Heilbronner "Corpus Christi" Gastspiele gegen Fundamentalisten-Hetze

Sowohl Christen als auch Muslime erhoben gegen "Corpus Christi" den Vorwurf der Gotteslästerung, weil das Stück die Lebensgeschichte Jesu in der Homosexuellenszene ansiedelt. Sogar Mord- und Bombendrohungen gingen beim Heilbronner Theater ein. Doch die deutschen Bühnen zeigen sich solidarisch und luden die Heilbronner zu Gastspielen ein.


Ulm - 15.000 Unterschriften sind gegen das Stück gesammelt worden, und ein Londoner Muslimenführer, Sheik Omar Bakri Muhammed, sah sich gar bemüßigt, eine Fatwa mit einem Todesurteil wegen Gotteslästerung auszusprechen.

In dem Theaterstück des amerikanischen Pulitzer-Preisträgers Terrence McNally werden Jesus und seine Apostel als trinkfreudig und homosexuell dargestellt. Christen und Moslems hatten das Stück als gotteslästerlich bezeichnet. Gegen Intendanten, Regisseur und Oberbürgermeister waren seitdem Morddrohungen eingegangen. Seit einer Bombendrohung im Februar finden die Aufführungen unter verschärften Sicherheitsvorkehrungen statt. Dessen ungeachtet ist die Inszenierung Abend für Abend ausverkauft.

Schon in einem frühen Stadium hätten sich die Tübinger der umstrittenen Inszenierung gegenüber gastfreundlich gezeigt, erklärte Andreas Oberbach, Stellvertretender Intendant des Heilbronner Stadttheaters gegenüber SPIEGEL ONLINE. Nun seien Einladungen von Freiburg, Rostock und Ulm erfolgt. Auch andere Schauspielhäuser wie Karlsruhe und Leipzig zeigten Interesse.

Sicherheitskontrollen vor einer "Corpus Christi"-Aufführung
DPA

Sicherheitskontrollen vor einer "Corpus Christi"-Aufführung

"Corpus Christi" könne jedoch nicht in jedem Haus aufgeführt werden, so dass etwa für die kleine Bühne in Tübingen eine Kammer-Version einstudiert werden müsse, sagte Oberbach. Finanziert werden die Gastspiele unter anderem durch die Mithilfe des Deutschen Bühnenvereins. Dessen Landesverband Baden-Württemberg hatte sich bereit erklärt, pro Gastspiel 3000 Mark zu zahlen. Die Heilbronner zeigen sich erfreut, dass sie mit ihrer umstrittenen Inszenierung nun die Solidarität der anderen Bühnen erfahren. Angesichts der Bomben- und Morddrohungen, die seit der Deutschlandpremiere von "Corpus Christi" im September erfolgten, haben diese Solidaritätsbekundungen besondere Bedeutung.



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