Lob auf die Solidarität Du, ich und alle anderen

Auf der Suche nach dem Wir: Der Soziologe Heinz Bude fordert ein neues Mit- und Füreinander ein - nur durch die Überwindung des neoliberalen Versorgungswettbewerbs ist Solidarität möglich.

Getty Images

Von


Wo ist eigentlich das schöne, alte, ehrwürdige Wort Solidarität hin? In Deutschland ist der einst so stolze Kampf- und Freundschaftsbegriff etappenweise aus dem Sprachgebrauch entfernt worden; etwa mit dem Ende der letzten großen Arbeitskämpfe Anfang der Achtzigerjahre und dem Dahinsiechen linker Utopien zum Abschluss des Jahrzehnts. In den Neunzigern kam das Wort dann absurderweise vor allem im fiskalischen Kontext vor, in Form des Solidaritätszuschlags für die damals neuen Bundesländer.

Der Soli, das war der hartnäckige kleine Bruder der Kirchensteuer, den man einfach nicht loswurde, da konnte einem der beste Steuerberater nicht helfen. Der Soli war verordnete Solidarität - also das Gegenteil von gelebter Solidarität, jener Zugewandtheit des Menschen zum anderen Menschen, die immer wieder aufs Neue aus diesem selbst heraus aktiviert werden muss. Der Teilrückbau des Sozialstaats schließlich, durch den der Mensch in Versorgungsfragen zum Player auf dem volatilen Gesundheits-, Renten- und Pflegemarkt gemacht wurde, markierte dann das endgültige Aus für den Begriff.

In dieses sozialpolitische Ödland knallt nun der Soziologe Heinz Bude ein Buch mit einem geradezu trotzigen Titel: "Solidarität". Im Untertitel attestiert Bude dem eigentlich schon von der Geschichte abgewickelten Begriff die unaufhaltsame Rückkehr: "Die Zukunft einer großen Idee."

Plädoyer für ein zärtliches Weltempfinden

Ist der Mann ein Träumer? Ja und nein. Es gibt in seinem Buch anrührende, meditative Passagen, in denen er mit Bezug auf den Existenzialisten Albert Camus ein neues, zärtliches Weltempfinden einfordert. Und es gibt schroffe, analytische Passagen, in denen er unserer aktuellen Schwerfälligkeit in Sachen Solidarität auf den Grund geht.

Heinz Bude
imago/ Manfred Segerer

Heinz Bude

Was ist also das Problem? Bude sieht es vor allem in einer neuen, großen, schichtenübergreifenden Bevölkerungsgruppe, die er "die Selbstbesorgten" nennt. Es geht bei dieser Gruppe um die von Panik und Pessimismus getriebenen Eigenverwalter, die darauf konditioniert worden sind, autonom für alle Unwägbarkeiten Vorsorge zu treffen. Man will sich ja vom Leben nicht verarschen lassen. Bude machte sie schon 2014 in seinem Buch "Gesellschaft der Angst" zum Thema, wo er den modernen Menschen im Hamsterrad der Selbstoptimierung zeichnete.

Die "Selbstbesorgten", wie sie Bude nun nennt, glauben jedes lebens- und arbeitsweltliche Risiko minimieren, wenn nicht gar beseitigen zu können, indem sie privatwirtschaftliche Absicherungsmaßnahmen treffen. Es gelte, so Bude, das "Ideal der Selbstsozialisation in Eigenbetrieblichkeit".

Solidarität als Schwäche?

Gesundheit, Arbeit und Auskommen, alles lässt sich aus dem Blick der Selbstbesorgten autonom verwalten; Sport, Ernährung, Weiterbildung und Versicherungen sorgen für Stabilität in allen Lebenslagen. Der Staat als soziale, als solidarische Instanz gerät in dieser Logik immer weiter in den Hintergrund.

Im Buch heißt es: "Die Selbstbesorgten rücken von der Idee der Solidarität ab, weil sie darin eine Formel der Schwäche und der Abhängigkeit sehen." Bude macht deutlich, wie sehr die neoliberale Idee, dass Glück nur eine Frage der richtigen (Selbst-)Organisation sei, längst Konsens über alle Parteigrenzen hinweg ist.

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:34 Uhr
Ohne Gewähr

ANZEIGE

Heinz Bude
Solidarität: Die Zukunft einer großen Idee

Verlag:
Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Seiten:
176
Preis:
EUR 19,00

Doch im absoluten Glauben an die Organisierbarkeit des Glücks liegt eben auch ein brutaler Ausschlussmechanismus: Wenn nach Logik der Selbstbesorgten jeder Abstieg durch die richtige Vorsorge verhindert werden kann, dann müssen die, die dennoch absteigen, eben die falsche oder keine Vorsorge getroffen haben. Bude fasst die dahinter stehende Haltung so zusammen: "Arbeitslosigkeit ist kein Schicksal kapitalistischer Lohnarbeit, sondern unleugbares Resultat schonungslosen Lebenswandels."

Teilhabe auf Augenhöhe

Unter einer solchen Schuld- und Schuldenabwägung lässt sich nun mal kein Wir denken. Man kann barmherzig auf jene schauen, die angeblich ihr Leben vermasselt haben, und ihnen Geld oder Kleider spenden, aber man wird ihnen nicht die Vorzüge eines Sicherheitssystems zukommen lassen wollen, von dem man glaubt, dass man es auf eigene Kosten errichtet hat. Solidarität aber meint nicht das Verteilen von Almosen, sondern Teilhabe auf Augenhöhe, die sich über eine Gruppe von Menschen erstreckt, die zum Teil eine andere Lebensorganisation betreibt als man selbst: du, ich und alle anderen.

Und was hat man nun von so einem Schulterschluss? Eben nichts; jedenfalls erst mal kein wirtschaftliches messbares Ergebnis. Bude schreibt: "Solidarität ist oft sinnlos fürs Ganze und teuer für mich selbst." Das Mit- und Füreinander, so wie es der Autor mit historischem Rückgriff auf die Antike und in euphorischer Vorschau auf eine neue Gemeinschaftlichkeit darstellt, ist kein Verrechnungsvorgang, kein ökonomisch gesteuerter Interessenausgleich zwischen unterschiedlich starken Gesellschaftsgruppen. Es ist vielmehr - Camus noch einmal - das Zulassen einer existenziellen Selbsterfahrung: Die Anderen seien nun mal einfach da, "und ich kann mir nicht vorstellen, wie ich ohne die vielen Anderen sein könnte".

Vielleicht ist Solidarität, wie wir sie heute denken können, einfach nur eine Therapiemaßnahme, um ein scheinbar zweckfreies Zusammenrücken zu lernen und um den letztendlich zerstörerischen neoliberalen Wettbewerb in Versorgungsfragen zu überwinden. Für eine Gesellschaft, die endgültig auseinanderzubrechen droht, ist so eine Therapie dringend erforderlich.



insgesamt 20 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
KarlASH 21.03.2019
1. Nichts als Gleichmacherei
es scheint mir als würde Herr Buß einfach nicht verstehen wollen dass insbesondere die Marktwirtschaft und der individuell Einsatz gerade für den Wohlstand aller gesorgt haben. Seine Ansichten und die hier beschriebene EInstellung ist nichts anderes als ruinöser Sozialismus. Wie gut sowas funktioniert konnte man ja sehen. Wohingegen Selbstverantwortung und Marktwirtschaft in den letzten 200 Jahren zu mehr Wohlstand für alle geführthaben.
ackermart 21.03.2019
2. Paradox ...
, dieser Gebrauch des Wortes 'neoliberal' im Para eben neben dem Neuverständnis von 'liberal", als Inbegriff für sozial nun und sogar die weltsolidarische Neomoral eines ehemaligen Superspekulanten der alt-liberal verstandenen Welt.
asasello23 21.03.2019
3.
Zitat von KarlASHes scheint mir als würde Herr Buß einfach nicht verstehen wollen dass insbesondere die Marktwirtschaft und der individuell Einsatz gerade für den Wohlstand aller gesorgt haben. Seine Ansichten und die hier beschriebene EInstellung ist nichts anderes als ruinöser Sozialismus. Wie gut sowas funktioniert konnte man ja sehen. Wohingegen Selbstverantwortung und Marktwirtschaft in den letzten 200 Jahren zu mehr Wohlstand für alle geführthaben.
"Seine Ansichten und die hier beschriebene EInstellung ist nichts anderes als ruinöser Sozialismus." Sehe ich ähnlich. So wie Bude es beschreibt dürfte es Solidarität erst seit wenigen Jahrzehnten geben. Denn erst nach 1945 wurden ja die umfangreichen Sozialsysteme die wir heute kennen richtig aufgebaut. Ich finde es auch nicht schlüssig, warum das Ziel "für alle Unwägbarkeiten Vorsorge zu treffen" den Indvidualisten angeheftet wird. Ist es nicht vielmehr Ziel der Linken Schutz für jede Unwegbarkeit des Lebens sicherzustellen? Auch würde ich gerne wissen, ob er irgendwelche seiner Thesen auch empirisch belegen kann oder ob es einfach nur intellektuelle Gedankenspiele sind. Wer sind denn diese "die Selbstbesorgten"? Wie viele gibt es und nimmt ihre Zahl zu? Gibt es einen kausalen Zusammenhang zwischen ihnen und anderen gesellschaftlichen Entwicklungen? Ich vermute, dazu schweigt sich das Buch eher aus. Ich sehe das Problem eher anders: Solidarität war lange Zeit eine individuelle Entscheidung, bei der ich mich aktiv solidarisch mit meinen Mitmenschen zeigen konnte. Diese Solidarität wurde aber weitgehend an anonyme Sozialsysteme übertragen, so dass ich bequem sagen kann, das Elend Anderer geht mich nichts an. Soll sich der Staat kümmern! Kümmern muss ich mich nur noch um mich selbst, besonders wenn wie jetzt das Vertrauen in den Staat schwindet. So nagt der Sozialstaat, wenn er es übertreibt, an dem Fundament auf dem er steht.
irrenderstreiter 21.03.2019
4. Gift das wirkt ...
Jahrzehntelang wurdde/wird den Menschen diese Gift ins Ohr geträufelt, kein Wunder, dass es wirkt. JEDER kommt irgendwann an den Punkt in dem er die Hilfe Anderer braucht.
oifrr 21.03.2019
5. Die Selbstbesorgten
sorgen doch für sich und für andere, eben durch ihre Steuern- und Abgabenlast. Der normale Arbeitnehmer kann diesen Abgaben nicht ausweichen. Wenn der Sozialstaat nicht so aufgebläht und riesig wäre, dann würde sich zeigen, dass nicht der normale Bürger das Problem ist, sondern der Superreiche, der keine Steuern zahlt und der Arbeitgeber, der zu niedrige Löhne zahlt. Das alles muss der normale Bürger durch seine Abgaben finanzieren. Vielleicht sollten alle Sozialleistungen Mal für kurze Zeit gestrichen werden. Dann zeigt, wer in unserer Gesellschaft bisher solidarisch war und wer nicht. Unser Sozialsystem vertuscht und verbirgt die eigentlichen Egoisten.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.