Hermans Nachschlag Evas psychedelischer Apfelkuchen

Mit "Das Eva-Prinzip" schrieb Eva Herman einen Beststeller und sorgte für jede Menge Wirbel. In Berlin stellte sie heute ihr Nachfolge-Buch vor: eine Briefesammlung mit Apfelkuchengeschmack. PR-wirksam rechnete sie nebenbei mit Ministerin von der Leyen ab.

Von Daniel Haas


Die Apfelkuchen-Story ist natürlich der Hammer. Erzählt hat sie heute Eva Herman, Deutschland prominenteste Retro-Pädagogin, bei einer Pressekonferenz anlässlich ihres neuen Buches. Die Geschichte geht so: Eine Frau hat Karriere gemacht, aber nicht geheiratet und keine Kinder bekommen. Mit 45 wird sie von jüngeren Kolleginnen aus dem Job gemobbt, jetzt sitzt sie zu Hause. Eines Tages lädt sie gleichaltrige Frauen ein, um sich zu beraten. Für die Runde backt sie einen Apfelkuchen. Das Ergebnis ist überwältigend - sowohl in kulinarischer als auch in emotionaler Hinsicht. Durchs Kuchenbacken wird der Frau schmerzhaft klar, was sie all die Jahre vermisst hat. Und was sie wirklich braucht. "Noch nie habe ich so eine Geborgenheit empfunden", zitiert Herman die Frau.

Der Apfelkuchen ist ein Symbol; vor allem der Kenner amerikanischer Kino- und TV-Ware weiß, dass er vorzugsweise in ländlichen Gegenden entsteht, wo Mütter in karierten Schürzen ihre Familien mit Selbstgebackenem stärken. Der Retriever bellt herzig, Papa kommt vom Angeln heim; Sohn und Tochter schlürfen Milch aus großen Gläsern.

Es ist gegen dieses Bild nichts einzuwenden. Ein Idyll, so kitschig es sein mag, birgt immer auch utopische Restbestände vom wahren Leben im Falschen. In der Apfelkuchenszene bewies Herman ihr dramaturgisches Talent: Eindrucksvoller kann man die Misere der kinderlosen Frau nicht auf den Punkt bringen als mit dieser Miniatur des Verlusts.

Hermans neues Buch "Liebe Eva Herman", eine Sammlung von Briefen, die ihr nach Veröffentlichung des Bestsellers "Das Eva-Prinzip" zugingen, muss als kollektiver Ruf nach Apfelkuchen verstanden werden. Mochte die Journaille, zu 70 Prozent kinderlos, wie die Autorin anmerkte, über ihr Anti-Emanzipartionswerk hergefallen sein, das "Volk" (Herman) hatte die Message verstanden.

Zur Erinnerung: Im "Eva-Prinzip" hatte Herman behauptet, in den westlichen liberalen Gesellschaften werde die Frau via Emanzipation nicht glücklich. Im Gegenteil: Ignoranz gegenüber der natürlichen Aufgabe von Mann und Frau habe die Geschlechter in einen aussichtslosen Kampf getrieben, an dessen Ende die Erosion des Sozialen und die Auslöschung der Spezies steht.

Der heute in Berlin vorgestellte Briefband soll die Korrektur zum wertindifferenten Medienzynismus liefern: Schreiben von Männern und Frauen, die in Hermans Fünfziger-Jahre-Programm die Lösung für die demografische und moralische Misere des Landes sehen.

Volkes Stimme

Die Autorin zitierte sich die Allgemeinheit an die Seite - ein kluger Zug. "Die medienpolitische Scholle reagiert anders als die Menschen", sagte sie und nutzte im selben Atemzug geschickt die aktuelle Berichtererstattung zum Kita-Streit für die eigene Agenda. Von der Leyens Idee einer ausgebauten Frühkinderbetreuung fungierte dabei als Modell des Bösen: die Krippe als Abschiebehaft der Kleinsten und Schwächsten mit eingebautem Neurose- und Depressionspotential.

Elegant verknüpfte Herman transnationale Diagnostik (das zwar Kita-reiche, aber sozialpsychologisch bankrotte Schweden; die vom Kollektivismus ums frühkindliche Glück gebrachten, saufenden Russen) mit Kritik am deutschen Arbeitsmarkt, der auf die "billige Resource Frau nicht mehr verzichten wolle". Walter Mixas Gebärmaschinen-Gezeter klang hier an - die Autorin war aber zu klug, sich den Bischof explizit zum Gewährsmann zu machen.

Dafür wechselte sie souverän zwischen psychologischen, politischen und moralischen Aspekten ihres Themas, ohne den Kern ihres Projekts auszusparen: die Unterschiede von Mann und Frau, wie sie "unser Schöpfer" vorgegeben hat. Schweres Schnaufen, ja Entrüstung bei den zahlreich erschienenen Journalisten war programmiert, als Herman ihre biologistisch-fundamentalistische Doktrin zum Besten gab.

Deutscher Sonderweg

Beeindruckend, wie die frühere Tagesschau-Sprecherin und mehrfache Buchautorin, medizinische Befunde auf spirituelle Maßstäbe projizierte. Lässig ratterte sie die Namen von führenden Bindungsforschern herunter, leitete die Unabdingbarkeit der Mutter in frühen Kindheitsjahren aus der Physiologie ab und blendete virtuos über zu Vertretern des Islam, die sie für ihre moralische Klarheit lobten.

Entnervtes Augenrollen, vor allem bei jüngeren Journalistinnen; ansonsten stellte sich die Erkenntnis ein, dass Herman tapfer die Werte eines bestimmten Milieus verteidigt, das den Sonderweg in grundsätzliche Wertedebatten als Ausweg aus den politischen und sozialen Verhältnissen versucht. Die christlich überbaute, wertkonservative Mittelschicht tut sich scheinbar immer noch schwer, den rigorosen Flexibilitätsgeboten der nachmodernen Welt auch ideologisch nachzukommen. Real mag man schon so leben - die Kleinen früh in die Kita, beide berufstätig, und wenn nur einer, dann immer hart an der Leistungsgrenze -, ideell soll wenigstens die Idee einer Alternative erhalten bleiben.

Sie ist das Stück Apfelkuchen, das Eva Herman weiterhin serviert. Es ernährt keinen, aber es schmeckt manchen besser als die bittere Pille der Wirklichkeit.



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