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Helmut Schmidt: Rauch und Ratio

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Helmut Schmidt wird 95 Der Lotse hat das Wort

Ex-Kanzler hatte Deutschland schon viele, doch einen solchen Altkanzler gibt es nur einmal. Zu seinem 95. Geburtstag würdigt die ARD Helmut Schmidt mit einem Porträt - jeder Satz des Jubilars ist ein Kondensat seiner Weltsicht.

Helmut Schmidt wird in Deutschland verehrt wie kaum ein Anderer. Kein Genussmittel konnte seine Gesundheit zerstören, kein Sturm des Weltgeschehens schien seine Ruhe zu beeinträchtigten. Mit Büchern, Leitartikeln und Interviews hat er sich ein beachtliches Publikum verschafft - auch, weil so viele seiner, mitunter nahe an der Glückskeksweisheit liegenden Sätze sofort als typische Helmut-Schmidt-Sätze erkennbar sind.

"Glück ist ein Gefühl, das von kurzer Dauer ist. Man kann es durch Zufriedenheit ersetzen", ist ein solcher Satz. Schmidt sagt ihn auf eine Frage des "Zeit"-Chefredakteurs Giovanni di Lorenzo, der ihn, wie schon in der erfolgreichen Kolumnenreihe "Auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt", nun auch fürs Fernsehen interviewt hat. Am 23. Dezember wird Schmidt 95 Jahre alt. Das Porträt "Helmut Schmidt - Lebensfragen", das die ARD zu diesem Anlass sendet, zeigt einen Mann, der sich in seinen Antworten viel knapper fasst, als er das in vergangenen Fernsehproduktionen - etwa Sandra Maischbergers Film "Außer Dienst" - getan hat. Jeder Satz ein Kondensat schmidtscher Weltsicht.

Schmidt postuliert: "Ich würde anstelle des Worts Helden das Wort Vorbilder setzen." Schmidt bilanziert: "Mir ist der eigene Geltungsdrang durchaus bewusst." Schmidt resümiert: "Ich möchte in Erinnerung bleiben als jemand, der seine Aufgaben erkannt und erfüllt hat." Und erklärt, als ihn di Lorenzo auf den Tod Hanns-Martin Schleyers im Deutschen Herbst 1977 anspricht, noch einmal seine Beweggründe, den entführten Arbeitgeberpräsidenten nicht gegen die in Stuttgart-Stammheim einsitzenden RAF-Kämpfer auszutauschen: "Das hatte mit Staatsräson nichts zu tun, sondern mit Vernunft."

"Helmut Schmidt - Lebensfragen" zeichnet das Bild eines Mannes, der die Ratio an Stelle der politischen Romantik gesetzt hat und die Nüchternheit an Stelle des Charisma - und der gerade durch den Verzicht auf vorlauten Heroismus zu einer historischen Figur wurde.

In Stunden größter Anspannung

Anders als Willy Brandt, sein Vorgänger als Regierungschef, hat Helmut Schmidt mit der deutschen Vergangenheit nicht mittels großer Gesten oder wegweisender Reden gebrochen. Er kniete nicht im Warschauer Ghetto nieder, forderte nicht, "mehr Demokratie" zu wagen - sondern hatte im Zweiten Weltkrieg als Offizier in Hitlers Wehrmacht gedient.

Er wurde nicht geliebt, sondern respektiert. Wohl auch, weil Schmidt dem Pathos, den großen Gefühlen und den größenwahnsinnigen Reden, mit denen Kaiserreich und Nationalsozialismus die Massen mobilisiert und dabei immer auch die Tradition des deutschen Idealismus missbraucht hatten, noch gründlicher abgeschworen hat, als andere Politiker der jungen Bundesrepublik.

Schmidt ist ein Bewunderer des Philosophen Karl Popper. Ein kritischer Rationalist, der auch privat alles einer rigiden Nüchternheit unterzuordnen scheint - zumindest in diesem Fernsehporträt, das sich in zwischen die Interviewsequenzen geschnittenen Spielszenen auf die Momente im Leben Helmut Schmidts konzentriert, die jenseits seiner öffentlichen Auftritte stattfanden. Dazu gehört auch die 68 Jahre dauernde Ehe mit seiner Frau Loki. Den Beginn ihrer Beziehung kommentiert Schmidt mit den Worten: "Sie war kein Schwarm. Wir waren gute Freunde."

Schmidts Vorgänger im Kanzleramt wurde nachgesagt, die Zwänge seiner Karriere mit erotischen Eskapaden zu kompensieren - im kürzlich gesendeten Brandt-Porträt "Erinnerungen an ein Politikerleben" tauchte, von vielen Andeutungen umflort, eine Frau auf, die man eigentlich nur für eine ehemalige Geliebte halten konnte. Schmidts Nachfolger Helmut Kohl fand in leutselig zelebrierter Vorliebe für gutes Essen und womöglich auch in der immer wieder kolportierten Nähe zu seiner Sekretärin Juliane Weber ein Gegengewicht. Schmidt selbst, wie ihn der Fernsehfilm zeigt, ist ein unerbittlicher Pflichtmensch, für den es außer dem Regieren nichts gab als das Klavierspiel und Zigaretten - in Stunden allergrößter Anspannung mähte er auch mal den Rasen.

"Schmeckt immer noch"

Dem Menschen Schmidt kann "Lebensfragen" trotz fünf Hauptdarstellern, die ihn in verschiedenen Lebensabschnitten zeigen, schon deshalb nicht überzeugend nahekommen, weil das Prinzip der Doku-Fiction, des Eventmovies und wie all die scheußlichen Spezialbegriffe heißen, die es zu Schmidts Regierungszeit noch nicht gab, ohne Pathos und Zuspitzung kaum auskommt.

In den dramatischen Situationen seiner Karriere - der Hamburger Sturmflut 1962, nach dem Rücktritt Brandts 1974 und beim Sturm auf die von Terroristen entführte Lufthansa-Maschine "Landshut" im Herbst 1977 - wirkt Schmidt als Filmfigur fast antitelegen hölzern. Das ist dann doch zu viel Heroisierung als Anti-Heros. Schließlich hat der Altkanzler in seiner Regierungszeit die Medien durchaus zu nutzen gewusst. Selbst seine berühmte Forderung nach einem fernsehfreien Tag pro Woche diente wohl eher der medialen Inszenierung der eigenen Person als der Volkserziehung.

In der stärksten Passage des Films lässt Schmidt gegen Ende für einen kurzen Moment die sonst verborgene eigene Verletzlichkeit durchscheinen: "Ihr habt das in der 'Zeit' gar nicht bemerkt, dass es mir schlecht ging", antwortet er di Lorenzo, als der ihn auf den Tod seiner Frau anspricht.

Schnitt, letzte Einstellung. Schmidt hat seine Fassade wiedergefunden. Und sagt: "Aber die Zigarette schmeckt immer noch." Auch ein klassischer Helmut-Schmidt-Satz.


"Helmut Schmidt - Lebensfragen", 23.12.2013, 21.45 Uhr, ARD