Helmut Schmidt bei Maischberger Mantra der Nichteinmischung

Den Empfang des Dalai Lama hält er für falsch, und er warnt vor Verbalangriffen auf China: Altbundeskanzler Schmidt gab bei Maischberger eine Lehrstunde in Politik und Zeitgeschichte. Seine Botschaften: Der Westen kann irren - und für Asien ist die Demokratie nicht die passende Regierungsform.

Von Reinhard Mohr


Nein, ein Buddha, die Verkörperung der endgültigen Weisheit, die Inkarnation des Nirvana zu Lebzeiten, das ist der fast neunzigjährige Helmut Schmidt dann doch nicht. Aber am Ende des 75-minütigen Gesprächs mit Sandra Maischberger gestern Abend im Ersten bekannte der Altbundeskanzler große Sympathie für den Buddhismus und seine "Haltung gegenüber dem Leben". Überhaupt habe sich seine Toleranz gegenüber anderen Religionen und Weltauffassungen im Laufe der Jahre verstärkt. Die jahrhundertelangen Verbrechen des Christentums hingegen stünden ihm immer deutlicher vor Augen.

Alt-Bundeskanzler Schmidt (SPD): "Man soll sich nicht in die Angelegenheiten anderer Länder einmischen!"
DPA

Alt-Bundeskanzler Schmidt (SPD): "Man soll sich nicht in die Angelegenheiten anderer Länder einmischen!"

Wenn es allerdings um seine eigenen Auffassungen, um seinen eigenen Blick auf die Welt geht, dann ist die Toleranz merklich geringer als die abgeklärte Entschiedenheit des Urteils. Wie ein Mantra zog sich seine Haltung zur Frage "humanitärer Interventionen" des Westens durch die Sendung: "Man soll sich nicht in die Angelegenheiten anderer Länder einmischen!" sagte er immer wieder - so oft auch Sandra Maischberger, seine Lieblingsinterviewerin, nach Menschenrechtsverletzungen in China, nach Tibet und dem Dalai Lama fragte.

"Ich hätte das nicht gemacht", antwortet er auf die Frage, was er von Angela Merkels einschlägigen Aktivitäten halte. Er hätte weder den Dalai Lama empfangen noch das Thema Menschenrechte bei Staatsbesuchen in Peking angesprochen. Das Wort Tibet kommt ihm schon gar nicht über die Lippen.

"Anmaßung" sei das alles, so, als wüssten wir alles besser. Europa habe in seiner langen Geschichte selbst unzählige Greueltaten begangen. "Und wo stehen denn die Menschenrechte?" fragte er zurück. Sandra Maischberger war für einen Augenblick derart irritiert, dass sie eine nicht ganz korrekte Antwort gab: "In der Uno-Charta". "Nein", sagte Schmidt, "die stehen in der UN-Menschenrechtsdeklaration. Ist aber eine reine Absichtserklärung."

Für einige Sekunden schien der Boden der europäischen Aufklärung, des Humanismus und der universellen Geltung der Freiheits- und Menschenrechte bedenklich ins Wanken zu geraten, doch der "coolste Kerl Deutschlands" (so eine der jüngsten Auszeichnungen) schob rasch nach: "Für Asien ist die Demokratie einstweilen wohl nicht die passende Regierungsform, schon aus kulturellen Gründen."

An dieser Stelle hätte man sich jemanden wie Heiner Geißler als Antipoden gewünscht. Vielleicht hätte er gefragt, ob diese Bewertung auch für Simbabwe und Burma zuträfe, für Iran und Syrien, Sudan und Kuba.

Aber auch die Moderatorin hätte noch stundenlang weiter fragen können. Auf diesem Gebiet ist Helmut Schmidt dann doch ein – freilich rauchender – "Buddha aus Bergedorf" (seinem ehemaligen Wahlkreis), der die Weisheit gepachtet hat. Selbst der Intervention des Westens auf dem Balkan in den neunziger Jahren unterstellt er durchaus "imperiale Motive": "Die Bombardierung Belgrads durch die Nato hatte weiß Gott nichts mit humanitären Motiven zu tun. Und sie widersprach der UN-Charta." Oskar Lafontaine und Gregor Gysi, der einst kurz vor Beginn der Bombardierung in einer persönlichen "Friedensmission" noch den jugoslawischen Diktator und Massenmörder Slobodan Milosevic treffen wollte, können Beifall klatschen.

Selbst die eingespielten Bilder von der Eröffnung der Olympischen Spiele 1936 in Berlin durch Adolf Hitler können Schmidt nicht umstimmen. Auch wenn er keine persönliche Erinnerung mehr habe – "gewiss, unendlich peinlich" seien diese Szenen der nationalsozialistischen Instrumentalisierung des olympischen Gedankens, aber: "Jede Regierung wird versuchen, aus einem solchen Ereignis Kapital zu schlagen."

"Ich war damals nicht ehrlich"

Und die politische Verantwortung der Sportler 2008 in Peking? "Die sollen ihrem Sport nachgehen." Politik sei nicht ihre Sache. Aber auch für die gelte: Jeder Druck von außen könne gefährlich werden – "mit unvorhersehbaren Folgen."

Schon 1980, nach dem sowjetischen Einmarsch Afghanistans, war er gegen einen Boykott der Olympischen Spiele in Moskau, obwohl er das genaue Gegenteil im Bundestag verkündet hatte. "Ich war damals nicht ehrlich", sagt Schmidt heute. "Der Grund waren die sowjetischen Raketen, die auf uns gerichtet waren." Der Druck der Amerikaner, auf deren militärischen Schutz Deutschland angewiesen war, erzwang schließlich die Entscheidung, den Olympia-Boykott mitzumachen. Eine kleine Lehrstunde in Zeitgeschichte.

Doch lieber noch spricht Schmidt über seine erste Begegnung mit Mao Zedong und Deng Xiaoping im Jahr 1975. Seitdem hat ihn die Faszination an China und seinen "gewaltigen Veränderungsprozessen" nicht mehr losgelassen. Ja, ein "brutaler Herrscher" sei Mao gewesen, dessen drei Dolmetscherinnen damals zuweilen verzweifelt versucht hätten, herauszufinden, was der greise Revolutionsführer eigentlich gerade sagen wollte. "Aber er war eben auch der Mann, der Chinas Souveränität wiederhergestellt und den Frauen die Gleichberechtigung gebracht hat."

Und das Massaker auf dem Platz des "Himmlischen Friedens" im Juni 1989? "Das war eine blutige Tragödie." In gewisser Weise also unausweichlich.

Diese Unausweichlichkeit, die durchaus etwas Fatalistisches hat, ist die Botschaft Helmut Schmidts. Er bewundert die 4000 Jahre chinesischer Hochkultur ebenso wie die spektakuläre, "frühkapitalistische" Entwicklung der chinesischen Wirtschaft heute und weiß doch, dass das Riesenreich der Mitte zugleich eine "Parteidiktatur" ist. Mag sein, dass die Generation Schmidts, letztlich durch zwei Weltkriege traumatisiert, den Glauben an das verloren hat, was einst die Französische Revolution und ihr spätes Werkzeug Napoleon Bonaparte antrieb: Freiheit und Glück auch mit dem Schwert zu erobern. Die Moralphilosophie des Konfuzius scheint da fast näher zu liegen als Voltaire und Kant.

Oft sagt Schmidt: "Das weiß ich nicht mehr. Das ist ja vierzig Jahre her." Selbst an die eingespielte Szene aus dem Bundestag kann er sich nicht mehr erinnern, als er einen Satz aus der roten "Mao-Bibel" vorlas, in dem es hieß, man solle die Dinge stets "von allen Seiten betrachten". Das war 1968 und auf jene Revoluzzer gemünzt, die "weder von Mao noch von China irgendeine Ahnung hatten".

Am Ende hakte Sandra Maischberger noch einige aktuelle Stichworte ab – vom "Monster" des Finanzmarkts über Barack Obama bis zur guten alten SPD. "Das ist Tagespolitik, dazu sage ich nichts", sagt der Altbundeskanzler immer wieder. Wir verstehen: Wer vom Dalai Lama schweigt, soll auch zu Kurt Beck kein Wort verlieren.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.