Hermann Vaske Warum sind Sie kreativ?

Der ehemalige Werber und Filmemacher Hermann Vaske hat kreative Geister nach dem Grund ihrer Begabung befragt. Die Antworten verhelfen einfallslosen Menschen zwar nicht zu Ideenreichtum, sorgen aber für gute Unterhaltung.
Von Constanze Semidei

In den Chefetagen deutscher Werbeagenturen steht man mit beiden Beinen fest auf dem Teppichboden. Die führenden Köpfe der Markenkreation legen ein geradezu protestantisches Arbeitsethos an den 14-Stunden-Tag. Befragt nach den Ursachen ihrer tollen Einfälle, schwafeln sie nicht von Ideen und höheren Zielen, sondern reden von Mäusen, Kohle und Kies - schnödem Mammon also. Konstantin Jacoby von der Hamburger Agentur Springer & Jacoby zum Beispiel fühlt sich moralisch verpflichtet, für den dicken Inhalt seiner Lohntüte auch etwas Ordentliches abzuliefern. Jean-Remy von Matt wiederum muss kreativ sein, damit sein an Luxus gewöhnter Partner einen entsprechenden Lebensstil aufrecht erhalten kann. Während sich dieser auf Bootsmessen aufhält, schwitzt jener über einer neuen Kampagne für den Audi TT. So einfach ist das.

Zweiundsiebzig Mal hat Autor Hermann Vaske die eine Frage gestellt: Warum sind Sie kreativ? Angesprochen hat er Leute, deren Job es ist, Ideen zu haben und diese in die Tat umzusetzen - Werber, Filmemacher, Schauspieler, Musiker und Politiker also. Politiker? Ja, auch die.

Zweiundsiebzig Antworten hat er bekommen, die nicht immer ernst gemeint sind, die sich oft ähneln, und die vor allem dann beeindrucken, wenn sie der Befragte in Ermangelung von Worten mit dem Zeichenstift gegeben hat. So stellt der Künstler Damien Hirst den Ursprung seiner schöpferischen Kraft als ejakulierenden Penis neben einer angedeuteten Scheidenöffnung dar. Ex-Stern-Chefredakteur Michael Maier antwortet mit einem handgezeichneten Partitur, Filmstar Anthony Quinn hat ein klassisch-griechisches Profil gemalt - Alexis Sorbas? Bei soviel Kreativität ist der Leser für Hermann Vaskes hübschesten Einfall besonders dankbar: Der amerikanische Psychiater Jeffrey Zeig hat die prominenten Antworten auf die Ledercouch gelegt. So erfährt man von Steven Spielbergs tiefer Dankbarkeit gegenüber seinen Eltern, oder dass Günter Grass und Ben Kingsley einem inneren Zwang folgen - sie können nicht anders. Auf den letzten Buchseiten findet sich dann eine Zusammenfassung der Antworten, unterteilt nach den psychologischen Ursachen des kreativen Triebes.

In einem knappen Vorwort erklärt Hermann Vaske seine Idee, die hinter dem Sammelsurium steht. "In der heutigen Welt ist Kreativität zu einem Schlagwort geworden, das für jeden eine andere Bedeutung hat." Besonders die Werbebranche scheint das Wort und seine Adjektive gepachtet zu haben, jede auch noch so kurze Beratung ist in der Welt der Warenanpreisung "creative". Vaske, einst selbst Werber, fragt sich, warum trotzdem am Ende soviel langweiliger Mist herauskommt. Sein Buch ist daher offenbar ein Versuch, dem schmuddeligen Wort wieder eine Seele einzuhauchen. Das gelingt Vaske vor allem mit viel Augenzwinkern und einem schönen Layout.

Denn nicht immer stehen seine erlesene Interviewpartner befriedigend Rede und Antwort. Als Vaske den Werbeprofi Charles Saatchi befragt und argumentiert, daß schließlich auch der Dalai Lama und Michail Gorbatschow die Frage beantwortet hätten, sagt dieser schlicht: "Ich aber nicht." Ex-Monty Python Terry Gilliam schiebt alles darauf, als Mutant auf die Welt gekommen zu sein. Staatssekretär Michael Naumann gibt sich lieber faustisch-kryptisch und droht mit dem Zeigefinger: "Weil ichs nicht bin, will ichs sein. Wer glaubt, er seis, wirds schnell nicht mehr sein." Schade, er hätte es eigentlich reimen können.

Hermann Vaske: "Why are You creative?", Verlag Hermann Schmidt, Mainz

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