Helene Fischer und #wirsindmehr Sorry. Und danke

Unserem Autor ging Helene Fischer immer auf den Senkel - wegen ihrer Musik. Aber auch, weil sie zu politischen Themen stets schwieg. Jetzt hat sich das geändert.
Helene Fischer

Helene Fischer

Foto: Britta Pedersen/ dpa

Liebe Helene Fischer,

ich weiß, Ihr Terminkalender ist voll. Wahrscheinlich entschlacken Sie gerade irgendwo, pflegen Ihre Stimmbänder mit Salbeitee und Honig (aber nicht zu viel Honig), optimieren mit leichtem Hanteltraining Ihren Trizeps - oder was auch immer jemand tut, der mit 900 Stundenkilometern in der Stratosphäre des Erfolgs unterwegs ist.

Ich möchte mich bei Ihnen entschuldigen. Und bedanken.

Das fällt schwer, gerade dem Kritiker. Der hockt zitternd vor Neid in seinem sicheren und warmen Loch, guckt so halb raus, maulwurfshaft, und bemeckert alles, was seinen gewaltigen Ansprüchen nicht genügt. Nörgel, nörgel. Quengel, quengel. Sie kennen das - beziehungsweise kennen es eben nicht - , denn was kümmert Sie das Geschreibsel kümmerlicher Kläffer, die kaum ihre Miete bezahlen und selbst keinen Foxtrott von einem Slowfox unterscheiden können? Sollen sie doch Kate Bush oder Patti Smith hören, wenn ihnen "Atemlos" nicht passt!

Maulwürfe mögen keine Fliegen

Meine Abneigung - und nicht meine alleine, es gibt sehr viele solcher Löcher - bezog sich in der Vergangenheit aber nicht nur auf Ihre Kunst. Hier bleibe ich felsenfest bei der Meinung, dass Mist auch dann Mist bleibt, selbst wenn er Millionen Fliegen anzieht. Maulwürfe mögen keine Fliegen, obwohl da bestimmt auch total nette darunter sind, wenn man erst einmal mit ihnen ins Gespräch kommt.

Darüber hinaus aber ging mir seit einer ganzen Weile weniger Ihr akustischer Output auf den Senkel, als vielmehr das, was Sie nicht von sich gaben. Beim Skandal um den "Echo" beispielsweise und die Rapper Kollegium und Fahrrad Gangband oder so, da haben Sie sich weitestgehend - bis etwa auf einen lauwarmen Post auf Facebook (Zitat: "L I E B E!!!") - fein herausgeredet.

Aber auch schon vorher, als der Karren bereits zusehends in den Dreck zu schlittern drohte. Da meinte Campino  von den Toten Hosen: "Helene Fischer zum Beispiel äußert sich zu solchen Dingen nicht." Und weiter: "Aber was wäre, wenn sie sagen würde: Ich bin gegen die AfD und gegen die rechtsextreme Stimmung?"

Ja, was dann? Weiter im Campino-Gedankenspiel: "Sie würde unglaublichen Hass auf sich ziehen. Das Management würde vielleicht sagen: So einen Ärger brauchen wir nicht, wir haben eine gut geölte Maschine, die perfekt läuft, also bitte in Bezug auf Politik den Mund halten." So selten ich es mit den Toten Hosen halte (Maulwurf, Fliegen usw.), so sehr teilte ich da seine Meinung. Und nicht nur ich.

Geschäft ist Geschäft, und Dosenbier ist Dosenbier

Weitergespielt: Würden also Sie, Frau Fischer, künftig Songs wie "Bella Ciao" in Ihr gewiss makelloses Bühnenprogamm aufnehmen? Und mit gereckter Faust ("Alerta, Alerta, Antifascista!") ankündigen? Dann könnte der eine oder andere Fan aus der breiten Bevölkerungsmitte, der es in schwachen Momenten mit gewissen Positionen der AfD hält, beim Erscheinen Ihres nächsten Albums sagen: "Oh nein, diese linke Zecke kommt mir nicht mehr ins Eigenheim!"

Geschäft ist Geschäft, und Dosenbier ist Dosenbier. Weshalb auch die Frage, warum ein im Mainstream navigierendes Unterhaltungsschlachtschiff wie Helene Fischer nicht an der Seite der Toten Hosen, Kraftklub, K.I.Z. und Konsorten in Chemnitz aus allen Meinungsgeschützen gefeuert hat, eher rhetorischer Natur ist. Es gibt so etwas wie eine Unvereinbarkeit der Welten.

Nun aber haben Sie es doch getan. Auf Facebook, auf Instagram. Und in Ihrem eigenen Gewässer, in der größten Halle von Berlin, vor eigenem Publikum.

Dort verkündeten Sie, ich habe alles mitgeschrieben, das folgende Lied stehe "für Freundschaft, das steht für Toleranz, das steht für Zusammenhalt. Und ich wollte ganz gern heute Abend gemeinsam mit euch - …denn ich verfolge natürlich auch die Medien. Ich weiß, was in letzter Zeit los ist. Ich äußere mich nicht oft zu Politischem, ich gebe nie politische Statements, denn meine Sprache ist die Musik. Und deswegen heute Abend - jetzt und hier gemeinsam mit euch, wir setzen auch ein Zeichen! Und ich möchte jetzt und hier, dass keiner mehr sitzen bleibt, denn jetzt erhebt euch, erhebt gemeinsam mit mir die Stimmen, gegen Gewalt, gegen Fremdenfeindlichkeit, okay? Und lasst uns gemeinsam dieses Lied singen, wir brechen das Schweigen hier in Berlin! Whoo!"

Das, liebe Frau Fischer, hätte ich schlicht nicht für möglich gehalten. Dafür möchte ich mich bedanken. Besonders berührt hat mich das an Ihre tremolierende Rede anschließende "Okay", das wie ein privates Okay klang und gleich ein paar Oktaven tiefer kam, fast intim. Weil darin der Stein aufgefangen werden musste, der Ihnen vom Herzen, das Sie offenbar doch haben, gefallen sein muss. Dieses beinahe schon gutturale "Okay" war der tiefste und wahrhaftigste Ton, den ich in Ihrer kompletten Karriere jemals von Ihnen gehört habe. Sage ich als erfahrener Maulwurf.

Und wer Ihnen nun vorwirft, Sie hielten nur ihr "Fähnchen in den Wind", dem halte ich ein erfrischtes "Na und?" entgegen. Andere kreuzen seit Jahrzehnten vor diesem Wind, und den Wind lässt das völlig kalt. Er kommt und geht, woher und wohin er will. Wenn nun aber sogar eine "gut geölte Maschine" wie Helene Fischer da ihr Fähnchen reinhält, bläst er wohl wirklich gerade stark genug in die richtige Richtung. Das ist eine gute Nachricht.

Sorry. Und danke.

Ihr Kritiker