlecht" aufgefallen, in dem auf über 800 Seiten untersucht wird, inwiefern Frauen in einer nicht gleichberechtigten Gesellschaft über sich selbst bestimmende Subjekte und Objekte sein können, denen Unrecht geschieht. "Halb Opfer, halb Mitschuldige, wie wir alle", so lautet das Zitat von Sartre, das Beauvoir dem zweiten Band ihres Werks voranstellt.

Beauvoir beschreibt seitenlang, wie ermüdend und auszehrend die Rolle der Hausfrau zu ihrer Zeit war: "Ihre Hände sind fleißig, nur ihr Geist hat nichts zu tun." Dabei sind es nicht die Tätigkeiten im Haushalt selbst, die besonders schlimm wären, sondern die Festlegung auf sie: "So geachtet [die Hausfrau] auch sein mag, sie ist untergeordnet, zweitranging, parasitär. Der schwere Fluch, der auf ihr lastet, besteht darin, dass der Sinn ihrer eigenen Existenz nicht in ihren Händen liegt."

Wo bleibt der stolze Hausmann?

In den vergangenen Tagen gab es unter den Hashtags #ehrlicheeltern und #ehrlicheltern auf Twitter viele Erzählungen, oft von Müttern. Einige gaben nur zu, ihre Kinder oft fernsehen zu lassen, wenn sie keinen Nerv hatten, sie zu beschäftigen, andere erklärten, wie einsam und anstrengend es sein kann, für Kinder und Haushalt zuständig zu sein . "Als Mutter von zwei Kleinkindern bin ich meistens nervlich über- und intellektuell unterfordert", schrieb eine Frau , 69 Jahre nach Beauvoir.

Es war seit jeher Bestandteil feministischer Theorien, die reproduktiven Tätigkeiten und die Care-Arbeit, die immer noch hauptsächlich Frauen leisten, nicht als langweiligen Rotz abzuwerten, sondern im Gegenteil für diesen grundlegenden Bestandteil jeder Gesellschaft eine angemessene Anerkennung zu fordern.

Die "Zeit" schrieb neulich erst darüber, wie gefährlich es angeblich für die Liebe sei, wenn Frauen mehr verdienen als ihre Partner. "Wenn Mama das Geld verdient" , hieß der Text, als wenn das eine Kuriosität wäre. Man hätte auch fragen können: Wo bleibt der stolze Hausmann?

Wir leben immer noch in einer Welt, in der "Zeit"-Journalist Moritz von Uslar sich nicht schämt zu twittern : "Mich machen Männer, die ihr Baby an ihre Brust geschnürt haben, so wahnsinnig aggressiv." Und in einer Welt, in der die "Süddeutsche" eine Frau, die Ultramarathon gelaufen ist und unterwegs ihr Baby stillte, mit Fragen penetriert, ob sie nicht einfach hätte abstillen können, ob ihre "Selbstverwirklichung auf Kosten der Familie" gehe oder ob sie womöglich andere Frauen unter Druck setzen wolle . "Aber was ist so falsch, sich einfach nur auf seine Elternrolle zu konzentrieren?", wird die Sportlerin gefragt, und sie antwortet: "Wenn ich das Laufen nicht als Ausgleich hätte, wäre ich eine sehr viel schlechtere Mutter."

Der trauernde "FAZ"-Journalist Rainer Hank verortet den Sieg des Feminismus in den Achtzigerjahren, als Feministinnen es angeblich schafften, "ihre Geschlechtsgenossinnen aus ihrem fremdverschuldeten Leid zu befreien". Leider wieder eine Fehleinschätzung. Wir sind längst, längst nicht fertig.

Frauenbilder - Kochtopf oder Karriere? (SPIEGEL TV 2012)

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