"Hausfrauenstreik" bei RTL Eier in der Mikrowelle

RTL ruft heute zum "Hausfrauenstreik" und zwingt Männer mit Putzallergie, die Familie ein paar Tage lang allein zu versorgen. Das hat Unterhaltungswert – aber den großen Nachteil, dass dabei ein hoffnungslos veraltetes Familienbild propagiert wird.

Von Peer Schader


Es hilft ja alles nichts: Die Schmutzwäsche räumt sich nicht von selbst weg. Die Kinder werden nicht satt, wenn keiner kocht. Und wer die Windeln mitwäscht, muss sich nicht wundern, wenn die Klamotten nachher völlig verfusselt aus der Trommel kommen. Nur für ein paar Tage hat sich Mama Petra in den Kurzurlaub verabschiedet, aufgewiegelt von RTL-Redakteuren. Ihr Mann Ralf und die fünf Söhne brauchten allerdings nur ein paar Stunden, um das Haus ins Chaos zu stürzen.

RTL-Dokusoap "Hausfrauenstreik": Geschirrtuch als Windelersatz

RTL-Dokusoap "Hausfrauenstreik": Geschirrtuch als Windelersatz

"Soll er mal sehen, was das für eine Arbeit ist. Vielleicht versteht er mich dann besser", erzählt Petra auf dem Weg ins von RTL bezahlte Luxushotel. Bisher war Ralf nämlich der Ansicht, das bisschen Haushalt sei "Pille-palle": "Wenn man den ganzen Tag dafür Zeit hat, ist es einfach", hat er getönt. Und dann Petras Brief auf dem Küchentisch gefunden, in dem stand, dass sie jetzt mal weg ist und er doch bitte kochen, putzen und einkaufen soll. Das war natürlich ein Schock. Zur Beruhigung sind die Männer erst einmal geschlossen zur Dönerbude gefahren, weil es zu Hause eh nichts mehr zu essen gegeben hätte. Nur der zweijährige Leroy ist vergessen worden. "Das darf man niemandem erzählen", hat Vater Ralf sich nachher geschämt und fast am Döner verschluckt, als ihm siedendheiß eingefallen ist, dass da einer seiner Jungs nicht von alleine mit ins Auto gestiegen ist.

"Spurti-hurti" im Befehlston

"Hausfrauenstreik" heißt die neue "Real People Doku", in der RTL am Sonntagabend (19.05 Uhr) genüsslich das Scheitern haushaltsunerfahrener Nichtstuer vorführt, während die Mama, die sonst die ganze Arbeit macht, in ihrer Wellnessbude die schlimmsten Momente auf DVD vorgeführt bekommt. Hat die Pilotfolge Erfolg, geht der Streik in Serie, dann dürfen künftig Pantoffelproleten im ganzen Land das Fernsehen verfluchen, das ihnen sonst immer die nötige Entspannung verspricht, wenn sie es sich auf dem Sofa bequem machen.

Für ein bisschen Erleichterung sorgt RTL-Haushaltsexpertin Michaela von Schabrowski, eine resolute Dame im Kittel, die vermutlich verhindern soll, dass nach zwei Tagen das Jugendamt aktiv werden muss. Im Befehlston trägt sie den Männern Haushaltsarbeiten auf ("spurti-hurti") und hat ganz spezielle Vorstellungen davon, wie man Wäsche faltet und Spüllappen auswäscht. Außerdem hat sie Ralf beigebracht, mit welchen Wunderwerkzeugen man Wäsche wieder fusselfrei kriegt. Der hat nachher gestrahlt wie eine ganze Lampenabteilung im Baumarkt: "Die Fusselrolle war klasse!"

Wenn die Mikrowelle explodiert

Es wäre unehrlich, jetzt zu behaupten, dass der "Hausfrauenstreik" nicht lustig ist: Zum Frühstück gibt es für die Kinder kalten Kakao und Milchschnitte, weil der Kühlschrank immer noch leer ist. Als Ersatzwindel für den Zweijährigen muss ein Geschirrhandtuch herhalten. Die gefrorene Pute fürs Mittagessen schmort im Backofen in der Plastikverpackung. Und in der Mikrowelle explodieren die Eier, die der Papa ohne Wasser kochen wollte. "Wenn mein Vater so aussehen würde wie er kocht, wäre er der hässlichste Mensch der Welt", fasst der älteste Sohn den Schlamassel zusammen.

Doch das Staunen darüber, wie hilflos sich jemand anstellen kann, der sonst keinen Finger rühren muss, wechselt alsbald ins blanke Entsetzen – darüber, dass es immer noch Familien gibt, in denen die Aufgabenverteilung derart vorsteinzeitlich geregelt ist: Die Kinder zocken am Computer, der Papa heimwerkert in der Werkstatt und Mama macht den Rest.

Jahrzehnte der Frauenbewegung – alles umsonst? Muss erst RTL kommen, um die zum Putzen in die Knie gezwungenen Mütter von ihrem selbst gewählten Schicksal zu befreien und per Limousine schnellstmöglich da raus zu holen? Für die ganz auf ihre Mutterrolle konzentrierte Petra ist es ein Graus, zusehen zu müssen, wie ihre Familie langsam aber sicher verwahrlost. Schon auf dem Weg ins Hotel ist ihr mulmig zumute. Und nach ein paar Tagen sehnt sie sich geradezu zurück an den Herd, damit zuhause keiner weiter Hunger leiden muss.

Modernes Familienbild ade

Ein katastrophaleres Rollenbild hätte sich RTL für seinen "Hausfrauenstreik" kaum ausdenken können. Obwohl das Problem vermutlich ist, dass nicht mal lange nach einer passenden Familie gesucht werden musste, bei der man praktischerweise gleich mal die "Super-Nanny" vorbei schicken könnte oder den "Frauentausch" proben.

In Großbritannien lief das Original "Mum's on strike" beim Sender ITV bereits 2005. Dass RTL ausgerechnet jetzt den "Hausfrauenstreik" lanciert, ist natürlich Kalkül, weil Kabel 1 gerade die ziemlich ähnliche Soap "Männer allein daheim" gezeigt hat, in dem gleich ein ganzes kleines Dorf ohne Mütter auskommen muss, während die Väter sich gegenseitig den Nachwuchs aufhalsen, um einen ruhigen Abend in der Dorfkneipe zu verbringen.

Einem modernen Familienbild in der Gesellschaft ist das alles sicher nicht zuträglich, aber fürs Fernsehen natürlich ideale Unterhaltung. Über die amüsiert sich auf dem prominenten Sonntagssendeplatz bei RTL nun womöglich auch der eine oder andere Faulenzer, während gerade um ihn herum gesaugt wird. Höchste Zeit für die nächste Revolution.



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