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"Unterm Rad" in Stuttgart: Aus dem Leben getrieben

Foto: Julian Marbach

Schul-Drama in Stuttgart Einer von den ganz Gescheiten

Neues von der Leistungsgesellschaft: Das Staatsschauspiel Stuttgart verwandelt Hermann Hesses Erzählung "Unterm Rad" in eine sehr sehenswerte Tragikomödie.
Von Stephan Reuter

Fünf Clowns in einer Lache, das Wasser steht knöcheltief, ein Entrinnen gibt es nicht. Also hops, in einer Reihe aufgestellt, Hosenträger stramm gezogen, jeder zeigt, was er kann, jeder zeigt, was ihm einfällt, jeder buhlt um Beifall, um die Bestnote. Der Moment, in dem einer des anderen Papierschiff zertrampelt, kommt da von ganz allein. O du lieber Augustin.

Der Regisseur Frank Abt hat mit fünf männlichen Darstellern eine Spielanordnung für Hermann Hesses bald 110 Jahre alte Erzählung "Unterm Rad" gesucht und gefunden, er hat dafür viel gelesen, über Bildungswettbewerb und Burn-out-Kids, über Einzelkampf und Gemeinschaftssinn, über angepasstes und kreatives Denken.

Dann hat Abt die ganze Erziehungswissenschaft beiseite geschoben und sein Stück mit Zirkusimprovisation begonnen. Bühnenbildner Michael Köpcke hat dafür eine schiefertafelgraue Studiobühnenzelle in die Stuttgarter Außenspielstätte Nord gebaut, den Boden geflutet und Auswege weggelassen - abgesehen von einem Tau für klettertüchtige Systemausbrecher, das ins Nichts hinaufführt.

Aufstiegschancen in Schwaben

Das andere Seilende züngelt lose ins Becken, man kann darauf in Artistenlaune balancieren. Man kann damit auch auf das Wasser einprügeln, aus ohnmächtiger Wut, weil doch die Kaninchenstallzeit unwiederbringlich verloren ist.

Vorbei dieses privilegierte Klassenprimusdasein im Schwarzwälder Nest, es wartet das Zentralexamen, die ultimative Aufnahmeprüfung. "Denn", so erzählt Hesse, "in schwäbischen Landen gibt es für begabte Knaben, ihre Eltern müssten denn reich sein, nur einen einzigen schmalen Pfad: durchs Landexamen ins Seminar, von da ins Tübinger Stift und von dort entweder auf die Kanzel oder aufs Katheder."

Seit Jahrzehnten ist "Unterm Rad" Pflichtlektüre wider das repressive Bildungssystem. Hesses Held Hans Giebenrath ragt nicht nur durch seine Gelehr- und Gehorsamkeit aus der Schülermasse heraus, sondern auch durch einen - im Grunde erbärmlichen - Hang zur Überarbeitung.

Hans besitzt jenen vergeistigten Tunnelblick, der heute bei jedem Therapeuten Alarm auslösen würde. Doch zu Giebenraths Zeit gibt es keine Schulpsychologen, nur einen autoritätshörigen Vater, Extralektionen beim Stadtpfarrer und einen Rektor, der jauchzt, dass ihm endlich "einer von den ganz Gescheiten" in die Hände gefallen ist.

Leistungsdruck - ein Leben lang

Am Staatsschauspiel Stuttgart  freilich lässt es Frank Abt gar nicht erst auf ein Pennälerdrama ankommen. Leistungsdruck, das ist für ihn Leidensdruck, von der Kita bis zur Rente. "Heute muss alles perfekt sein", sagt Abt im Programmheft-Interview. "Alles muss gelingen. Das ist beruflich wie im Privaten die absolute Überforderung und die Frage, wie lange das auszuhalten ist, hört nie auf, in keiner Altersstufe."

Folgerichtig hat Abt sein Ensemble quer durch die Altersstufen besetzt, vom hochbegabten Schauspielstudenten Christian Czeremnych über Florian Rummel und Matti Krause bis zu gestandenen Schauspielern wie Andreas Leupold und Sebastian Röhrle. Feste Rollen gibt es nicht, alle sind sie Giebenraths, jeder vertritt irgendwann auch die Obrigkeit. Fest steht hingegen, dass in einer Prüfung nur die Prüfer ihren Spaß haben, und der Prüfling fürchtet sich. Vier gegen einen, das ist die häufigste Konfliktsituation "Unterm Rad".

Die Zustände an der Klosterschule Maulbronn kreuzt die Regie entschlossen mit der Gegenwart, in der Überzeugung, dass die Überspanntheiten in der Bildungsmühle zu allen Zeiten ähnlich sind. Giebenraths einziger Freund, der genialische Quertreiber Hermann Heilner, sprengt dann in Stuttgart eben die Englischstunde.

Und der Ephorus, der Klosterschulleiter (in dieser Szene: Matti Krause), feuert seine glänzende Strafpredigt über die Degeneriertheit der Jugend ad libitum direkt ins Publikum ab. Heilner kriegt Karzer, und Hans schweigt feige dazu. Dabei hatten sie ihre Freundschaft oben auf dem Steilwandrand noch mit einem Kuss besiegelt.

Erst als sich Mitschüler Hindinger still ins Wasser legt, als Mahnmal dafür, wie leicht ein Kind im Konkurrenzkampf untergeht, nähern sich die Freunde nochmals an. Es spritzt und platscht. Aber da hat diese Komödie ihre tragische Wendung schon vollzogen. Den Ausreißer Heilner holt der Landjäger. Er muss das Klosterbecken verlassen.

Homogenität, Zusammenhalt war gestern. Die Gruppe in der Spielarena dünnt sich aus. Die übrigen beiden Giebenraths werden von Heulkrämpfen geschüttelt, sie rennen wie irre gegen die Wände. Eine Autorität allein ist da zum Aufrichten zu wenig. "Das ist nicht meine Aufgabe", spricht der Lehrer noch. Und verdrückt sich.

Den letzten Hans gibt Andreas Leupold als mattes Häuflein im Eck, sehr verbraucht, sehr gealtert. Da kann Christian Czeremnych als verjüngter Vater noch so strotzen vor Rosskur-Ideen. Am Ende blicken vier traurige Clowns auf Hans im Wasser hinunter. Auf ein Kind, das ihnen und uns und dem Leben davongetrieben ist.


Unterm Rad. Schauspiel Stuttgart, Spielstätte Nord, weitere Vorstellungen am 12., 17. und 18. Juli. Wiederaufnahme am 1. Oktober, Schauspiel Stuttgart .