Helmut-Schmidt-Biografie Schlechtes Benehmen als Privileg 

Helmut Schmidt litt laut einer neuen Biografie unter seinem Machtverlust: Der Altkanzler wurde zwar als politisches Orakel verehrt. Im politischen Betrieb allerdings hörte niemand mehr auf ihn.

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Als im Sommer 1990 die deutsche Einheit bevorstand und Bundeskanzler Helmut Kohl nach dem Mantel der Geschichte griff, brach es aus seinem Vorgänger Helmut Schmidt heraus. "Mein Gott, was gäbe ich darum, daran noch mitwirken zu dürfen", schrieb er in einem Manuskript. Und strich die Passage vor der Veröffentlichung.

Keiner sollte mitbekommen, dass auch der große Helmut Schmidt unter einem Problem litt, das viele Pensionäre kennen: nicht loslassen zu können. Schmidt hatte von 1953 an im Bundestag gesessen, später diverse Ministerposten innegehabt, 1974 war er für acht Jahre ins Kanzleramt eingezogen. Seine Karriere dauerte also rund ein Dritteljahrhundert - und begann doch danach erst richtig. Er wurde Elder Statesman, Orakel, Alleswisser, die Verehrung hätte größer nicht sein können.

Über diese späten Jahre, in denen Schmidt ohne Amt und Würden auskommen musste, hat Thomas Karlauf eine Biografie geschrieben, die Schmidt-Fans ernüchtern könnte*. Entgegen der verbreiteten Annahme, der Altkanzler sei auch nach dem Sturz ein mächtiger Player geblieben, präsentiert Karlauf einen frustrierten Expolitiker, dessen Bücher zwar Millionen Käufer fanden, dessen Meinung aber ohne Resonanz blieb. "Von den Leuten in Berlin will kaum einer meine Ratschläge annehmen", klagte Schmidt 2003 in einem Brief.

"Willen braucht man. Und Zigaretten"

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Karlauf, 61, schildert manches aus eigener Anschauung. Seit 1987 ging der Lektor dem Altkanzler bei Memoiren und Politikbüchern zur Hand. Anderes kennt er aus Schmidts Archiv. Er habe, schreibt Karlauf, "schamlos alle Papiere herausgezogen, die sich später möglicherweise in irgendeinem Zusammenhang als nützlich erweisen" könnten. Zudem hat er Interviews geführt, unter anderen mit Altkanzler Gerhard Schröder.

Der Biograf rechnet der Einflussnahme Schmidts ganze zwei Entscheidungen während Schröders sieben Jahre dauernder rot-grüner Koalition zu. Schmidt half dabei, einen deutschen Kandidaten für den Direktorenposten des Internationalen Währungsfonds zu finden und die Kunstsammlung des Sammlers Heinz Berggruen aufzukaufen. Der erhoffte regelmäßige Gedankenaustausch mit Schröder blieb hingegen aus.

Schmidt wusste selbst, dass keine Regierung darauf erpicht ist, "von Vorgängern irgendwelche klugen Ratschläge zu erhalten". Dennoch gehörte er dem InterAction Council an, einem Gremium ehemaliger Staats- und Regierungschefs, die sich vor den G7-Gipfeln der großen westlichen Industriestaaten treffen, um diese zu beeinflussen. Doch auch da erzeugte sein Rat allenfalls ein leises Echo.

Der Altkanzler ergriff manch unfreiwillig komischen Versuch, die Zeitläufte zu steuern. Sechs Wochen nach dem Mauerfall 1989 sendete er an das Wirtschafts- und das Finanzministerium sowie ans Kanzleramt die Ausarbeitung "Mögliche Stufen eines wirtschaftlichen und sozialen Wiedervereinigungsprozesses". Das Papier war 1959 entstanden. Schmidt fand es relevant, die Adressaten waren anderer Meinung.

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Helmut Schmidt: Der Mann, der die RAF besiegte

Biograf Karlauf schildert auch Nickeligkeiten zwischen Schmidt und Kohl. Da schickte Schmidt Glückwünsche zum Geburtstag, Kohl aber keine Antwort. Als dieser dann Schmidt zum 65. Geburtstag mit Handschreiben auf privatem Briefpapier und einer Plastik von Henry Moore gratulierte, erhielt er zum Dank nur eine vorgedruckte Karte.

Im Mai 2015 erfuhr der Sozialdemokrat, dass es Kohl gesundheitlich sehr schlecht gehe. Er verfasste einen Nachruf, den Karlauf nun paraphrasiert. Danach bewertete Schmidt lediglich eine Entscheidung Kohls als historisch relevant, den Zehn-Punkte-Plan vom Herbst 1989. Die Sympathien des Biografen Karlauf liegen hier erkennbar bei Kohl: Schmidt hätte wohl der Mut gefehlt, die deutsche Wiedervereinigung 1989/90 so zustande zu bringen, wie es Helmut Kohl getan hat.

Thomas Karlauf ist ein einflussreicher Buchagent, Lektor und Ghostwriter, der schon an den Erinnerungen des CSU-Urvaters Franz Josef Strauß und dem umstrittenen Bestseller über das Auswärtige Amt und dessen Nazivergangenheit ("Das Amt") mitgewirkt hat. Loyalität und Verschwiegenheit sind eigentlich die Basis seines Geschäfts. Schmidt schont er trotzdem nicht. Ihn empört dessen Geringschätzung gegenüber Frauen ("Man muss das so hart sagen"). Und er beklagt das Auftreten: "Schmidt neigte dazu, schlechtes Benehmen als ein Privileg zu stilisieren."

Auch manche Indiskretion erfährt der Leser. Etwa über die Medikamente, die der betagte Schmidt einnahm und die ihn, wie nun zu lesen ist, an manchen Tagen "völlig außer Gefecht setzten".

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Über Karlaufs eigene Rolle erfährt der Leser wenig. Kein Wort davon, dass er das Buch "Zug um Zug" redigiert hat, in dem Schmidt 2011 seinen Schachpartner Peer Steinbrück zum SPD-Kanzlerkandidaten ausrief, was Karlauf im Nachhinein kritisiert.

Der Biograf hat auch an den vielen Erinnerungsbänden mitgearbeitet, in denen Schmidt bis zu seinem Tod vor rund einem Jahr seine Kanzlerschaft in goldenes Licht zu rücken suchte. Als der Altkanzler 1989 beim Schreiben des zweiten Memoirenbands vom Mauerfall überrascht wurde, fügte er den Hinweis ein, dass ihm die "tiefere innere Krise" der SED seit Längerem bewusst gewesen sei. Eine Behauptung ohne Belege, wie der Autor maliziös bemerkt. Schmidt habe sich, hält Karlauf an anderer Stelle fest, "die Dinge zurechtgebogen, bis sie passten".



insgesamt 48 Beiträge
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Jasro 05.10.2016
1. Helmut Schmidt überschätzte sich selbst...
Helmut Schmidt ist einer der am meist überschätzten Politiker, vor allem durch sich selbst. Helmut Schmidts wirtschaftspolitische Bilanz nach dem Machtverlust in Bonn 1982 war katastrophal, weshalb ja auch Hanns-Dietrich Genscher die Notbremse gezogen und die damalige sozialliberale Koalition aufgekündigt hatte. Und auch danach waren Schmidts "Ermahnungen" (oder was er darunter verstand) unerträglich. Seine Forderung, man solle China mit den "westlichen" Menschenrechten verschonen, weil Menschenrechte angeblich der chinesischen Kultur "fremd" seien, war ungeheuerlich, seine permanente selbstgerecht-arrogante Besserwisserei und Schulmeister-Attitüde, ob nun gegenüber der aktuellen Bundesregierung, dem Bundesverfassungsgericht, welchem er, als Nicht-Jurist, meinte Rechtsrat erteilen zu müssen, oder gegenüber sonst wem, waren immer schon unerträglich und am Ende nur noch peinlich.
spontanistin 05.10.2016
2. Menschlich, allzu menschlich.
Es dürfte jedem Zwangsrentner, der seinen Beruf engagiert und mit Kompetenz ausgeübt hat, ähnlich mit dem Bedeutungsverlust und der Ignoranz der jüngeren Besserwisser gehen. Das Problem ist eher, dass man zu oft aus manchen Menschen Übermenschen/ Heldengestalten macht, selten objektiv an der Gesamtpersönlichkeit fest gemacht, eher an einzelnen Handlungen, die oft genug auf einer Teamarbeit oder Zuarbeit von Beratern beruhen. Erkennt man dann den fehlerbehafteten und irrenden Menschen hinter dem glorifizierten Übermenschen, ist die Ent-Täuschung groß. Wer braucht Heldengestalten?
olli08 05.10.2016
3. Das wäre jedem passiert ...
Selbstverständlich hörte keiner (aus der Politik) mehr auf ihn. Sie haben ihn schließlich abgesägt und Politiker machen keine Fehler, außer denen natürlich, die weg vom Fenster sind. Nachher noch auf Schmidt zu hören, wäre ja das Eingeständnis eines Fehlers gewesen ...
ludwig49 05.10.2016
4. Helmut Schmidt war ein Kanzler...
...der sich seine Meriten verdient hat. Die sozialen Brennpunkte in der Gesellschaft hat er nicht gelöst, die Nachfolger aber auch nicht. Ein wenig geistreicher Satz von ihm war: "Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen"! Helmut Schmidt bleibt in Erinnerung, wie er im Rauch seiner Zigarette letztlich Weisheiten von sich gab. Es ist anscheinend so, die besten Politiker sind diejenigen, die nicht mehr im Amt sind.
fallobst24 05.10.2016
5. Ein Mann
Helmut-Schmidt war ein durch und durch pragmatischer Mensch, dem Naivität ein Grauen war. Am Ende zählen greifbare Resultate und nicht das vor dem inneren Auge schwebende, unerreichbare Wolkenkuckucksheim. Er war ein Macher und das hat er bei der RAF und der Flutkatastrophe in Hamburg eindeutig bewiesen. Das sage ich als relativ junger Mensch. Er war auch sicher abgehoben hier und da, aber auf eine - wie ich finde - sympathische Art und Weise. Das passt zu seinem hanseatischen Duktus, macht ihn aber in unserem Land voller durchschnittlicher Graumäuse in Politik und Gesellschaft natürlich nicht unbedingt beliebt. Der Langweiler mit einem verweichlichten Charakter und Horizont von 2,5 Metern Feldweg zum Quadrat sticht weniger hervor und ist daher beliebter, weil ungefährlich. Der Vergleich zu den Politikertypus der letzten 10 Jahre ist an dieser Stelle so überflüssig wie der Vergleich von Tag und Nacht. Helmut Schmidt gab am 09.11.2015 dem "WDR5 Redezeit" ein sehr persönliches Interview. Sehr empfehlenswert: http://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr5/wdr5-tischgespraech/index.html Es befindet sich auf der 2. Seite als 6. von unten.
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