Helmut Newton Der männliche Blick

Helmut Newtons Aktfotografien hochmütiger Frauen in Domina-Pose sind von jeher umstritten. Manche feiern sie als Vision einer neuen Weiblichkeit, andere deuten sie als Zeugnis sexistischer Obsession. In Hamburg werden derzeit rund 250 Bilder aus dem Gesamtwerk Newtons gezeigt.

Von Gabriele Himmelmann


Hochmütige nackte Schönheiten in kleinbürgerlicher Umgebung, barbusige coole Blondinen in aufreizender Pose vor exotischer Kulisse oder in luxuriösen Hotelsuiten - stets ist es der weibliche Körper, den Helmut Newton in seinen Fotoarbeiten in Szene setzt. Eine umfassende Präsentation seiner Werke, die anlässlich seines 80. Geburtstages im Oktober 2000 bereits in Newtons Geburtsstadt Berlin zu sehen war, wird nun im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe gezeigt (20. Juli bis 9. September).

Der gebürtige Deutsche, der mit australischem Pass in Monaco lebt, wurde zunächst bekannt durch seine präzise konstruierten und arrangierten Modefotografien. Er arbeitete für die französische, italienische, englische und amerikanische "Vogue", für "Elle" und "Marie Claire", die Crème der internationalen Magazine. Aufsehen erregte er vor allem mit einem "quasi-pornographischen Tableau", veröffentlicht 1977 in der französischen "Vogue", wo Schaufensterpuppen in unverhüllt sexualisierten Posen gezeigt wurden. Dazu kamen Portraitaufnahmen, schließlich die reine Aktfotographie.

Hier vor allem inszeniert Newton seine Vorstellung von Weiblichkeit. Coole, unzugängliche Frauen bekleidet nur mit High Heels neben angezogenen Männern implizieren Geschichten von erotischen Obsessionen, von Provokation und Unterwerfung. Schließlich entstand die Serie der "Big Nudes", lebensgroße Aktfotografien: offensiv posierende junge Frauen vor weißem, neutralen Hintergrund. Dazu schreibt Newton: "Zu den 'Big Nudes' inspirierte mich 1980 eine deutsche Zeitschrift mit ihrem Artikel über die Spezialeinheit der Polizei, die mit der Terroristenverfolgung, in erster Linie der Jagd auf die Baader-Meinhof-Gruppe, beauftragt war. In den Diensträumen dieser Anti-Terror-Einheit hingen Fahndungsfotos, die die Verdächtigen vom Scheitel bis zur Sohle und in Lebensgröße zeigten. Bevor sie zu den 'Big Nudes' wurde, trug diese Akt-Serie lange Zeit den Arbeitstitel 'The Terrorists.'"

Newtons spezifischer Blick auf die Frau hat seit jeher polarisiert. Insbesondere seine Gegner, allen voran Alice Schwarzer, werfen dem Fotografen "sexistische, rassistische und faschistoide Propaganda" vor. Diese Anschuldigungen werden im Katalog zur Ausstellung aufgegriffen. Sexistisch, so steht da geschrieben, sei Newton nicht. Er habe mit seinen coolen Inszenierungen eine neue, selbstbewusste Form von Weiblichkeit, wie sie sich nun erst jetzt im dritten Jahrtausend zeigt, visionär vorweggenommen. Newtons Frauen seien "begehrenswerte, eigenständige Subjekte, weit entfernt von schwachen, objekthaften Frauen, die von Männern dominiert werden."

Nun entwickelt der Fotograf unzweifelhaft einen Blick auf Weiblichkeit, der sich von vielen anderen Entwürfen unterscheidet. Aber ist es nicht auch in seinem Fall ein zutiefst männlicher Blick, der seinen Inszenierungen zugrunde liegt? Gilt nicht auch hier, dass das Bild der Frau in erster Linie das Bild des Mannes von der Frau ist? Zweifellos hat Newton in seinen Fotoarbeiten ein bestehendes Bild transformiert, aber deshalb zeigt sich hier noch lange keine authentische Sicht auf das (neue) weibliche Selbstverständnis. Vielmehr stellt sich die Frage, wie viele Frauen sich in Newtons glamourösen, hochmütigen Blondinen in Domina-Pose wirklich wiederfinden können - und wollen.

Museum für Kunst und Gewerbe, Steintorplatz, Hamburg
Öffnungszeiten: Di., Mi., Fr., Sa. und So. von 10-18 Uhr, Do. 10-21 Uhr; Die Ausstellung läuft noch bis 9. September 2001.



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