Heidenreich-Casting "Lesen, voll die Latte!"

Aus, vorbei: Elke Heidenreich ist weg - und mit ihr die Literatursendung "Lesen!". Doch zum Glück hat das ZDF Ersatz versprochen. SPIEGEL ONLINE stellt schon mal zehn potentielle Nachfolger vor. Im Recall: Feuchtgebietler, Quotenritter, Nachtschwestern - und natürlich Bohlen.
Von Reinhard Mohr

Sechs Jahre lang war sie die Lesemutter der Nation, die oberste Buchverkäuferin des Landes, deren Sprechtempo schnatterinchenhafte Züge trug. Ähnlich wie die ambulanten Küchenmesserverkäufer auf der Frankfurter Zeil pries sie im Minutentakt und mit nie nachlassender Begeisterung ihre aktuellen Lieblingsbücher an.

Zur Begründung reichten meist schlichte Behauptungen ohne jedes – gar literaturkritische – Argument: "Das wird sie glücklich machen!", "Ein gutes Buch von einer wunderbaren Schriftstellerin" oder auch: "Eine tolle Sache zu lesen".

Nun ist Ausverkauf. Das ZDF hat Elke Heidenreich fristlos gekündigt, nachdem sie ihre Kritik am deutschen Fernsehen ("hirnlose Scheiße") im Windschatten von Marcel Reich-Ranickis TV-Philippika ausdrücklich auch auf ihren Arbeitgeber – das Zweite Deutsche Fernsehen – bezogen hatte, für das man sich recht eigentlich "schämen" müsse.

Das war dann doch zu viel fürs öffentlich-rechtliche Gemüt, und so sucht man nun intensiv nach einem Nachfolger oder einer Nachfolgerin. Denn eine repräsentative Literatursendung soll schon sein, selbst in Zeiten, in denen die Finanz- und Wirtschaftskrise alles andere zu verdrängen droht.

Eine nicht ganz leichte Sache. Denn der oder die NachfolgerIn soll populär sein und doch auch ein bisschen fachkundig, er oder sie sollte selbst gern lesen, aber zugleich ein Fernsehmensch sein und natürlich "gut rüberkommen" auf der Mattscheibe. SPIEGEL ONLINE stellt Ihnen die zehn aussichtsreichsten BewerberInnen vor.

Feuchtgebiete und Staubsauger

1. Charlotte Roche

Nach ihrem in unzählige Sprachen übersetzten Megaweltbestseller "Feuchtgebiete" drängt sich die einstige MTV-Moderatorin geradezu auf.

Jung, sprachgewandt, TV-erprobt, hinreichend attraktiv und prominent – mehr kann man kaum aufbieten.

Angesichts der zu erwartenden flotten Ansprache jugendlicher Bücherwürmer, die den ZDF-Zuschaueraltersschnitt auf unter sechzig Lebensjahre drücken könnte, darf man getrost auf den Nachweis eines Literatur- oder Germanistikstudiums verzichten. Immerhin hat Roche schon 2005 praktische Erfahrungen mit Lesen gesammelt, als sie, gemeinsam mit dem Schauspieler Christoph Maria Herbst, öffentlich aus einer Dissertation vortrug. Thema: "Penisverletzungen bei Masturbation mit Staubsaugern".

Der Knacks

2. Roger Willemsen

Er ist die Lilo Wanders der deutschen Fernsehkultur, der Intellektuelle unter den Quotenrittern von der grinsenden Gestalt, die alternde Blondine des deutschen TV-Feuilletons. Er kann praktisch alles – und macht es auch.

Selbst wenn er derzeit keine eigene Sendung mehr hat, irgendwie scheint er omnipräsent und tanzt auf allen Talkshows: Eine ständige Parallelaktion im Musil’schen Sinne.

Gut zwei Dutzend Bücher hat er mit seinen 53 Jahren schon geschrieben, und das Themenspektrum ist, wie alles bei ihm, gewaltig. Ob "Das süße Gift der Sinne: Erotik" oder "Hier spricht Guantanamo", ob "Ein Schuss, ein Schrei - das Meiste von Karl May" oder schlicht "Der Knacks", sein letztes, sehr persönliches Werk – Willemsen ist nicht zu fassen.

Ein Multitalent, ein Mann für jeden Zweck. Er parliert ebenso eloquent über seinen ersten – und einzigen – Analverkehr wie über den intellektuellen Eros im Werk von Robert Musil. Ein fruchtbares Feuchtgebiet für jeden Gedanken, der zur Aussprache drängt. Ein idealer Kandidat.

Allzweckwaffe im Anzug

3. Jörg Pilawa

Jörg Pilawa – nicht zu verwechseln mit Kai Pflaume, Markus Lanz, Johannes B. Kerner, Reinhold Beckmann, Oliver Welke, Stefan Raab, Johann Lafer, Tim Mälzer oder Dirk Bach – ist die absolute Allzweckwaffe des deutschen Fernsehens.

Ob "Herzblatt", "NDR-Talkshow", große TV-Galas oder ausufernde Promiquizsendungen im Ersten – der 43-Jährige bringt jedes Format professionell zur Strecke. Legendär seine Moderationen bei "Pisa – der Ländertest", "Wie alt bist Du wirklich?" und "Frag doch mal die Maus". Derart gestählt dürfte ihm der neue Martin Walser keine echten Probleme bereiten. Schon gar nicht der Wechsel zum ZDF.

Finanziell unabhängig ist Pilawa in jedem Fall – als Mitinhaber der Modemarke "herrensache". Der Mann ist Spitze.

Hamlet-Harald mit Halbbildung

4. Harald Schmidt

Die Legende lebt. Inzwischen jedoch häufiger auf der Theaterbühne als im Kölner Fernsehstudio, mehr Hamlet als Oliver Pochers Nachtschwester Harald. Immer schon war der ambitionierte Gelegenheitsschauspieler und Hobbyorganist Schmidt ein heimlicher Bücherwurm, der öffentlich mit seiner Halbbildung kokettierte.

Als Heidenreich-Nachfolger könnte er mit diesem Pfunde wuchern – und brillieren – wie niemand sonst im deutschen Fernsehen.

Wunderbar die Vorstellung, dass in jeder Sendung zur vollen Stunde Reich-Ranickis Geist erschiene mit den Worten "Mein Lieber, schon naht sich meine Stunde, wann ich den schweflichen, qualvollen Flammen mich übergeben muss. Vorher aber will ich den Tellkamp loben noch". Shakespeares Geist auf dem Mainzer Lerchenberg. Beim Polonius, Harald würd's schon richten.

Kompetenz im Doppelpack

5. Claus Kleber und Gundula Gause

Die absolut seriöse Spar-Variante. Das Double-Feature vom "heute-journal". Ein Paar wie Blitz und Donner, sturmfest und erdverwachsen, blau und blond, sattelfest in allen Studiolagen. Es wäre ein intimes Zwiegespräch – "Gundula?" "Ja, Claus!" – über wichtige Bücher am rauchenden Kamin des Lebens. Unser Geheimtip. Danach das Wetter mit freundlicher Unterstützung von Diebels Alt.

Der Wolf, das Lamm, hurz!

6. Hape Kerkeling

Der Mann, der die historische Antwort auf Theodor Fontanes "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" verfasst hat – "Ich bin dann mal weg" –, wäre ein echter Coup fürs ZDF. Leichter lesen mit Hape – das wäre wirklich mal Neues aus der Anstalt. Hurz!

Feuchtgebiete reloaded

7. Dieter Bohlen

Ja, warum denn nicht? Der Mann hat gerade, als Erfolgsratgeber getarnt, eine zweite voluminöse, mega-erfolgreiche Autobiographie vorgelegt: "Planieren statt sanieren".

Exakt so würde er auch bei "Lesen, voll die Latte!" vorgehen. Hau weg die Scheiße! Und schon kommt der nächste Wälzer aufs Boot. Boot? Ja, genau. Denn Dieter würde seine Literatursendung natürlich voll krass von Malle aus fahren, am besten in so ner schönen Bucht mit Zitronenbäumen im Hintergrund und so. Carina würde Kaffee für die ZDF-Fuzzys ranschaffen, und ab geht die Flaschenpost.

In einem Land, in dem ein "Tatort"-Kommissar Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten werden kann, der Deutschland nicht für eine Demokratie hält, kann sich Dieter locker über "Feuchtgebiete reloaded. Männer packen aus" unterhalten – zum Beispiel mit Peter Maffay. Der wohnt gleich um die Ecke.

Comeback der Kritikerin

8. Sigrid Löffler

Ein klares Statement gegen den Jugendwahn. Und für Kompetenz. "Frau Löffläärrr!" schallt es unvergessen durch unser historisches Ohr – Marcel Reich-Ranickis notorischer Hilfeschrei im "Literarischen Quartett", wenn wieder einmal etwas furchtbar Falsches gerade gerückt werden musste.

Jetzt könnte Frau Löffläärrr zurückschlagen, und zwar solo. Gerade im Unfrieden aus der von ihr herausgegeben Zeitschrift "Literaturen" geschieden, hätte sie jede Menge Zeit für den Senioren-Recall.

Natürlich würde sie als ersten Gast Elfriede Jelinek einladen. Eine knallharte Alternative zu "Lanz kocht".

Endlich ausschlafen!

9. Cherno Jobatey

Einziger Grund für die Nominierung: Der Mann, der seit gefühlt zwei Jahrzehnten das ZDF-Morgenmagazin moderiert, braucht dringend eine Sendung, für die er nicht morgens um drei aufstehen muss. Das gebietet schon die öffentlich-rechtliche Fürsorgepflicht. Das Fernsehen ist schließlich für den Menschen da und nicht umgekehrt.

Alleskönner unter sich

10. Günter Jauch

Wenn der Mann schon nicht Bundespräsident, Bundeskanzler oder Beauftragter für die verlorenen Ostgebiete werden kann – Potsdams Ehrenbürger ist er schon –, dann gebt dem Lieblingsmoderator aller Deutschen doch endlich eine seriöse Sendung, in der er auf Augenhöhe mit sich selbst sein kann!

Die Einschaltquote würde explodieren, und für Günter Jauch moderiert sich das bisschen Lesen doch von selbst.

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